Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Nimm das Klare, also das Eiweiß, von zehn Eiern und quirle es oder rühre es rein ab, bis es klar ist.
Nimm einen süßen Milchrahm und lass ihn in einer schönen Pfanne sieden. Gieße das geschlagene Eiweiß unter den Rahm. Lass es nicht zu lange sieden, so wird es schön musartig. Gib reichlich Zucker dazu und reiche es so warm.
Gießt man es dagegen heiß auf eine zinnerne Schüssel und lässt es dort erkalten und stocken, so erhält man eine gesulzte Milch. Die reicht man gerne als letzten Gang, auf Hochzeiten oder auch sonst.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| klar von zehen ayrn | Eiweiß von 10 Eiern | 10 | - | - |
| ain ſuͤſſen milch raum | süßer Milchrahm | - | - | Schlagsahne (mindestens 30% Fett) |
| eerlich zucker | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein gestocktes Ei-Sahne-Mus: geschlagenes Eiweiß von zehn Eiern wird in gesüßten, siedenden Milchrahm gegossen und gerinnt dort zu einer weichen, breiigen Masse - vergleichbar mit einem Eierstich in Brühe. Warm serviert bleibt es ein weiches Mus; kalt in einer flachen Schüssel gestockt wird daraus die "gesulzte Milch" - der Sache nach näher an einer gestockten Rahmsüßspeise als an einer echten Sülze, denn hier bindet allein das Eiweiß, ohne Gelatine oder Hausenblase.
Die Reihenfolge bei der kalten Variante. Der Text nennt Stocken und Ausgießen im selben Atemzug, aber eine bereits gestockte Masse lässt sich nicht mehr gießen: gemeint ist, die heiße Mischung auf die zinnerne Schüssel zu gießen und sie dort erkalten und stocken zu lassen - nicht umgekehrt.
Wie lange sieden? Der Text warnt ausdrücklich vor zu langem Sieden, damit die Masse weich und musartig bleibt statt zäh und körnig zu werden - eine reale Eigenschaft von Eiweiß beim Erhitzen. Eine Zeit- oder Temperaturangabe fehlt.
Praxis. Eiweiß von zehn Eiern glattquirlen, bis es klar ist. Süßen Milchrahm (ersatzweise Schlagsahne, mindestens 30% Fett) in einer Pfanne aufkochen, das Eiweiß einrühren und nur so lange sieden lassen, bis es durchgehend gestockt und nicht mehr durchsichtig ist - dann sofort von der Hitze nehmen, bevor es körnig wird. Reichlich Zucker einrühren und warm servieren. Für die kalte Variante die heiße Masse stattdessen auf eine flache Schüssel gießen und im Kühlschrank mehrere Stunden oder über Nacht stocken lassen (historisch reichte dafür ein kühler Keller ohne aktive Kühlung), bevor die "gesulzte Milch" aufgeschnitten serviert wird.
Beide bestehen aus derselben Mischung aus geschlagenem Eiweiß, gesüßtem Milchrahm und Zucker. Warm serviert bleibt sie ein weiches Mus. Gießt man sie dagegen heiß auf eine flache Schüssel und lässt sie dort erkalten und stocken, wird daraus die festere 'gesulzte Milch', die man laut Text gern als letzten Gang bei Hochzeiten reichte.
Ja, mit Einschränkung bei der kalten Variante. Die warme Mus-Version ist in 20 Minuten mit einer Pfanne über dem Feuer fertig. Die kalte 'gesulzte Milch' braucht dagegen kühle Lagerung zum Stocken und sollte bei Sommerhitze nicht über Stunden offen stehen.
‚Zwiers‘ kommt von zwirlen, quirlen: Das Eiweiß wird gequirlt oder glattgerührt, bis es klar ist. Staindl gebraucht das Wort auch beim Mandel-Igel (std-005 „zwierle das mit einem holtz durcheynander“). Mit ‚zweimal‘ hat es nichts zu tun.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Verbform zu 'Mus' - meint, dass die Eiweiß-Rahm-Mischung beim Sieden zu einem weichen, dickflüssigen Brei eindickt.
Wörtlich 'gesülzte Milch'. Anders als eine echte Sülze/Gallerte stockt sie hier nicht durch Gelatine oder Hausenblase, sondern allein durch das gerinnende Eiweiß - eher eine gestockte Rahmsüßspeise als ein Aspik.
Eine Schüssel aus Zinn - im 16. Jahrhundert übliches, wertvolleres Tischgeschirr, passend zum festlichen Anlass der Hochzeit.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| klar von zehen ayrn | egg white Q796758 |
| eerlich zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 06.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.