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Gekochtes Fleisch für die Deutschen

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit30 Min.Portionen2-4 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm kastriertes Fleisch und lege es in frisches Wasser. Lass es eine Weile ruhen, bis das Blut austritt. Dann setze es auf das Feuer und koche es, bis das Blut austritt. Wenn das Fleisch gar gekocht ist, gib Petersilie hinzu. Bereite eine kleine Brühe zu und gib Safran darüber. Dies wird eine gute Speise für die Deutschen sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
carnes castratas Kastriertes Fleisch - Metzger Lammfleisch oder Hammelfleisch
aquam recentem Frisches Wasser - Leitung -
petrosilini Petersilie - - -
crocum Safran - Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Ein schlichtes gekochtes Fleischgericht - Hammel- bzw. Schöpsenfleisch (carnes castratas, Fleisch eines kastrierten Schafbocks), in einer leichten Brühe mit Petersilie gegart und mit Safran gelb getönt. Johannes von Bockenheim, Koch an der römischen Kurie, ordnet das Rezept ausdrücklich „den Deutschen“ zu - eine seiner zahlreichen scherzhaft-soziologischen Widmungsformeln, mit denen er einzelne Rezepte des Registrum Coquine Nationen, Ständen und Berufsgruppen zuschreibt (vgl. boc-002 „für Italiener und Bauern“, boc-005 „für einfache Leute“, boc-006 „für Frauen“, boc-010 „für Deutsche“) - keine Aussage über eine landestypische Zubereitungsart. Im Kern ist es nichts anderes als ein Stück gekochtes Suppenfleisch, verwandt mit Martinos „Fleisch schön sieden“ (mar-003), das dieselbe Wässer- und Siedetechnik beschreibt - ein Vorläufer klarer Fleischbrühen wie Pot-au-feu oder Tafelspitz, nur ohne deren Wurzelgemüse.

Das Fleisch. Carnes castratas meint das Fleisch kastrierter Tiere, im mittelalterlichen Küchenlatein meist Hammel bzw. Schöps (kastrierter Schafbock) - zarter und milder als das des unkastrierten Tiers. Wer keinen Hammel bekommt, nimmt Lamm; das Verfahren bleibt gleich. Vor dem Garen liegt das Fleisch in frischem (kaltem) Wasser, bis Blut austritt - das Wässern zieht Blut und sorgt für eine klarere, hellere Brühe.

donec sanguis exeat - das doppelte „bis das Blut austritt“. Die Wendung steht im Text wortgleich zweimal: einmal beim Wässern im kalten Wasser, einmal beim Aufsetzen ans Feuer. Der Text nennt kein eigenes Verb für ein Abschöpfen des Schaums - naheliegend ist, dass beim Ankochen erneut Blut bzw. Eiweißschaum austritt, den man entfernen kann; sicher belegt ist aber nur die wörtliche Wiederholung der Blutaustritts-Formel selbst.

crocum - Safran, nicht Farbe aus dem Tütchen. Der Safran (crocum) am Schluss färbt die Brühe goldgelb und gibt das feine Aroma; er gehört zur teuren, repräsentativen Würzung, die solche schlichten Sieden aufwertet.

Praxis. Hammel- oder Lammfleisch in kaltem Wasser ruhen lassen, bis Blut austritt. Dann ans Feuer setzen und weitergaren, bis erneut Blut austritt und das Fleisch weich ist - Hammel braucht dafür eine gewisse Zeit, es geht nicht schnell. Petersilie zugeben, eine kleine Brühe bereiten und mit Safran übergießen. Salz, Garzeiten in Minuten oder ein Wasserwechsel sind im Text nicht genannt und bleiben der eigenen Erfahrung überlassen.

Was bedeutet 'kastriertes Fleisch'?

Kastriertes Fleisch stammt von Tieren, die kastriert wurden, um das Fleisch zarter und milder zu machen. Im mittelalterlichen Küchenlatein bezeichnet das meist Hammel bzw. Schöps (kastrierter Schafbock), gelegentlich auch Lamm.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Es benötigt lediglich einen Topf und eine Feuerstelle zum Kochen der Zutaten.

Was ist das Besondere an der Angabe 'für die Deutschen'?

Es handelt sich nicht um eine Aussage über eine deutsche Zubereitungsart oder einen deutschen Geschmack, sondern um eine von Bockenheims zahlreichen scherzhaft-soziologischen Widmungen: Er ordnet einzelne Rezepte seines Registrum Coquine ganzen Nationen, Ständen oder Berufsgruppen zu (vgl. boc-002 „für Italiener und Bauern“, boc-005 „für einfache Leute“, boc-006 „für Frauen“). Ob dahinter eine echte Geschmacksbeobachtung oder reine Zuschreibungs-Konvention steht, bleibt offen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

PRO alamanis et Germanis Sic prepara carnes castratas. Recipe carnes et pone in aquam recentem et fac illas modicum stare donec sanguis exeat. Et tunc eas ad ignem donec sanguis exeat pone. Et quando sunt bullite tunc mitte superius et adices petrosilini, et fac modicum brodium et mitte superius crocum. Et erit bonum pro Alamanis et germanis.
carnes castratas

Fleisch kastrierter Tiere, im mittelalterlichen Küchenlatein meist Hammel bzw. Schöps (kastrierter Schafbock), gelegentlich auch Lamm - zarter und milder als das Fleisch des unkastrierten Tiers.

PRO alamanis et Germanis

Für die Deutschen - eine von Bockenheims zahlreichen scherzhaft-soziologischen Widmungsformeln, mit denen er einzelne Rezepte des Registrum Coquine Nationen, Ständen oder Berufsgruppen zuschreibt (vgl. boc-002 „für Italiener und Bauern“, boc-005 „für einfache Leute“, boc-006 „für Frauen“, boc-010 „für Deutsche“) - keine Aussage über eine landestypische Zubereitungsart oder einen deutschen Geschmack.

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 66v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

aquam recentemwater Q283
crocumsaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartcarnes castratas

Gewählte Lesart: Als „kastriertes Fleisch“ übersetzt, was im Kontext mittelalterlicher Kochbücher meist Hammel bzw. Lamm meint (kastrierter Schafbock).

Andere mögliche Lesart:

  • Spezifisch als „Schaffleisch“ interpretiert. - Obwohl 'castratus' sich grundsätzlich auf verschiedene Tiere beziehen kann, ist Schaf-/Hammelfleisch die häufigste und plausibelste Referenz für 'carnes castratas' in mittelalterlichen Rezepten.

Lesartdonec sanguis exeat pone / donec sanguis exeat

Gewählte Lesart: Die wortgleiche Wiederholung der Phrase „bis das Blut austritt“ - einmal beim Wässern, einmal beim Aufsetzen ans Feuer - wird als derselbe Reinigungsgedanke gelesen, ohne dass der Text ein eigenes Verb fürs Abschöpfen nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Wiederholung als stilistische Eigenheit oder leichte Redundanz des Autors verstanden. - Manuskripte des Mittelalters können stilistische Wiederholungen oder geringfügige Ungenauigkeiten enthalten, die nicht immer eine tiefere Bedeutung haben müssen.

Lesartmodicum brodium

Gewählte Lesart: Als „eine kleine Brühe“ übersetzt, was eine einfache Kochflüssigkeit ohne weitere Zutaten impliziert.

Andere mögliche Lesart:

  • Als „eine dünne Sauce“ interpretiert. - 'Brodium' kann im Mittellatein auch eine dünne Sauce oder einen dünnen Sud bezeichnen, der über das Gericht gegeben wird.

Lesartquando sunt bullite

Gewählte Lesart: Als „wenn sie gar gekocht sind“ übersetzt - das Fleisch gilt als fertig, wenn es weich/zart ist, die für Hammel-/Lammfleisch übliche und unbedenkliche Referenz.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich nur „wenn sie aufgekocht sind“, also ein kürzerer Garvorgang ohne Garantie für durchgegarte Zartheit. - 'Bullire' kann im Mittellatein auch bloß das einmalige Aufwallen bezeichnen; diese knappere Lesart wäre bei Hammelfleisch die unsicherere Variante und wird hier bewusst nicht als gleichwertiger Standard behandelt.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 66v/67r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f67) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am offenen Feuer in ca. 30 Minuten gar, frisches Fleisch sollte morgens am Markttag besorgt werden.
Alle Rezepte aus Registrum Coquine Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.