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Saibling und Schleie sieden

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 30 Min. KüchenzeitPortionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Den Saibling siedet man wie Forellen.

Die Schleie dagegen muss vor dem Aufschneiden in heißes Wasser gelegt und wieder herausgenommen werden. Danach mit einem Rupfentuch gut abziehen, denn dabei löst sich ein schädlicher Schleim von der Haut. Solche Schleien brauchen ebenso lange zu sieden wie Kalbfleisch, sie sind ein schlichter Fisch und leicht zuzubereiten.

Brachsen: Brachsen siedet man ebenso wie Karpfen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Salmbling Saibling - Fischhändler Forelle als Ersatz, wenn kein Saibling erhältlich ist
Schlein Schleie - Fischhändler Karpfen als Ersatz, wenn keine Schleie erhältlich ist
waſſer Wasser - - -
Prachſen Brachsen - Fischhändler Karpfen, da laut Text ohnehin gleich gesotten

Welches Gericht ist das? Drei knappe Kochanweisungen für drei Süßwasserfische - kein vollständiges Rezept, sondern reine Zubereitungstechnik. Saibling wird wie Forelle gesotten, Schleie bekommt vor dem Sieden eine besondere Vorbehandlung, Brachsen wird wie Karpfen gesotten. Schlichtes Fischpochieren dieser Art ist bis heute in der Alpen- und Donauküche üblich; die Schleie-Vorbehandlung - Hautschleim per Heißwasserbad lösen und mit einem groben Tuch abreiben - hat eine lebendige Parallele in der bis heute praktizierten Vorbehandlung schleimhäutiger Fische wie Aal vor dem Häuten.

Dauer und Temperatur des Heißwasserbads. Der Text nennt nur heißes Wasser, keine Zeit oder Temperatur. Praxis: ein kurzes Bad von wenigen Sekunden bis unter einer Minute in sehr heißem, nicht kochendem Wasser, sofort gefolgt vom kräftigen Abreiben mit dem Rupfentuch - ein zu langes Bad gart den Fisch bereits vor.

Siedezeit im Vergleich zu Kalbfleisch. Der Vergleich mit der Garzeit von Kälberin flaisch ist wörtlich genommen irreführend: Kalbfleisch braucht beim Sieden deutlich länger als jeder Fisch, ein wörtliches Befolgen würde die Schleie zerkochen. Praxis: sieden, bis der Fisch gerade durchgegart ist und sich löst - bei Schleie realistisch etwa 10-15 Minuten. Den Vergleich eher als 'braucht länger als eine zarte Forelle' lesen, nicht als konkrete Zeitangabe.

Praxis. Saibling wie Forelle sanft pochieren. Schleie zunächst kurz in heißes Wasser tauchen, mit einem groben Tuch den Hautschleim abreiben, dann etwa 10-15 Minuten sieden. Brachsen wie Karpfen sieden.

Warum muss die Schleie vor dem Kochen in heißes Wasser gelegt werden?

Die Schleie trägt eine dicke, schleimige Hautschicht, die beim Kochen einen unangenehmen, schädlichen Schleim abgibt. Ein kurzes Bad in heißem Wasser löst diese Schicht, sodass sie sich mit einem groben Tuch (Rupfentuch) leicht abziehen lässt, bevor der Fisch weiterverarbeitet wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Es braucht nur einen Topf, Feuer und ein Tuch, dauert etwa 30 Minuten und verlangt kein spezielles Equipment - einzig frischer Fisch sollte am Markttag besorgt und bis zur Zubereitung kühl gehalten werden.

Was ist ein 'Rupfentuch'?

Ein Rupfentuch ist ein grobes, festes Tuch aus Hanf oder Leinen, ähnlich einem heutigen Geschirrtuch aus Sackleinen. Es dient hier dazu, die schleimige Hautschicht der Schleie nach dem Heißwasserbad kräftig abzureiben.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Salmbling Schlein. cj. (Seüdt man wie Foꝛhen / Die Schlein den muͦß ma in ain haiß waſſer legen / eh man aufſthuͦͤt / vnd auß dem waſſer nemen / vnd ain Rupfſen tuͦch genomen / alſo wol abzogen / Dann ſo gehet ain ſchaͤdlicher ſchleim herab / ſolche Schlein dürffen als wol ſiedens / als ain Raͤlberind ſlaiſch / iſt ain ſchlechter viſch zuͦ zebereyten. cij. Prachſen ſeüd man gleich wie die Rarpffen.
Rupfsen tuch

Ein Rupfentuch, ein grobes, festes Leinen- oder Hanftuch, mit dem man den Hautschleim der Schleie abrubbelt.

Kälberin flaisch

Kalbfleisch. Die Garzeit der Schleie wird hier mit der von Kalbfleisch verglichen, nicht als Zutat gemeint.

schlechter visch

'Schlecht' meint hier 'schlicht/einfach', nicht 'von schlechter Qualität' - die Schleie gilt als unkomplizierter Fisch in der Zubereitung.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das vierte Buch: Fisch und Krebs
Folio
Fol. 017v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Schleintench Q83363035
waſſerwater Q283
Prachſencommon bream Q144534

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartDauer und Temperatur des Heißwasserbads für die Schleie

Gewählte Lesart: Der Text nennt nur 'haiß waſſer' ohne Zeit- oder Temperaturangabe. In der Praxis empfiehlt sich ein kurzes Bad (wenige Sekunden bis unter einer Minute) in sehr heißem, nicht kochendem Wasser, sofort gefolgt vom Abreiben mit dem Tuch.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Vorlage lässt offen, wie heiß und wie lange genau gebadet wird. - Keine Zeit- oder Temperaturangabe im Originaltext - die moderne Praxisempfehlung ist eine Interpretation, keine belegte Vorschrift. Ein zu langes Bad würde den Fisch bereits vorgaren.

LesartSiedezeit der Schleie im Vergleich zu Kälberin flaisch

Gewählte Lesart: In der Praxis: sieden, bis der Fisch gerade durchgegart ist und sich löst - bei Schleie realistisch etwa 10-15 Minuten. Den Vergleich mit Kalbfleisch eher als 'braucht länger als eine zarte Forelle' lesen, nicht als konkrete Zeitangabe.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich genommen verlangt der Text eine Kalbfleisch-Garzeit (oft deutlich über 45 Minuten). - Das würde die Schleie beim Sieden vollständig zerfallen lassen - eine Schwäche des historischen Vergleichs selbst, nicht der Übersetzung.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 017v (gedruckte Blattzählung XVIIv), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/std-101
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 30 Minuten fertig, nur Wasser, Salz und ein Tuch als Werkzeug nötig. Frischer Fisch (Saibling, Schleie, Brachsen) sollte am Markttag gekauft und bis zur Zubereitung kühl gehalten werden.
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Stand dieser Fassung: 06.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.