Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Für ein fürstliches Mahl nimm Wildbret. Schlage acht Eier ein und gib Gewürze sowie klein gehackten Speck dazu. Gib Petersilie oder Salbei in die Brühe und richte die Knödel darin an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wiltprat | Wildbret | - | Metzger, Wildhändler | - |
| viij aier | Eier | 8 | - | - |
| gewurtz | Gewürze | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskatblüte |
| chlain gehakten spek | Fein gehackter Speck | - | Metzger, Supermarkt | - |
| prue | Brühe | - | - | Fleischbrühe oder Gemüsebrühe |
| petersil oder saluay | Petersilie oder Salbei | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Klassiker der spätmittelalterlichen Küche: fein gehacktes Wildbret wird mit Ei, Gewürzen und Speck zu einer bindigen Masse vermengt, zu Knödeln geformt und in einer mit Petersilie oder Salbei gewürzten Brühe gegart und darin angerichtet. Lebendige Verwandtschaft gibt es bis heute - etwa in der klaren deutschen Fleischklößchensuppe oder, international betrachtet, in Fleischbällchen-in-Brühe-Gerichten wie der italienischen Wedding Soup. Im eigenen Korpus findet sich mit mon-118 („Kalbsfleischknödel in gelber Brühe“) ein nahezu identischer Verwandter - dort mit Kalbfleisch und Semmelbröseln statt Wildbret und Speck, aber demselben Grundverfahren aus Fleisch, Ei und Gewürz, geformt und in heißer Flüssigkeit gegart.
Was bedeutet „chnoll chnodel“? Der Rezepttitel nennt das Gericht so - eine Verstärkung aus „chnoll“ (bei Grimm als Erdscholle, Klumpen belegt) und „chnodel“. Dass damit tatsächlich Knödel gemeint sind und nicht bloß knorrige, ungeformte Fleischstücke, stützt der Buchzwilling mon-118: dort steht „chnodel“ wörtlich für geformte Kalbfleischknödel im fast identischen Ablauf. Der eigentliche Formschritt selbst wird im Text von ka2-022 nicht mit einem eigenen Verb benannt - dass die Masse zu Knödeln geformt wird, ergibt sich aus dem Titel und aus dem wortgleichen Beleg im Schwesterrezept ka2-014 („forme daraus Knödel“).
Fürstliches Mahl oder vorderstes Gericht? „Auf ein furst essen“ wird hier als „für ein fürstliches Mahl“ gelesen. Das mittelhochdeutsche Adjektiv „vürst“ kann aber auch „vorderst, erst“ bedeuten (Rang, Ordnung - der etymologische Ursprung von „Fürst“ selbst) und würde eher auf ein besonders hochrangiges Gericht in der Gangfolge eines Mahls deuten, ein Muster, das sich auch in anderen Rezepten des Korpus findet (etwa ka2-027, ka2-047, ka2-048, mha-045, mon-144). Beide Lesarten laufen praktisch auf ein gehobenes, herausgehobenes Gericht hinaus.
Praxis. Das Wildbret fein hacken oder wolfen (der Text nennt für das Fleisch selbst kein Hack-Verb, nur für den Speck „klein gehackt“ - für eine bindige Knödelmasse braucht es aber eine vergleichbar feine Struktur), mit den acht Eiern, den Gewürzen und dem fein gehackten Speck zu einer festen Masse verkneten und zu Knödeln formen. Die Knödel in siedender, mit Petersilie oder Salbei gewürzter Brühe pochieren, bis sie fest und durchgegart sind - Gartest: Der Knödel schwimmt auf, ist fest, beim Anschneiden ist kein rohes Fleisch mehr sichtbar. Das ist bei Wildbret aus Sicherheitsgründen wichtig; der Urtext selbst nennt für diesen Schritt weder ein Gar-Verb noch eine Gardauer. In der gewürzten Brühe anrichten und servieren.
Der Begriff „chnoll chnodel“ ist eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung, die sich am besten als „Knödel“ oder „Klöße“ übersetzen lässt. Im Kontext dieses Rezepts sind damit geformte Klumpen aus Wildbret gemeint, die in Brühe gegart werden.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung der Knödel und das Garen in der Brühe lassen sich gut über offenem Feuer oder auf einem Kocher bewerkstelligen. Wildbret sollte frisch gekauft und gekühlt transportiert werden.
Im Mittelalter war „Gewürz“ eine allgemeine Bezeichnung. Für ein derart herausgehobenes Gericht wären typischerweise edle und teure Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskatblüte verwendet worden. Du kannst eine Mischung dieser Gewürze nach Geschmack verwenden.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Mittelhochdeutsch für Wildbret, also Fleisch von Wildtieren wie Hirsch, Reh, Wildschwein oder Hase.
Eine Verstärkung aus „chnoll“ (bei Grimm als Erdscholle, Klumpen belegt) und „chnodel“, das im CoReMA-Glossenkorpus - u.a. im Schwesterrezept mon-118 - direkt als „Knödel“ belegt ist. Hier als geformte Wildbret-Knödel gelesen; zur Alternativlesart siehe interpretive_choices.
Meist als „fürstliches Mahl“ gelesen (furst = Fürst, für eine hochgestellte Persönlichkeit bestimmt). Da das mittelhochdeutsche „vürst“ auch „vorderst, erst“ bedeuten kann, ist auch die Lesart „als vorderstes/erstes Gericht“ (Rang in der Gangfolge eines Mahls) nicht auszuschließen - siehe interpretive_choices. Beide Lesarten deuten auf ein gehobenes, herausgehobenes Gericht hin.
Die römische Ziffer für acht.
Schlage sie ein, hier im Sinne von Eier aufschlagen und zur Masse geben.
Allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Im Kontext eines herausgehobenen Mahls wären dies typischerweise teure Importgewürze wie Pfeffer, Ingwer, Nelken oder Muskatblüte.
Fein gehackter Speck, der der Masse Fett und Geschmack verleiht.
Brühe, in der die Knödel gegart werden.
Petersilie oder Salbei, zwei gängige Kräuter der mittelalterlichen Küche, die hier zur Aromatisierung der Brühe dienen.
Richte es an, also serviere das Gericht.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
chnoll chnodel
Gewählte Lesart: Die Begriffe „chnoll chnodel“ werden als Knödel oder Klöße aus Wildbret gelesen, die geformt und in Brühe gegart werden. Der eigentliche Formschritt wird im Text nicht mit einem eigenen Verb benannt - er ergibt sich aus dem Titel selbst und aus dem wortgleichen Beleg im Schwesterrezept ka2-014 („forme daraus Knödel“).
Andere mögliche Lesart:
furst essen (Auf ein furst essen)
Gewählte Lesart: Gelesen als „auf ein fürstliches Mahl“ - furst = Fürst, ein Mahl für einen Fürsten oder eine hochgestellte Persönlichkeit.
Andere mögliche Lesart:
vnd In dy prue ... vnd richcz an (Gargrad der Knödel)
Gewählte Lesart: Die rohe Wildbret-Ei-Speck-Masse wird zu Knödeln geformt und in der siedenden, gewürzten Brühe gegart (pochiert), bis sie fest und durchgegart ist, dann darin angerichtet.
Andere mögliche Lesart:
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