Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm die Hirschlunge frisch und siede sie in ihrem eigenen Bratensaft.
Riecht sie aber, so setze sie in einer anderen Brühe neu auf: mit Petersilie und weiteren Gewürzen, dazu Lebkuchen. Gieße Wein und Essig daran.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| hirsch lungel | Hirschlunge | - | Wildhändler, Jäger | Rinderlunge vom Metzger als milderer, leichter erhältlicher Ersatz |
| petersil | Petersilie | - | - | - |
| andrem gewurcz | weitere Gewürze | - | - | - |
| leczelten | Lebkuchen | - | Bäckerei, Supermarkt (saisonales Gewürzgebäck) | Trockenes Gewürzbrot oder Pfefferkuchen |
| wein | Wein | - | - | - |
| essich | Essig | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Frische Hirschlunge wird zunächst im eigenen Bratensaft gegart; fällt das Ergebnis geschmacklich zu intensiv aus, wird sie stattdessen in einer neuen, kräftig gewürzten Brühe mit Petersilie, weiteren Gewürzen, Lebkuchen, Wein und Essig neu angesetzt. Die Verarbeitung von Wildlunge lebt in bairisch-österreichischen Innerei-Gerichten wie der „sauren Lunge" bzw. dem Herz-Lungen-Ragout „Beuschel" fort, auch wenn diese heute selten auf Speisekarten stehen; die mit Lebkuchen gebundene Wein-Essig-Sauce ist zudem eine Vorläuferin der bis heute etwa beim Rheinischen Sauerbraten gebräuchlichen Praxis, Saucen mit Lebkuchen oder Printen abzubinden. Ein fast wortgleicher Zwilling dieses Rezepts liegt im Mondseer Kochbuch vor (mon-127).
„Im eigenen Bratensaft" - wieviel Flüssigkeit gibt die Lunge wirklich her? Die Formulierung „seuds in ir selber prat" meint das Sieden im eigenen austretenden Fett und Saft der Lunge, ohne dass zusätzliche Flüssigkeit zugegeben wird - der Zwilling mon-127 hat an derselben Stelle „prue" (Brühe), was diese Lesart stützt. In der Praxis ist mageres, schwammig-poröses Lungenfleisch dabei aber ein fragilerer Garprozess, als das Bild eines echten Suds nahelegt: Beim Erhitzen tritt zwar Serum und etwas Flüssigkeit aus, vermutlich aber nicht genug, um darin wirklich zu sieden - realistischer ist ein knapper, fast trockener Gargang mit Anbrennrisiko bei zu starker Hitze.
Praxis. Frische Hirschlunge (ersatzweise Rinderlunge vom Metzger als milderer, leichter erhältlicher Ersatz) bei niedriger Hitze im eigenen Saft angaren und dabei den Topf im Auge behalten, bei Bedarf einen Schluck Wasser nachgeben, damit nichts ansetzt. Fällt der Wildgeschmack danach zu intensiv aus, die Lunge in einer frischen Brühe mit Petersilie und kräftigen Gewürzen neu ansetzen, Lebkuchen einrühren und mit Wein und Essig aufgießen: Die Säure gleicht den kräftigen Wildgeschmack aus, der Lebkuchen bindet die Sauce und bringt Süße und Würze.
Hirschlunge ist keine Supermarkt-Zutat. Am ehesten bekommt man sie beim Wildhändler, direkt vom Jäger oder über spezialisierte Wildfleisch-Versender. Wer keine Hirschlunge findet, kann als milderen Ersatz Rinderlunge vom Metzger verwenden.
Eingeschränkt: Die Zubereitung selbst ist unkompliziert und dauert unter einer Stunde in einem Topf am Feuer, aber frische Hirschlunge braucht bis zur Verarbeitung eine durchgehende Kühlkette. Zusätzlicher Engpass ist die Beschaffung, die vorab organisiert werden muss.
Gewürzgebäck wie Lebkuchen diente in der mittelalterlichen Küche häufig als Bindemittel für Saucen und Brühen. Es dickt die Flüssigkeit ein und bringt gleichzeitig Süße und Würze mit - eine Technik, die vor der Verbreitung von Mehlschwitzen gängig war.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Lunge vom Hirsch, eine Innerei des Rotwilds, die in der mittelalterlichen Küche wie andere Wildinnereien verarbeitet wurde.
Der eigene Bratensaft bzw. das eigene austretende Fett, in dem die Lunge ohne zusätzliche Flüssigkeit gegart wird.
Lebkuchen bzw. gewürztes Honiggebäck, das der Brühe zugegeben wird und diese bindet, süßt und würzt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
prat
Gewählte Lesart: ‚Im eigenen Bratensaft' - die Lunge wird in ihrem eigenen austretenden Fett und Saft gegart, ohne zusätzliche Flüssigkeit zuzugeben.
Andere mögliche Lesart:
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