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Verdorbenen Wein kräftigen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen1 Ansatz WeinBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Wenn ein Wein ganz und gar verdorben ist: Weinstein nehmen, der von den Fässern abgeschlagen wird, und ihn in einem neuen Topf nahe der Glut glühend werden lassen. Den glühenden Weinstein in den Wein geben und den Wein gründlich umrühren. So soll er wieder kräftig werden, wie er zuvor gewesen ist.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
weinſtain Weinstein - Online-Handel -
wein Wein - - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht im eigentlichen Sinn, sondern eine Kellertechnik: glühend erhitzter Weinstein - der feste Belag, der sich am Weinfass absetzt - wird in bereits verdorbenen Wein gegeben, um ihn wieder kräftig zu machen. Eine entfernte lebende Verwandtschaft gibt es in der bis heute gebräuchlichen Weinstein-Nachbehandlung zur Klärung und Säureregulierung von Wein - das hier beschriebene Verfahren mit glühend erhitztem Material folgt aber einem anderen Mechanismus und sollte damit nicht gleichgesetzt werden.

Wie viel Weinstein auf wie viel Wein kommt, sagt der Text nicht. Das unmittelbar vorangehende Rezept desselben Buchabschnitts nennt für ein ganzes Fass etwa ein Viertelpfund Weinstein - eine mögliche Größenordnung, an der man sich orientieren kann, auch wenn std-282 selbst keine Menge festlegt.

Auch zum genauen Hitzegrad und zum Vorgehen beim Eintauchen schweigt die Vorlage - sie verlangt nur „glühend“. Das Eintauchen glühenden Materials in eine Flüssigkeit ist grundsätzlich mit Spritz- und Dampfrisiko verbunden, auch wenn der Text selbst keine Vorsichtsmaßnahme nennt.

Praxis. Weinstein in einem neuen, hitzefesten Topf nahe der Glut bis zur sichtbaren Rotglut erhitzen. Eine kleine, vorsichtig dosierte Menge - eher wenige Gramm pro Liter Wein als eine große Portion - langsam und mit Abstand in den Wein geben. Anschließend den Wein gründlich umrühren, damit sich die Wirkung gleichmäßig verteilt.

Was ist Weinstein in diesem Rezept?

Gemeint ist der feste Belag, der sich an historischen Weinfässern absetzt und von ihnen abgeschlagen wird. Er wird hier stark erhitzt und als Mittel zur Behandlung verdorbenen Weins verwendet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Das Verfahren gehört zur Weinbehandlung und verlangt glühendes Material, ein hitzefestes Gefäß und einen sicheren Arbeitsplatz.

Warum wird der Weinstein glühend in den Wein gegeben?

Der Text beschreibt das Erhitzen als Mittel, einen vollständig verdorbenen Wein wieder kräftig zu machen. Ob das Verfahren tatsächlich zuverlässig wirkte, lässt die Quelle offen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Wann ain wein aller ding verdoꝛben. Nimb weinſtain / den man von den faſſen ſchlecht / laß in gluͤig werden / inn ainem newen hafen / bey ainer gluͦt/ vnd thuͦ jn alſo gluͤend inn den wein / ruͤr den wein gar wol ſo wirt er krefftig / als er voꝛ geweſen iſt.
weinſtain

Weinstein ist der feste Belag, der sich im historischen Weinbau an Fässern absetzt und abgeschlagen wird.

gluͤig

Der Weinstein soll bis zum Glühen erhitzt werden, bevor er in den Wein kommt.

krefftig

Hier meint kräftig den wiederhergestellten Zustand des Weins, etwa seine Stärke oder Vollmundigkeit.

glaͤig

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „glüig" (u/a-Verwechslung in der Fraktur-Umlautschreibung). „gläig" ist im Fnhd. kein Wort; FWB und Schmeller belegen „glüig"/„glügig" als Nebenform zu „glühig" (glühend) - genau die Lesung, die text_modern an dieser Stelle bereits trägt ("glühend werden lassen").

gluͦr

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „gluͦt" (Glut) - r/t-Verwechslung in der Fraktur (r rotunda vs. t sind sich in dieser Schriftart sehr ähnlich). „gluͦr" ist im gesamten Staindl-Korpus ein Hapax und in keinem Wörterbuch belegt; „gluͦt" dagegen ist die durchgängige Schreibung an sieben weiteren Stellen im selben Korpus (std-008/016/028/044/056/200/275) und entspricht der Lesung, die text_modern hier bereits trägt ("nahe der Glut").

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Anhang: Wie man Essig macht und Wein gut behält
Folio
Fol. 050v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

weinſtainpotassium bitartrate Q18745
weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMenge des Weinsteins

Gewählte Lesart: Eine kleine, vorsichtig dosierte Menge pro Liter Wein, da überschüssiges stark erhitztes Material den Wein ungenießbar machen kann und der Text keine Dosierung nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine größere Menge, wie sie das unmittelbar vorangehende Rezept desselben Buchabschnitts für ein ganzes Fass nennt (rund ein Viertelpfund Weinstein). - std-282 selbst nennt keine Menge; das Nachbarrezept im selben Wein-Anhang liefert die einzige textnahe Größenordnung, auf die sich diese Lesart stützt.

LesartHitzegrad und Eintauchen

Gewählte Lesart: Weinstein bis zur sichtbaren Rotglut erhitzen und dann langsam und mit Abstand in den Wein geben.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt nur „glühend“, ohne den Hitzegrad zu präzisieren oder ein Vorgehen beim Eintauchen zu beschreiben. - Die Vorsicht beim Eintauchen glühenden Materials in eine Flüssigkeit ist eine praktische Ergänzung, die der Text selbst nicht thematisiert.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 050v (gedruckte Blattzählung L verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Glühender Weinstein wird in Wein eingerührt. Dafür braucht es ein sicheres Herdfeuer, ein hitzefestes Gefäß und Kellerhandwerk, nicht die offene Lagerküche.
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Stand dieser Fassung: 03.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.