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Grüne Petersilien-Zwiebel-Torte

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit75 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm eine gute Milch, etwa ein halbes Maß, und schlage vier oder fünf Eier darunter. Nimm Petersilie sowie das Grüne von vier oder fünf Zwiebelköpfchen und rühr das alles miteinander, klein gestoßen.

Gib die Mischung in ein Tuch und drücke sie aus. Den ausgepressten Brei oder die ausgepresste Flüssigkeit gib in die Ei-Milch-Masse, sodass sie grün aussieht und nach der Zwiebel schmeckt. Die Masse muss so dick sein wie das reine Eiermus, und gut gezuckert, dabei aber weder zu salzig noch zu süß.

Mach den Teig wie für die Krauttorte. Lass ihn halb ausbacken, schneide ihn auf, sobald er fertig gebacken ist, rühr ein wenig frisches Schmalz darunter und streue Zucker darüber. So gib die Torte heiß auf den Tisch.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain guͦte milch / als auf ein halbe maß Milch (ein halbes Maß) 500 ml - -
vier oder ſünff ayer Eier 4 - -
Peterſil Petersilie - - -
das gruͤn von vier oder fünff zwiffel haͤüptlen Grünes von 4 Zwiebelköpfchen 4 - Frühlingszwiebelgrün oder Lauchgrün
das brot oder die bꝛuͤ ausgepresster Brei (aus dem Kräutertuch) - - Brühe (die ausgepresste Flüssigkeit statt des festen Breis)
wol zuckert Zucker - - -
nit verſaltzen Salz - - -
mach den taig wie die kraut Toꝛten Tortenteig (wie für die Krauttorte) - - -
ain wenig friſch ſchmaltz etwas frisches Butterschmalz - - -
zucker darauff Zucker zum Bestreuen - - -

Welches Gericht ist das?

Eine herzhaft-leicht gesüßte Petersilien-Zwiebelgrün-Torte auf Tortenteig, gebunden mit einer Ei-Milch-Masse. Die nächste lebende Verwandtschaft ist eine grüne Kräuter-Frühlingszwiebel-Quiche oder eine gesüßte Variante des Zwiebelkuchens - mit dem Unterschied, dass hier Zucker sowohl in der Füllung als auch zum Bestreuen gehört, während moderne Quiche oder Zwiebelkuchen rein herzhaft bleiben.

Garzustand der Füllung.

Der Text nennt vor dem Aufschneiden nur „halb ausgebacken“ und serviert danach sofort, ohne ein eigenes Garkriterium für die Füllung zu benennen. In der Praxis empfiehlt es sich, vor dem Servieren zu prüfen, dass die Ei-Milch-Füllung vollständig gestockt und durchgegart ist - notfalls nach dem Aufschneiden und dem Einrühren von Schmalz und Zucker noch kurz nachgaren lassen. Historisch ist auch denkbar, dass das Stück bewusst nur halb durchgebacken angeschnitten wurde und die Resthitze der Kruste zusammen mit dem sofortigen heißen Servieren als ausreichend galt.

Praxis.

Milch und Eier verquirlen. Petersilie und Zwiebelgrün fein stoßen, durch ein Tuch pressen und den Presssaft samt Brei in die Ei-Milch-Masse rühren, bis sie grün gefärbt ist und nach Zwiebel schmeckt - mit Zucker und Salz ausgewogen abschmecken. Den vorbereiteten Tortenteig damit füllen und mit Glut über und unter dem Gefäß zunächst halb ausbacken. Aufschneiden, frisches Schmalz und Zucker einrühren, auf vollständige Bindung der Füllung prüfen und sofort heiß servieren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Die Torte braucht keinen echten Ofen und keine Kühlung - gebacken wird mit Glut über und unter dem Gefäß, wie bei den anderen Torten dieses Kapitels. Aufwand entsteht durch den vorzubereitenden Tortenteig und das Auspressen der Kräuter durch ein Tuch, aber das ist Standardtechnik, keine Sonderausstattung - kein Zwanzig-Minuten-Gericht, aber am Feuer machbar.

Was bedeutet 'das brot oder die brü' im Rezept?

Nach dem Auspressen der Kräuter durch das Tuch bleiben zwei Dinge übrig: der feste, ausgepresste Brei und die ausgepresste Flüssigkeit. Der Text erlaubt beides als Zugabe zur Ei-Milch-Mischung - eine echte Alternative, keine Aufzählung zweier Zutaten.

Was ist mit dem Teig 'wie die Krauttorte' gemeint?

Das Rezept verweist auf eine andere Torte im selben Kochbuch (eine Kohl- oder Krauttorte), deren Teigrezept hier als bekannt vorausgesetzt wird. Ein einfacher, herzhafter Mürbeteig ist eine gute moderne Annäherung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Mer ain Toꝛten. lvj. 4Nim ain guͦte milch / als auf ein halbe maß / ſchlag vier oder ſünff ayer darunder / nimb Peterſil / auch das gruͤn von vier oder fünff zwiffel haͤüptlen / die ruͤr als vn⸗ der ainander / klain geſtoſſen / nimbs inn ein tuͤch / truck es auß / das brot oder die bꝛuͤ / in das muͤß / das es gruͤn ſicht/ vnd nach dem zwiffel ſchmeckt / es muͦß ſo dick ſein als die ayer muͦß / vnnd wol zuckert / das auch nit verſaltzen ſein/ noch zuͦ ſuͤß ſein / mach den taig wie die kraut Toꝛten / laß in halb erbachen / ſchneids auff wanns bachen iſt / ruͤr ain wenig friſch ſchmaltz darunder / vnd zucker darauff / alſo haiß auff den tiſch geben.
zwiffel häüptlen

Kleine Zwiebelköpfchen, das Diminutiv von 'Haupt' (Kopf). Gemeint sind junge Zwiebeln, von denen hier nur das grüne Kraut verwendet wird, ähnlich wie heute Frühlingszwiebelgrün.

müß

Historische Schreibweise von 'Mus' - hier die Ei-Milch-Mischung, in die das grüne Gepresste eingerührt wird.

kraut Torten

Verweis auf eine andere Torte im selben Buch (Krauttorte), deren Teig hier als Vorlage dient. Der Teig selbst wird in diesem Rezept nicht neu beschrieben.

das brot oder die brü

Nicht das Backwerk Brot ist hier gemeint, sondern der ausgepresste Kräuterbrei: „brot“ ist in dieser Zeit auch ein Wort für Brühe oder abgepresste Masse, gleichbedeutend mit dem unmittelbar folgenden „brü“. Beide Wörter benennen dasselbe Ergebnis des Auspressens - eine echte Alternative, keine Aufzählung zweier verschiedener Zutaten.

aufein

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts: „aufein" ist die fehlende Wortlücke zwischen „auf" und „ein" (Kraken trennt Wörter hier gelegentlich nicht sauber). „Aufein" ist kein Wort. Die Gloning-Ausgabe von 1569 liest an dieser Stelle „auff ein halbe maß" (zwei Wörter) - dieselbe Lesung „auf ein" trägt bereits ingredients[0].original in dieser Datei, nur transcript.text wurde beim Review übersehen.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das dritte Buch: Eier und Milch
Folio
Fol. 011r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Peterſilparsley Q25284
ain wenig friſch ſchmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwanns bachen ist

Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: Vor dem Servieren sicherstellen, dass die Ei-Milch-Füllung vollständig gestockt und durchgegart ist - notfalls nach dem Aufschneiden und dem Einrühren von Schmalz und Zucker noch kurz nachgaren lassen.

Andere mögliche Lesart:

  • Historisch wird das Stück tatsächlich nur halb durchgebacken angeschnitten - die Resthitze der Kruste und das sofortige heiße Servieren gelten als ausreichend, um die dünne Füllschicht nachzugaren. - Im ständig befeuerten Ofen des 16. Jahrhunderts plausibel, an einem moderneren, kühleren Herd oder Marktstand aber nicht ohne Weiteres zu übernehmen - deshalb als Praxis-Empfehlung das vollständige Durchgaren vorziehen.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 011r (gedruckte Blattzählung XI recto), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ja, mit Zeitaufwand: Die Torte wird mit Glut über und unter dem Gefäß gebacken statt in einem echten Ofen, Kühlung ist nicht nötig - das ist die Standardtechnik dieses Torten-Kapitels, keine Sonderausstattung. Aufwand entsteht durch den vorzubereitenden Tortenteig und das Auspressen der Kräuter durch ein Tuch. Am Feuer mit Dutch Oven umsetzbar, aber kein Schnellgericht.
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Stand dieser Fassung: 06.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.