Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Von diesem Rezept ist nur der Titel überliefert: ein Wildschweinkopf, gefolgt von einem abkürzenden 'usw.'. Eine tatsächliche Zubereitungsanweisung, Mengenangabe oder Würzung nennt die Handschrift an dieser Stelle nicht. Es ist daher nicht möglich, aus diesem Eintrag eine vollständige Kochanleitung zu rekonstruieren, ohne Zutaten oder Schritte frei zu erfinden.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wilden sweins choppf | Wildschweinkopf | - | Wildhändler, Metzger mit Wildangebot | - |
Welches Gericht ist das? Von diesem Eintrag ist nur die Titelzeile überliefert: „Ein Wildschweinkopf usw.“ Ein eigener Zubereitungstext fehlt. Die Formel „eines wilden Schweins Kopf“ ist im Korpus aber kein Einzelfall - sie deckt sich fast wörtlich mit dem Rezeptanfang eines vollständig überlieferten Flammen-Schaugerichts (Wildschweinkopf, gefüllt und beim Auftragen entzündet, sodass grüne und blaue Flammen aus Maul und Nüstern schlagen), das seinerseits einen bereits bekannten Zwillingstext in einer weiteren Handschrift hat. Das knappe „usw.“ am Ende legt nahe, dass hier ein andernorts bekanntes Gericht dieser Art nur stichwortartig aufgerufen wurde, statt es auszuschreiben - ob tatsächlich genau diese Flammen-Zubereitung gemeint war oder eine andere Kopf-Zubereitung unter derselben Kurzformel stand, lässt sich aus dem Ka2-Text selbst nicht mehr feststellen.
Eine lebende Nachfahrenschaft ist nicht eindeutig. Das vermutete Flammen-Schaugericht hat kein direktes modernes Pendant, entfernte Verwandtschaft besteht allenfalls zu heutigen Flambier-Schaustücken. Näher an heutiger Küche liegt eine andere, nüchternere Kopf-Zubereitung aus demselben mittelbairischen Sprachraum: Presskopf beziehungsweise Sülze, bei der der Kopf gesiedet, entbeint, gehackt und in der eigenen Schwarte kalt gepresst wird - ein anderer Gerichttyp als das vermutete Schaugericht, aber die naheliegendere lebende Verwandtschaft von Schweinskopf-Gerichten allgemein.
Praxis. Aus dem Ka2-Text selbst lässt sich kein Kochschritt ableiten - hier gibt es nichts nachzukochen, ohne Zutaten oder Vorgehen frei zu erfinden. Wer das vermutlich gemeinte Flammen-Schaugericht ausprobieren möchte, findet dessen vollständige Anleitung in einer anderen Handschrift desselben Korpus; sie wird an dieser Stelle bewusst nicht als Verfahren dieses Eintrags übernommen.
Wildschweinköpfe sind keine Standard-Supermarktware, aber über Wildhändler, Jäger oder Metzgereien mit Wildangebot erhältlich, oft auf Vorbestellung zur Jagdsaison im Herbst und Winter. Wildschwein selbst ist in Deutschland nicht geschützt und wird regulär bejagt, ein Bezug ist also grundsätzlich unproblematisch.
Nein, weil es schlicht kein Rezept im eigentlichen Sinn ist. Überliefert ist nur der Titel, jede Zubereitungsanweisung fehlt, sodass sich daraus keine Lagerküche-Anleitung ableiten lässt.
'Etc.' ist die lateinische Abkürzung für 'und so weiter'. In mittelalterlichen Rezeptsammlungen markiert sie oft, dass eine Zubereitung als bekannt vorausgesetzt wurde oder der Schreiber sie beim Abschreiben ausließ - der eigentliche Rezepttext folgt in diesem Fall schlicht nicht.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Mittelhochdeutsch für Kopf, hier der Kopf des Wildschweins - im Korpus an anderer Stelle auch als Homograph für „Gefäß/Topf“ belegt, hier aber durch eine wortgleiche Parallelstelle sicher als Körperteil bestätigt (dort ist anschließend ausdrücklich von Hals und Maul des Kopfes die Rede).
Wörtlich 'des wilden Schweins', also Wildschwein im Unterschied zum Hausschwein (swîn).
Lateinische Abkürzung für „und so weiter“. Solche Titelzeilen mit „etc.“ brechen oft ab, weil der Schreiber die eigentliche Zubereitung nicht mit-notierte oder sie als andernorts bekannt voraussetzte. Die Titelformel „eines wilden Schweins Kopf“ selbst kehrt im Korpus als Bezeichnung für ein bekanntes Flammen-Schaugericht wieder - möglich, dass genau dieses Gericht hier nur stichwortartig aufgerufen wird.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Eins wilden sweins choppf etc.
Gewählte Lesart: Reine Titelzeile ohne Zubereitungstext, das 'etc.' zeigt an, dass die eigentliche Anweisung fehlt oder bewusst weggelassen wurde.
Andere mögliche Lesarten:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.