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Rehbraten von altem Wildbret

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen4-6 PersonenBuchHaus- und Arzneibuch (Ka2) (~1445)

Ein Rehbraten von altem Wildbret: Ist der Braten halb gar, so begieße ihn mit kaltem Wasser. Lege ihn dann ans Feuer und brate ihn an Ort und Stelle.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
wiltprat der allt ist Gereiftes Wildbret - Metzger, Wildhändler Junges Wildbret oder Rinderbraten
chaltem wasser Kaltes Wasser - Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein Rehbraten von einem alten, also zähen Tier, der durch Begießen mit kaltem Wasser während des Bratens fertiggegart wird. Er ist ein früher Verwandter des klassischen Rehbratens der herbstlichen Wildküche - dieselbe Grundidee, ein großes Stück Wild am Stück zu braten, nur ist die Begieß-Technik für zähes Fleisch heute unüblich.

Zur Bezeichnung. ‚Riechpraten‘ ist eine belegte Schreibvariante von ‚rêchbrât‘ (Reh + Braten) und bezeichnet konkret einen Reh-Braten, nicht generisches Wild. ‚Wiltprat‘ im Text meint dagegen das verwendete Wildfleisch allgemein.

Zur Garanweisung. ‚An dy stat‘ wird hier lokal gelesen: den Braten an seinem Platz am Feuer weitergaren, ohne ihn zu versetzen. Eine adverbiale Lesart im Sinn von ‚sogleich‘ ist im Korpus ebenfalls belegt, hier aber ohne Bezugsobjekt weniger naheliegend.

Praxis. Halbgar anbraten, dann mit kaltem Wasser übergießen und zurück ans Feuer legen, bis der Braten durch ist. Das kalte Wasser bremst kurz die Oberflächengarung, sodass die Kruste nicht sofort weiterbrennt, während das Innere in Ruhe fertiggart - eine am offenen Feuer ohne Thermometer nachvollziehbare Hitzesteuerung. Ebenso plausibel: das Abspülen von Blut und Bratensaft von der Oberfläche. Für die Lagerküche gut geeignet, wegen der langen Garzeit bei zähem Wildbret aber vor allem dann, wenn der Braten schon vorbereitet ist und am Stand nur noch aufgeschnitten wird.

Was bedeutet 'gereiftes Wildbret' und warum ist es wichtig?

Gereiftes Wildbret (‚der allt ist‘) stammt von älteren Tieren und gilt oft als würzig im Geschmack, aber fester in der Textur. Das Rezept begegnet dem mit einer einfachen Technik: dem Begießen des halbgaren Bratens mit kaltem Wasser, bevor er zu Ende gebraten wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja. Ein Braten am Spieß oder im Topf über offenem Feuer ist eine klassische Lagerküchen-Technik, und das Begießen mit kaltem Wasser braucht nur einen Kübel Wasser. Wegen der langen Garzeit bei zähem Wildbret eignet sich das Gericht besonders gut, wenn der Braten schon vorbereitet ist und am Stand nur noch aufgeschnitten wird.

Warum wird der Braten mit kaltem Wasser begossen?

Historisch belegt ist der Vorgang selbst: Der halbgare Braten wird mit kaltem Wasser übergossen und dann zu Ende gebraten. Aus reiner Küchenpraxis lässt sich das erklären: Das kalte Wasser bremst kurz die Oberflächengarung, sodass die bereits angebratene Kruste beim Zurücklegen ans Feuer nicht sofort weiterbrennt, während das Innere in Ruhe fertiggart - eine am offenen Feuer ohne Thermometer nachvollziehbare Hitzesteuerung. Ein darüber hinausgehender physiologischer Wirkmechanismus ist nicht belegt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).

Ein riechpraten von wiltprat der allt ist So der halbeg praten ist so pegeus In mit chaltem wasser vnd leg In zu dem fewer vnd prat In an dy stat
riechpraten

‚Riechpraten‘ ist eine belegte Schreibvariante des Kompositums ‚rêchbrât‘ (Reh + Braten): Das MHDBDB-Lemma und eine bei Birlinger eigenständig verzeichnete Form ‚rechbraten‘ bestätigen die Bedeutung ‚Rehbraten‘. Der Rezepttitel benennt also konkret ein Reh-Gericht, während ‚wiltprat‘ im Text das verwendete Wildfleisch allgemein bezeichnet.

wiltprat

Wildbret bezeichnet das Fleisch von Wildtieren, die gejagt werden. Hier ist explizit ‚altes‘ Wildbret genannt, was auf ein reiferes, möglicherweise zäheres Tier hindeutet.

an dy stat

Wörtlich ‚an die Statt‘ oder ‚an die Stelle‘. Der Korpus-Vergleich zeigt für dieselbe Wendung sowohl eine lokale Lesart (den Braten an seinem Platz weitergaren, ohne ihn zu versetzen) als auch eine adverbiale Lesart im Sinn von ‚sogleich/alsbald‘. Da ka2-021 kein Bezugsobjekt und keinen Orts-Nebensatz hat, ist die lokale Lesart hier die etwas plausiblere, aber nicht die einzig mögliche.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, unteres Inntal/Mühldorf am Inn, ca. 1445-1470)
Entstehung
Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartan dy stat

Gewählte Lesart: an Ort und Stelle weiterbraten, ohne ihn zu versetzen

Andere mögliche Lesart:

  • sofort/alsbald fertigbraten - Der Korpus belegt für dieselbe Wendung auch eine adverbiale Lesart im Sinn von ‚sogleich/alsbald‘. Da ka2-021 kein Bezugsobjekt und keinen Orts-Nebensatz hat, ist diese Lesart nicht auszuschließen, auch wenn die lokale Lesart hier plausibler bleibt.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Haus- und Arzneibuch - Cod. Donaueschingen 793. Unteres Inntal (Mühldorf), [1445/1470]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 793, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-37968 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka2 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Braten über offenem Feuer oder am Spieß, keine Kühlung und kein Ofen nötig - das Begießen mit kaltem Wasser braucht nur einen Kübel Wasser. Wegen der langen Garzeit bei zähem, altem Wildbret keine schnelle Option, aber sehr gut geeignet, wenn der Braten schon vorbereitet ist und am Stand nur noch aufgeschnitten wird.
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