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Gespickter Braten aus Fischbrät

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchHaus- und Arzneibuch (Ka2) (~1445)

Bestäube den Fisch mit einem feinen Pulver und schneide das Fleisch ab, so gut es sich roh lösen lässt. Nimm dann die Gräte und siede sie, damit sich auch das übrige Fleisch von den Knochen löst.

Nimm die beiden Brätsorten zusammen und hacke sie durcheinander. Gib Safran hinein und stäube ihn ein, dazu ein wenig geriebene Semmel, und rühre auf eine Schüssel Brät zwei Eier unter, damit die Masse fester und kräftiger wird. Forme aus dem Brät einen Braten und lass ihn von einem kleinen Brettchen in eine siedende Brühe fallen.

Nimm eine Pfanne, die dir passend erscheint, und wenn der Braten genug gesotten ist, stich ihn auf ein Spießlein. Bestreiche ihn am Feuer auf dem Spieß mit rotem Eigelb.

Nimm das Weiße von einem hartgekochten Ei, schneide es klein wie Speckstreifen, und spicke den Braten damit. So ist er fertig.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
visch Fisch - - Festes weißes Fischfilet wie Zander, Hecht oder Kabeljau, da sich das Fleisch gut zu einer formbaren Masse verarbeiten lässt.
saffran Safran - Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel -
geribne semel Geriebene Semmel - - Fertiges Paniermehl aus dem Supermarkt
zu ainer schussel ij ayer Eier 2 - -
rotem tutern Eigelb - - -
des weissen von einem herten ay Eiweiß von 1 hartgekochten Ei 1 - -
syedent prue Siedende Brühe - - -

Welches Gericht ist das? Ein Fisch-Verkleidungsgericht: Fischbrät aus Filet und ausgekochtem Grätenfleisch, gebunden mit Safran, geriebener Semmel und Ei, wird zu einem 'Braten' geformt, in Brühe pochiert, aufgespießt, mit Eigelb bestrichen und mit Streifen von hartgekochtem Eiweiß 'gespickt' - äußerlich ein Doppelgänger für einen gespickten Fleischbraten, tatsächlich aber durchgehend Fisch. Die Idee, Fisch so zu formen und zu färben, dass er wie etwas anderes aussieht, lebt lose fort in modernen Fischfarcen und Formfleisch-Erzeugnissen wie Surimi, das die Optik von Krebsfleisch nachahmt.

Das Pulver zu Beginn. Der Fisch wird vor dem Zerteilen mit einem 'stupp', einem feinen Pulver, bestäubt - der Text lässt offen, ob damit Gewürz oder Mehl gemeint ist. Beides ist plausibel, für die Praxis macht es wenig Unterschied: eine leichte Prise Gewürzpulver oder etwas Mehl vor dem Filetieren stört das Ergebnis nicht.

Praxis. Vom Fisch wird zunächst roh das Filet gelöst, die Gräte wird separat in Brühe gesotten, um auch das restliche Fleisch mitzuverwenden - nichts geht verloren. Beide Brätsorten zusammen hacken, mit Safran, geriebener Semmel und je Schüssel Brät zwei Eiern binden (das Ei gerinnt beim Garen und gibt der Masse Festigkeit, keine Mehlschwitze nötig). Von einem Brettchen zu einer Rolle formen und in siedende Brühe gleiten lassen, bis der Braten fest genug ist, um ihn zu halten. Erst dann aufspießen und am Feuer mit rotem Eigelb bestreichen - das gibt Glanz und eine warme Färbung. Zuletzt mit Streifen von hartgekochtem Eiweiß spicken: reine optische Speck-Illusion, ohne die Fett- und Feuchtigkeitswirkung eines echten Spickens. Für das Brät eignet sich festes weißes Filet wie Zander, Hecht oder Kabeljau.

Was verbirgt sich hinter diesem 'gespickten Braten' - ist da wirklich Fleisch drin?

Nein, das ist der Trick an diesem Gericht: Fisch wird zu einer feinen Farce verarbeitet, zu einer Rollenform geformt, mit Eigelb golden bestrichen und mit Streifen von hartgekochtem Eiweiß gespickt, sodass er wie ein gebratenes Stück Fleisch mit Speckstückchen aussieht. Solche Illusionsgerichte waren an Fischtagen beliebt, wenn kein echtes Fleisch serviert werden sollte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, als Schaugericht sehr gut geeignet: Das Fischbrät kann vorbereitet mitgebracht werden, während die eigentliche Show, das Formen, Pochieren, Aufspießen, Bestreichen mit Eigelb und das Spicken mit Eiweiß-Streifen, vor Publikum am Feuer stattfindet.

Was bedeutet das 'Spicken' mit Eiweiß-Streifen in diesem Rezept?

Normalerweise spickt man einen Braten mit Speckstreifen, die man mit einer Spicknadel ins Fleisch steckt. Hier übernehmen kleingeschnittene Streifen von hartgekochtem Eiweiß diese Rolle, sie sehen weiß und fest wie Speck aus und verstärken die Illusion eines echten Fleischbratens.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).

Ein gespikchter praten von vischen So stupp den visch vnd sneid das prat herab so du maist mugst also rochs vnd nim dann den grat vnd sewd den das das ander prat herab ge Nim dann dy zway geprat vnd haks durcheinander vnd nim saffran vnd gestupp Ein wenig geribne semel vnd zu ainer schussel ij ayer das es vesster vnd starker sey vnd das geprat vnd mach daraus einen praten vnd lass den praten ab einem pretlein vallen In ein syedent prue vnd nim ein pfann dy dir gerecht sey vnd als er genug gesied so stos In an ein spissel vnd uber zeuch In mit rotem tutern gegen dem fewer an dem spis vnd nim des weissen von einem herten ay vnd sneids klain als einen spek vnd spik den praten damit so ist er berait
geprat

Das Brät: fein gehacktes, rohes Fisch- oder Fleischfleisch, das zu einer formbaren Masse verarbeitet wird. Nicht zu verwechseln mit 'gebraten'.

stupp / gestupp

Bestäuben mit einem feinen Pulver, meist Gewürzpulver, gelegentlich auch Mehl - hier nicht eindeutig, welches Pulver gemeint ist.

tutern

Eidotter, das Eigelb.

spissel

Ein kleiner Spieß oder Bratspieß.

prue

Brühe, hier die siedende Flüssigkeit zum Pochieren des geformten Brätes.

semel

Semmel, also Weißbrot, das gerieben als Bindemittel dient - keine Mehlbindung.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793
Folio
Fol. 095v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, unteres Inntal/Mühldorf am Inn, ca. 1445-1470)
Entstehung
Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartstupp (So stupp den visch)

Gewählte Lesart: Der Fisch wird vor dem Zerteilen mit einem feinen Pulver bestäubt, im Text bleibt offen ob Gewürz oder Mehl gemeint ist - in text_modern bewusst offen als 'feines Pulver' übersetzt.

Andere mögliche Lesarten:

  • Bestäuben mit Mehl zur besseren Griffigkeit beim Schneiden - Praktischer Zwischenschritt vor dem Filetieren, passt zum handwerklichen Kontext.
  • Bestäuben mit Gewürzpulver zur frühen Würzung - 'stupp' ist im Korpus sonst mit Gewürzpulver (gburcz-stoup) belegt.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 095v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 793 ("Haus- und Arzneibuch", Ka2, 15. Jh.), Rezeptteil fol. 27v-28v + 94r-98r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka2 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Das Fischbrät (entgrätet, gehackt, mit Safran, Semmel und Ei gebunden) lässt sich zu Hause oder am Vorabend vorbereiten. Am Marktstand wird daraus vor Publikum der 'Braten' geformt, in Brühe pochiert, auf den Spieß gesteckt, mit Eigelb golden bestrichen und mit Eiweiß-Streifen gespickt - ein hübscher Trick-Effekt, der Fisch wie einen Fleischbraten aussehen lässt.
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