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Einbeizte Zungen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionenmehrere PortionenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm eine Zunge. Schneide den dicken Wurzelteil und das Fleisch davon ab und schlage sie gegen eine Bank oder einen Stein, damit sie weich wird.

Danach nimm rote Rüben, wasche sie sauber und lass sie sieden, bis sie weich werden, wie für einen Salat. Schneide sie in dünne Scheiben, wie für einen Salat. Nimm einen Topf und lege eine Schicht Rüben hinein, und ein wenig zerstoßenen Anis und Koriander.

Salze die Zungen gut, lege sie darauf, dann mehr Rüben und Anis. Wenn du die Zungen alle hineingelegt hast, so gieße die Brühe, in der du die roten Rüben gesotten hast, kalt darüber. Lege ein Brettchen darauf und beschwere es nieder. Lass es so stehen, vier oder sechs Wochen.

Dann selche sie sehr langsam; man muss sie wohl drei Wochen selchen. Denn wenn man sie zu schnell selchen würde, so würden sie im Sommer ranzig schmecken. Und lass sie an der Kühle stehen, solange sie in der Beize liegen.

Dann schneide sie auf. Wenn du dann eine kochen willst, so siede sie und gib sie in ein Schälchen oder Pfefferlein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein zung Zunge 1 Metzger -
rot Ruͦben Rote Bete - - -
Enes Anis, zerstoßen - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
Coꝛiander zuͤͦrſtoſſen Koriander, zerstoßen - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ſaltz Salz - - -

Welches Gericht ist das? Eine Ochsen- oder Rinderzunge wird zunächst mehrere Wochen in einer kalten Salzlake mit Roter Bete, Anis und Koriander eingelegt (eingebeizt), danach weitere drei Wochen langsam geselcht und erst kurz vor dem Servieren aufgeschnitten und bei Bedarf kurz aufgekocht - im Kern die Vorstufe der bis heute bekannten Pökel- beziehungsweise Selchzunge mit Roter Bete.

Der abgeschnittene ‚Troß‘ ist vermutlich der dicke Wurzelansatz der Zunge, der beim Putzen ohnehin entfernt wird, damit die Lake gleichmäßig einziehen kann - für diese anatomische Bedeutung gibt es aber keinen Wörterbuchbeleg, nur die Kontextlogik.

Das Schlagen der Zunge gegen Bank oder Stein macht die Fasern mechanisch zart, wie es der Text selbst mit ‚das weich wirt‘ angibt.

Der zweite Reifeschritt - im Text ‚selch gar langsam ... drey wochen‘ genannt - ist sprachlich und zeitlich vom ersten Einlege-Schritt getrennt. Ob damit ein zweites, langsames Nachsalzen oder ein echtes Kalt-Räuchern gemeint ist, lässt sich aus dem Text allein nicht sicher entscheiden. Sicher ist nur die Warnung: zu schnelles Vorgehen lässt die Zunge im Sommer ranzig werden.

Praxis. Für die Salzlake nennt der Text keine Menge - setze mindestens 3 bis 5 % Salz vom Fleischgewicht an und bewahre die Zunge während der gesamten sieben bis neun Wochen im Kühlschrank oder Kühlraum bei 2 bis 8 °C auf, denn der Text warnt selbst vor Ranzigwerden im Sommer. Für den zweiten Schritt (‚selchen‘) kannst du wahlweise weitere drei Wochen im Kühlschrank trocken nachsalzen und regelmäßig wenden, oder die Zunge bei entsprechender Ausrüstung über denselben Zeitraum langsam kalträuchern - beide Lesarten sind historisch plausibel. Zum Servieren die fertige Zunge aufschneiden, ein Stück bei Bedarf kurz aufkochen und mit einem Schälchen oder einer Pfeffersauce (Pfefferlein) reichen.

Was bedeutet ‚Einbaißt‘ in diesem Rezept?

‚Einbaißt‘ ist eine frühneuhochdeutsche Form von ‚einbeizen‘, was bedeutet, Lebensmittel in einer würzigen Lake zu konservieren, also zu pökeln oder zu marinieren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dieses Rezept ist eine Anleitung zur langfristigen Konservierung von Zungen über mehrere Wochen: erst mehrere Wochen in einer Salzlake mit Roter Bete, danach weitere drei Wochen langsames Selchen (Nachsalzen oder Räuchern). Es ist nicht für die Zubereitung oder den Verzehr im Lager geeignet, da es lange Reifezeiten und durchgehend kühle Lagerung erfordert.

Was bedeutet ‚schmeckend‘ im Kontext dieses Rezepts?

Im Kontext der Konservierung bedeutet ‚schmeckend werden‘, dass das Fleisch ranzig wird oder verdirbt, wenn es nicht korrekt oder zu schnell konserviert wird, besonders im Sommer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Einbaiſt zungen zuͦmachen. clvvihj. gSo nimb ein zung / ſchneid den troß vnd das fleiſch daruon / vnnd ſchlags wider ain banck / oder ſtain/ das weich wirt / darnach nimb rot Ruͦben / die waſch ſchoͤn vnnd laß ſiden / das waich werdenn / wie zuͦ ainem Salat ſchneids düñ ſcheüblecht wie zuͦ anem Salat / vnd nimb ain hafen vnd legain leg Ruͤben darein / vnd ain wenig Enes vnd Coꝛiander zuͤͦrſtoſſen / ſaltz die zungen wol / lege darauff / dañ mer Ruͤben / vnd Enes / vnd wañ du die zuͦ⸗ gen allhinein haſt gelegt / ſo geuß die bruͤ / da du die rotten Ruͦben in geſotten haſt dauon / kuͤl / leg ain braͤtle darauff vnd ſchwers nider / taß alſo ſteen / vier oder ſechs wochen/ dann ſo ſch oͤle gar langſam / an muͦß woll drey wochen ſchoͤlen / dann wann man ſie gehlingen ſchoͤlt / ſo werdens ſchmeckend / im Sommer / vnd an der kuͤl laß ſtehenn / die weils inn der baiß ligen / dann ſo hacks auff / ſo du deñ eine kochen wilt / ſo ſeids / gibs in aingeſcherbel oder pfefferlin.
Einbaiſt

‚Einbeizen‘ bedeutet, Lebensmittel in einer würzigen Lake zu konservieren, also zu pökeln oder zu marinieren.

Troß

Der ‚Troß‘ bezeichnet vermutlich den dicken Wurzelansatz der Zunge, der vor der Weiterverarbeitung abgeschnitten wird - eine Deutung aus dem Kontext, für die sich in den einschlägigen Wörterbüchern keine anatomische Bedeutung von ‚Tross‘ belegen lässt.

hafen

Ein ‚Hafen‘ ist ein Topf oder Kochgefäß.

sch oͤle

Vermutlich eine beschädigte Schreibung von ‚selch‘ (selchen) - der buchinterne Zwilling std-187 zeigt an der entsprechenden Stelle des fast wortgleichen Verfahrens das Wort ungestört als ‚ſelch‘. ‚Selchen‘ meint je nach Region entweder Räuchern oder ein zweites, langsames Nachsalzen; welche der beiden Techniken hier genau gemeint ist, lässt der Text offen.

schmeckend

Im Kontext der Konservierung bedeutet ‚schmeckend werden‘, dass das Fleisch ranzig wird oder verdirbt.

baiß

Die ‚Baiß‘ ist die Beize oder Pökellake, in der die Zunge eingelegt wird.

aingeſcherbel

Ein ‚eingescherbel‘ ist ein kleines Schälchen oder eine Schüssel zum Servieren.

pfefferlin

Ein ‚Pfefferlein‘ ist hier eine würzige Pfeffersauce, die zum Gericht gereicht wird.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das fünfte Buch: Fleisch, Geflügel und Wild
Folio
Fol. 029v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ſaltztable salt Q11254

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsch oͤle

Gewählte Lesart: ‚selch‘ (selchen) - die Zungen werden nach der Salzlake-Phase weiterbehandelt, um sie über Wochen haltbar zu machen.

Andere mögliche Lesarten:

  • ‚schäle‘ - die Zungen werden geschält. - Schälen ist ein einmaliger, kurzer Handgriff und passt nicht zu einer eigens benannten, drei Wochen dauernden Tätigkeit. Der buchinterne Zwilling std-187 zeigt an der entsprechenden Stelle des fast wortgleichen Verfahrens das Wort ungestört als ‚ſelch‘, was die Lesart ‚selch‘ bestätigt.
  • ‚selchen‘ im engeren Sinn von Räuchern statt eines zweiten Salzschritts. - Wörterbücher wie DWB, Adelung und Campe führen ‚selchen‘ vor allem bairisch-österreichisch als ‚im Rauch räuchern‘, ein fränkisches Idiotikon dagegen als ‚in Salzlake legen‘. Der Text nennt weder Feuer noch Rauch, sodass beide Lesarten offenbleiben.

LesartTroß

Gewählte Lesart: vermutlich der dicke Wurzelteil/Ansatz der Zunge, der abgeschnitten wird.

Andere mögliche Lesart:

  • wörtlich ‚Tross‘ im Sinn von Gepäck/Nachschub - die einzige in den Wörterbüchern belegte Bedeutung. - Kein Wörterbuch (Lexer, Benecke-Müller-Zarncke, Fischer, Idiotikon, Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Godefroy) kennt für ‚Tros/Troß‘ eine anatomische Bedeutung; die angenommene Lesart ‚Wurzelteil der Zunge‘ stützt sich allein auf den Kontext (ein Teil wird vor dem Weiterverarbeiten abgeschnitten).

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 029v (gedruckte Blattzählung XXIX verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein: Dieses Rezept ist eine Anleitung zur langfristigen Konservierung von Zungen über insgesamt sieben bis neun Wochen - zunächst vier bis sechs Wochen in einer Salzlake mit Roter Bete, danach weitere drei Wochen langsames Selchen (Nachsalzen oder Räuchern). Das ist mit keiner Marktstand-Zeitachse und keinem Feldküchen-Setup vereinbar, dazu braucht es durchgehend kühle Lagerung.
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Stand dieser Fassung: 07.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.