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Gestockte Milch, süß oder herzhaft

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Gebratene Milch: Nimm Eier und Milch zu gleichen Teilen und schlage sie durcheinander. Gib Salz und Safran hinzu, so viel es braucht.

Fülle die Mischung in einen Topf und hänge diesen Topf in einen Kessel voller Wasser, sodass das Wasser nicht in den Topf gelangen kann. Lass es gut sieden, bis es gut gestockt ist, und serviere es als Mus.

Als Milchkäse: Willst du es aber braten, so ziehe es auf ein sauberes Tuch, bis es gut abgetropft ist. Danach lege das Tuch auch darüber und beschwere es mit einem Brett und Steinen, so wird es fest wie ein Käse.

Danach schneide es mit einem Faden in Stücke und lege diese auf einen Rost, wie kleine Euterstücke. Bestreue es mit Gewürzen oder mit Zucker. Du kannst auch heißes Schweineschmalz darüber gießen. Du kannst es auch in eine Pfeffersauce oder in eine Brühe geben, wenn du möchtest.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
aiger Eier - - -
milch Milch - - -
saltz Salz - - -
safran Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
gewurtz Gewürze - - -
zucker Zucker - - -
schmalcz heißes Schweineschmalz - Metzger, Supermarkt Butterschmalz oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Aus einer im Wasserbad gestockten Ei-Milch-Masse entstehen zwei verwandte Gerichte: Die weiche Variante wird direkt als Mus serviert - nahe Verwandtschaft zum heute noch bekannten Eierstich (Ei-Milch-Guss als Suppeneinlage). Die zweite, festere Variante wird zu einer käseartigen Masse gepresst, mit einem Faden in Stücke geschnitten und auf dem Rost gebraten - vergleichbar mit gegrilltem Frischkäse, hier süß mit Zucker oder herzhaft mit Gewürzen, heißem Schweineschmalz, Pfeffersauce oder Brühe vollendet.

Brauten oder zubereiten? Das namensgebende Verb „brauten/gebrauten“ ist eine alemannische Diphthong-Variante von „braten“, keine eigenständige Bedeutung „zubereiten“. Im Titel ist das zunächst nur ein Gerichtsname, der nicht zwingend die Wasserbad-Technik beschreibt. An der Stelle, die den Schritt Pressen-Schneiden-Rost einleitet („welle man es aber brauten“), ist es dagegen wörtlich zu nehmen: Die geschnittenen Stücke werden auf dem Rost tatsächlich gebraten bzw. geröstet, nicht nur zum Anrichten aufgelegt.

Praxis. Eier und Milch im Verhältnis 1:1 verschlagen, mit Salz und etwas Safran würzen. Die Masse in einen kleineren Topf füllen und diesen in einen größeren Topf mit siedendem Wasser hängen (Wasserbad), ohne dass Wasser in die Masse gelangt - das schützt vor Anbrennen und sorgt für gleichmäßiges Stocken, dauert etwa 30 Minuten. Für die weiche Variante direkt als Mus servieren. Für die Milchkäse-Variante die gestockte Masse auf ein sauberes Tuch geben, abtropfen lassen, mit dem Tuch bedecken und mit Brett und Steinen beschweren, bis sie fest wie ein Käse ist. Mit einem Faden (nicht mit dem Messer, das würde die weiche Masse verschmieren) in Stücke schneiden, auf einen Rost legen und braten bzw. rösten. Mit Zucker oder Gewürzen bestreuen, mit heißem Schweineschmalz übergießen oder in eine Pfeffersauce oder Brühe geben.

Was bedeutet 'brauten' oder 'gebrauten' in diesem Rezept?

„Brauten/gebrauten“ ist eine alemannische Diphthong-Variante von „braten“. Im Titel bezeichnet es einen traditionellen Gerichtsnamen ("Gebratene Milch"), auch wenn die Zubereitung tatsächlich im Wasserbad erfolgt. An der zweiten Stelle im Text, die den Schritt Pressen und Auflegen auf den Rost einleitet, ist „braten“ dagegen wörtlich zu nehmen: Die Schwester-Handschrift m384 verwendet an derselben Stelle denselben Wortlaut und übersetzt ihn selbst als „braten“ bzw. Rösten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung im Wasserbad ist mit zwei Töpfen über dem Feuer einfach umsetzbar. Das Pressen der Milchmasse erfordert zwar passive Wartezeit, ist aber mit einfachen Mitteln wie einem Tuch, einem Brett und Steinen problemlos im Lager darstellbar. Die Zutaten sind robust und gut zu transportieren.

Was bedeutet 'vterlin' im Rezept?

Das Wort 'vterlin' ist ein Diminutiv von 'Uter', also 'Euter'. Es dient hier als visuelle Anweisung für die Form der geschnittenen Stücke der gestockten Milchmasse, die wie kleine Euterstücke aussehen sollen. Es ist keine Zutat, sondern eine Beschreibung der Präsentation.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Milch brauten gebrauten milch nim aiger vnd milch glich vil vnd schlach es durch ain ander vnd tuo saltz vnd safran daran als vil es darf vnd tuo es in ainen hafen vnd henck den hafen in ain kessel vol wasser also daz das wasser nit dar inn mug in den hafen vnd lauß es wol er= sieden bys es wol er stocky vnd gibs fur ain muoß welle man es aber brauten so zuch es aber vf ain suber tuoch huentz es wol er suech dar nach tuo daz tuoch ouch dar wber vnd beschwaer es mit aimem bret mit stainen so wirt es keck als ain kaeß dar nach zer schnid es mit ainem faden vnd legs vf ainen rost als ain vterlin vnd bestrews mit gewurtz oder mit zucker ouch machtu haiss schmalcz dar vf giessen du macht es in ain pfeffer oder in ain brulin geben ob du wilt etc.
brauten / gebrauten

Alemannische Diphthong-Variante von „braten“ (nicht ein eigenständiges Verb „zubereiten“). Die Schwester-Handschrift m384-060 hat an derselben Stelle wortgleich „brauten“ und übersetzt selbst eindeutig mit „braten“ - besonders an der zweiten Stelle („welle man es aber brauten“), die den Schritt Pressen-Schneiden-Rost einleitet. Der Titel-Beleg („Milch brauten“) bleibt als traditioneller Gerichtsname zu verstehen, der nicht zwingend die tatsächliche Gartechnik (hier: Wasserbad) beschreibt.

hafen

Ein „Hafen“ bezeichnet hier einen Topf oder ein Kochgefäß.

ersieden

Dieses Wort ist ein Hapax (kommt nur einmal im Korpus vor) und bedeutet „gar sieden“ oder „fertig kochen“.

er stocky

Bezieht sich auf das „Stocken“ der Milch-Ei-Mischung, also das Gerinnen und Festwerden, ähnlich wie bei einem Pudding oder gestocktem Ei.

muoß

Ein „Mus“ ist eine breiige Speise, hier die weiche, gestockte Milchmasse.

huentz es wol er suech

Diese Phrase bedeutet „bis es gut abgetropft ist“ oder „bis es gut abgesiehen ist“, was das Abtropfen der Masse auf dem Tuch beschreibt.

keck

Bedeutet „fest“ oder „solide“, hier im Sinne von „fest wie ein Käse“.

rost

Ein „Rost“ ist ein Gitter oder Grill. Das Rösten selbst wird durch die vorausgehende Anweisung „welle man es aber brauten“ (= braten/rösten) benannt, die diesen ganzen Verfahrensschritt einleitet - das Auflegen auf den Rost ist der Ort dieses Vorgangs.

vterlin

Ein Diminutiv von „Uter“ (Euter). Die geschnittenen Stücke der gestockten Milch sollen in Form und Größe kleinen Euterstücken ähneln, was eine visuelle Anweisung ist.

pfeffer

Im mittelalterlichen Kontext ist ein „Pfeffer“ oft eine würzige, gebundene Sauce, die nicht zwingend nur Pfeffer enthält, sondern eine Mischung aus Gewürzen.

brulin

Eine „Brühe“ oder ein Brühe-Gericht.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMilch brauten gebrauten milch (Titel/Incipit)

Gewählte Lesart: Nach Abgleich mit der Schwester-Handschrift m384-060 (identischer Ablauf, Titel „Milch braten“) wird „brauten/gebrauten“ hier als alemannische Diphthong-Variante von „braten“ gelesen - der Titel bedeutet „Gebratene Milch“, ein traditioneller Gerichtsname.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine generischere Lesart „zubereitete/gekochte Milch“ (statt „gebraten“) ist an dieser Stelle nicht ausgeschlossen, da die tatsächliche Technik hier ein Wasserbad ist, kein Braten im modernen Sinn. - Gerichtsnamen folgen im Mittelalter nicht immer der tatsächlichen Gartechnik. Ohne weitere externe Belege bleibt dies eine offene Nebenlesart.

Lesartwelle man es aber brauten (zweiter Beleg)

Gewählte Lesart: Anders als im Titel ist der Wortlaut hier in ka1 und m384-060 identisch („brauten“); m384 übersetzt diese Stelle selbst als „braten“ im Sinne von Rösten. Da die Anweisung den Schritt Pressen-Schneiden-Auflegen-auf-den-Rost einleitet, wird sie hier als „Willst du es aber braten“ übersetzt.

Lesartvterlin

Gewählte Lesart: Dies wird als 'kleine Euterstücke' übersetzt, um die visuelle Anweisung für die Form der geschnittenen Stücke zu verdeutlichen.

Andere mögliche Lesart:

  • Man könnte es auch als 'Euterlein' übersetzen, was die Diminutivform beibehält, aber die Funktion als Formbeschreibung weniger klar macht. - Die gewählte Lesart betont, dass es sich um eine Formbeschreibung handelt und nicht um eine Zutat aus Euterfleisch.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in ca. 30 Minuten gestockt. Das Pressen erfordert passive Wartezeit, ist aber mit einfachen Mitteln (Tuch, Brett, Steine) im Lager umsetzbar. Vielseitig süß oder herzhaft servierbar.
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