Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Zur Zeit, wenn das Geweih des Hirschen noch im Bast steht, also behaart und weich ist, nimm es und mache es ganz sauber. Senge es über einem Feuer ab. Schneide die Spitze dann in so viele Scheiben, wie du davon gewinnen kannst.
Nimm Honig und lass ihn beim Feuer sieden. Nimm dann Lebkuchen und bähe ihn ebenfalls leicht beim Feuer.
Nimm das Gebein des Geweihs, hacke es und stoße es anschließend im Mörser.
Nimm dann Honig, Wein und Lebkuchen sowie das Blut des Geweihs und seihe alles durch ein reines Tuch. Siede das geschnittene Geweih darin.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| hirschen gehuren | Hirschgeweih im Bast | - | - | - |
| honig | Honig | - | - | - |
| leczelten | Lebkuchen | - | - | - |
| wein | Wein | - | - | - |
| das gepain | Geweihknochen | - | - | - |
| des gehuren swais | Blut des Geweihs | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Alltagsgericht mit moderner Entsprechung, sondern eine seltene Jagd-Delikatesse: junges, weiches Bastgeweih des Hirschen - noch fellbedeckt und stark durchblutet, kurz vor der Verknöcherung - wird in Scheiben geschnitten, gesengt und in einem Wein-Honig-Lebkuchen-Sud mit dem eigenen Blut des Geweihs gar gezogen. Die nächste lebende Verwandtschaft ist keine Küchentradition, sondern die bis heute bestehende Nutzung von weichem Bastgeweih (velvet antler) in der traditionellen chinesischen und koreanischen Medizin sowie in der kommerziellen Hirschzucht Neuseelands und Chinas, wo dasselbe kurze saisonale Zeitfenster genutzt und das Geweih ähnlich geschnitten wird - hier jedoch als Kochrezept statt als Arznei, passend zum Charakter des Haus- und Arzneibuchs, in dem beide Textsorten nebeneinanderstehen.
'pa In' - backen oder bähen? Im Transkript steht nur 'pa', ohne das 'ch', mit dem derselbe Schreiber 'backen' an über einem Dutzend anderen Stellen im Korpus konsequent schreibt (pach/pachs/pachen), dort fast immer gekoppelt an 'in smalcz' (Frittieren in Fett). Hier fehlen sowohl das 'ch' als auch das Fett - der Kontext 'pey dem feuer' passt stattdessen zu mhd. 'bähen' (ahd. pâhan), einem leichten Erwärmen ohne Fett. Der bereits fertige Lebkuchen wird dafür nur am Feuer angewärmt, damit er sich im Sud leichter auflöst.
Das Gebein. Der feste Kern, der nach dem Abschneiden der weichen Scheiben vom Geweih übrigbleibt, wird gehackt und im Mörser zerstoßen, vermutlich um zusätzliche Substanz für den Sud zu gewinnen. Der Text lässt offen, ob dieses zerstoßene Gebein selbst mit in den Sud kommt oder nur Honig, Wein, Lebkuchen und Blut gemeinsam geseiht werden - die Übersetzung übernimmt diese Unschärfe, ohne sie aufzulösen.
Praxis. Die abschließend im Sud gegarten Geweihscheiben sollten vollständig durchgegart werden - der Originaltext nennt weder Zeit noch Garzustand, aber bei blutdurchtränktem, rohem Tiergewebe ist vollständiges Garen die naheliegende und sicherere Lesart. Insgesamt ist das Rezept praktisch nicht nachkochbar: weiches Bastgeweih ist nur in einem kurzen saisonalen Fenster verfügbar, jagdrechtlich reguliert und nicht im Handel erhältlich.
Das Bastgeweih ist das junge, noch weiche und fellbehaarte Geweih des Hirsches, das in seiner Wachstumsphase stark durchblutet ist und erst später zu hartem Knochen verkalkt. In dieser Phase ist es weich genug, um geschnitten und gekocht zu werden, und galt als besondere, seltene Delikatesse aus der Jagdbeute.
Nein. Bastgeweih ist heute praktisch nicht käuflich zu erwerben, nur in einem sehr kurzen saisonalen Fenster verfügbar und jagdrechtlich stark reguliert. Das Rezept lässt sich daher am Markttag nicht realistisch nachkochen, sondern bleibt ein historisches Dokument.
Leczelten sind Lebkuchen bzw. ein gewürztes Honiggebäck, das im Mittelalter häufig nicht nur als Süßspeise, sondern auch als würzendes Bindemittel in Saucen und Süden verwendet wurde.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Bastgeweih, das weiche, noch fellbedeckte und stark durchblutete Geweih des Hirsches in der Wachstumsphase vor der Verknöcherung.
Lebkuchen bzw. gewürztes Honiggebäck, wird hier als Würz- und Bindemittel im Sud verwendet.
Jägersprachlich 'Schweiß' für Blut, hier das Blut bzw. der Saft, den das stark durchblutete Bastgeweih beim Schneiden abgibt.
Gebein, hier der harte Kern bzw. Rest des Geweihs, der nach dem Abschneiden der weichen Scheiben übrigbleibt.
Großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, kein kleiner Gewürzmörser.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pa In
Gewählte Lesart: bähe/wärme es, von mhd. 'bæn' (ahd. pâhan) = bähen, leichtes Erwärmen ohne Fett am offenen Feuer.
Andere mögliche Lesart:
seud das gehuren darIn (Garzustand)
Gewählte Lesart: Die Geweihscheiben werden im Sud vollständig durchgegart - unproblematisch und lebensmittelsicherheitlich sinnvoll bei blutdurchtränktem, rohem Tiergewebe.
Andere mögliche Lesart:
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