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Gebackener Käsekuchen nach welscher Art

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492

LesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 6/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4-6 PersonenBuchAlemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (~1492)

Nimm geriebenen Käse und geriebenes Weißbrot zu gleichen Teilen, dazu gute Vollmilch und Eier, sodass die Masse ausreichend ist. Vermische alles zu einem dünnen Teig, salze ihn und färbe ihn gut mit Safran.

Bereite zuvor eine Pfanne vor, in der Butter geschmolzen und wieder fest geworden ist, etwa einen Finger dick. Gieße dann die Masse in die Pfanne und rühre sie nicht um. Lege weitere Trauben darauf und stelle die Pfanne in einen Ofen.

Wende es, sobald es unten gebacken ist, und lasse es so lange backen, bis es gar ist. Nimm es dann aus der Pfanne und schneide es in Stücke wie einen Pfannkuchen. Dieses Gebäck stammt aus welschen (fremdländischen) Landen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
geribnen kes Geriebener Käse - - -
geriben wisbrot Geriebenes Weißbrot - - -
guote gantze milch Gute Vollmilch - - -
ayer Eier - - -
saltz Salz - - -
safran Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ancken Butter (einen Finger dick) - Metzger, Supermarkt Schmalz
trubel Trauben - - -

Welches Gericht ist das? Ein herzhafter Käse-Ei-Milch-Kuchen, der in einer mit Butter ausgekleideten Pfanne angesetzt, im Ofen fertiggebacken, einmal gewendet und wie ein Pfannkuchen in Stücke geschnitten wird - mit Trauben belegt und mit Safran gefärbt. Damit ist er ein Vorfahre des Käsekuchens bzw. einer herzhaften Käse-Tarte; durch das Anbacken in der Pfanne und Fertigstellen im Ofen ist er auch mit einer Frittata-Tarte verwandt. Die Fettbezeichnung 'ancken' lebt im Schweizerdeutschen bis heute als 'Anke'/'Anken' für Butter weiter.

Zur Herkunftsbezeichnung. Der Name 'turten von walis' und der Schlusssatz 'das bachen kumpt von wallis' meinen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Region Wales, sondern 'welsch' im Sinn von 'fremdländisch, aus romanischsprachigen Gebieten'. Dieselbe Wortfamilie erscheint im Korpus mehrfach als Fremd-Ethnonym, nie als Britannien-Bezug - etwa bei 'welschen Weinbeeren' im Schwesterrezept oder bei 'welschem Wein' und 'welscher Nuss' in anderen Handschriften. Die Bezeichnung folgt damit der verbreiteten mittelalterlichen Konvention, einem Gericht durch eine fremdländische Herkunftsangabe Prestige oder Exotik zu verleihen. Die Wales-Lesart bleibt möglich, ist aber die schwächer belegte der beiden Lesarten.

Zum Fett in der Pfanne. 'Ancken' ist im Alemannischen und Schwäbischen das eigene Wort für Butter, nicht für Schmalz - die Handschrift selbst verwendet an anderer Stelle das Wort 'smalt', wenn Schmalz gemeint ist. Für ein reines Milchprodukt-Gericht aus Käse, Milch und Eiern ist Butter zudem naheliegender als tierisches Bratfett.

Praxis. Käse und Weißbrot fein reiben und im Verhältnis 1:1 mit Milch und Eiern zu einem dünnflüssigen, gießbaren Teig verarbeiten, salzen und mit Safran kräftig färben. Butter in der Pfanne schmelzen, wieder fest werden lassen (die Schicht darf ruhig großzügig ausfallen, etwa einen Finger dick) und die Masse vorsichtig eingießen, ohne sie zu verrühren - so bleibt die Fettschicht unten und die Masse setzt sich klar darüber ab. Trauben darauflegen, die Pfanne in den Ofen stellen und backen, bis die Unterseite fest ist. Das Wenden dieser noch nicht vollständig gestockten Masse über der losen Fettschicht ist der heikelste Schritt im ganzen Rezept: am besten mit einem großen Teller oder Deckel arbeiten, der über die Pfanne gelegt und in einer zügigen Bewegung mitgedreht wird. Danach fertig backen, bis der Kuchen durchgehend gar ist, aus der Pfanne nehmen und wie einen Pfannkuchen in Stücke schneiden.

Wo bekomme ich Safran?

Safran ist in gut sortierten Supermärkten, Bioläden oder online bei Gewürzhändlern erhältlich. Achte auf gute Qualität, da Safran oft gefälscht wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche nicht geeignet. Der Text selbst verlangt keine genaue Temperatur oder Zeitangabe (nur „lass es backen, bis es genug ist"), aber zwei Dinge sprechen dagegen: Die ungestockte Käse-Ei-Masse braucht eine gleichmäßige Rundum-Hitze, wie sie ein echter Ofen liefert, und das Wenden dieser noch weichen Masse über einer dicken losen Fettschicht ist ein Geschick-Risiko, das am offenen Feuer schwerer zu kontrollieren ist als bei festem Teig oder Fleisch.

Was bedeutet 'walis'?

Der Begriff 'walis' (im Schlusssatz auch 'wallis') meint mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Region Wales, sondern 'welsch' im Sinn von 'fremdländisch, aus romanischsprachigen Gebieten'. Dieselbe Wortfamilie erscheint im Korpus mehrfach als Fremd-Ethnonym, nie als Bezug auf Britannien - etwa bei 'welschen Weinbeeren' oder 'welschem Wein' in anderen Rezepten. Die Bezeichnung sollte dem Gericht wohl Exotik oder Prestige verleihen. Die Wales-Lesart wird gelegentlich vertreten, ist aber die schwächer belegte der beiden Lesarten.

Was ist 'ancken'?

'Ancken' ist im Alemannischen und Schwäbischen das eigenständige Dialektwort für Butter (vgl. das bis heute gebräuchliche Schweizerdeutsche 'Anke'/'Anken') - nicht für Schmalz. Die Handschrift selbst verwendet an anderer Stelle das Wort 'smalt', wenn Schmalz gemeint ist, was für zwei bewusst unterschiedene Begriffe spricht. Für dieses reine Milchprodukt-Gericht aus Käse, Milch und Eiern ist Butter zudem die naheliegendere Wahl.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (1492, Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).

bachens Item ain bachens genempt turten von walis nim geribnen kes vnd geriben wisbrot glich vil vnd guote gantze milch vnd ayer das gen= uog sig vnd trib das vnd ain ander also ain dunen teig vnd saltz es vnd ver es wol mit safran vnd hab vor hin berait ain pfanen daz der ancken dar In ergangen sig vnd wider vmb hert gestanden sig In der pfanen aines fingers dick vnd gus den die materie In die pfanen vnd rur es nit In der pfanen vnd leg mer trubel dar zuo vnd setz es In ainen offen vnd kere es so es vnden gebachen iij vnd las es also bachen vntz das es genuog sy so nim es den vss der pfanen vnd schnid es zuo stucken als ain pfan kuochen das bachen kumpt von wallis
bachens

Ein allgemeiner Begriff für ein gebackenes Gericht oder Gebäck.

turten

Bezeichnet eine Torte oder einen Kuchen, oft in einer flachen Form gebacken.

walis

Bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf die Region Wales, sondern ist 'welsch' im Sinn von 'fremdländisch, romanisch' - ein im Korpus wiederkehrender False-Friend (vgl. 'welsche Weinbeeren', 'welscher Wein', 'welsche Nuss' in anderen Rezepten). Die Wales-Lesart ist die schwächer belegte Alternative.

wisbrot

Weißbrot, das hier gerieben als Bindemittel und Füllstoff dient.

ancken

Alemannisches/schwäbisches Dialektwort für Butter (vgl. heutiges Schweizerdeutsch 'Anke'/'Anken'), nicht für Schmalz. Die Handschrift verwendet an anderer Stelle das eigene Wort 'smalt' für Schmalz - ein Beleg für zwei unterschiedene Begriffe im selben Buch. Die Anweisung, es einen Finger dick in der Pfanne schmelzen und wieder fest werden zu lassen, deutet auf eine großzügige Verwendung hin.

mer

Mittelhochdeutsches Mengenwort ('mêr' = mehr, weiterhin), hier vor 'trubel' - eine Zusatzanweisung, weitere Trauben aufzulegen, keine Aussage über deren Frische.

trubel

Weintrauben, die dem Gericht eine süß-säuerliche Komponente hinzufügen. Ob frisch oder getrocknet gemeint ist, sagt der Text nicht.

offen

Ein Backofen, der im Mittelalter oft als gemauerter Ofen oder als Backhaube über der Glut betrieben wurde.

pfan kuochen

Ein Pfannkuchen oder Fladen, der in der Pfanne gebacken wird und als Vergleich für die Schnittform dient.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291
Folio
Fol. 020r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch, südwestdeutscher Sprachraum, 1492-1494)
Entstehung
Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 1492

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwalis

Gewählte Lesart: Die Bezeichnung 'walis'/'wallis' wurde als 'welsch' im Sinn von 'fremdländisch, romanisch' gelesen - eine im Korpus wiederkehrende Herkunftsbezeichnung ohne Bezug zu Britannien.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Lesart als Herkunftsangabe 'aus Wales' ist ebenfalls historisch kursiert. - Der Lautstand 'walis' erinnert an den Ländernamen Wales; im Korpus ist die 'welsch'-Lesart aber deutlich besser belegt (Parallelstellen mit 'welschen Weinbeeren', 'welschem Wein', 'welscher Nuss' in anderen Rezepten), daher die schwächere der beiden Lesarten.

Lesartiij

Gewählte Lesart: Die Zeichenfolge 'iij' wurde als Schreibervermerk oder unvollständige Anweisung interpretiert und nicht in die moderne Übersetzung übernommen, da sie keinen klaren kulinarischen Sinn ergibt.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte sich um eine Mengenangabe 'drei' handeln (z.B. 'drei Mal' wenden oder 'drei Minuten' backen), was aber ohne weiteren Kontext spekulativ ist. - Römische Ziffern wurden oft für Mengen oder Wiederholungen verwendet, aber hier fehlt der Bezugspunkt, um eine sinnvolle Interpretation zu ermöglichen.

Lesartancken

Gewählte Lesart: Als 'Butter' übersetzt - im Alemannischen und Schwäbischen das eigenständige Dialektwort für Butter (vgl. heutiges Schweizerdeutsch 'Anke'/'Anken').

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch 'Schmalz' (Schweine- oder Gänsefett) gemeint sein. - Schmalz war ebenfalls ein gängiges Fett in der mittelalterlichen Küche; die Handschrift verwendet dafür an anderer Stelle jedoch das eigene Wort 'smalt', was für zwei unterschiedene Begriffe im selben Buch spricht und die Butter-Lesart stützt.

Originalwerk (~1492) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 020r, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 20291 ("Alemannisches Büchlein von guter Speise", schwäbisch, 1492-1494), Rezeptteil fol. 17r-24r - CC BY-NC-SA 3.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N1 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die ungestockte Käse-Ei-Milch-Masse braucht eine gleichmäßige, anhaltende Rundum-Hitze, wie sie ein echter Ofen liefert, und das Wenden der noch weichen Masse über der dicken losen Fettschicht ist ein Geschick-Risiko, das am offenen Feuer schwerer zu kontrollieren ist als bei festem Teig oder Fleisch. Der Text selbst verlangt keine genaue Temperatur oder Zeitangabe (nur „bis es genug ist").
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