Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Gegen die Krautwürmer: Nimm Mangold und siede ihn recht gut durch.
Danach lass das Kraut kalt werden und besprenge damit den Pflanzensamen. Wenn der Same getrocknet ist, so lass ihn stehen.
(Hier eine kleine Lücke im Text) Fressen die Würmer das Kraut dann nicht an und bleibt der Same erhalten, so nützt dir das gut.
Denn ich habe insgeheim bemerkt, dass du gerne getopftes Kraut isst, aber doch nicht viel davon. Meiner Natur nach bin ich eher zum Hafermus geneigt, und darum will ich mit dir des Essens wegen nicht tauschen.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| piessen kraut | Mangold | - | - | - |
| Wasser (zum Sieden) | - | Leitung | - | |
| pflannczen samen | Pflanzensamen | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speisegericht, sondern ein Garten- und Vorratstipp: eine Saatgut-Beize gegen „Krautwürmer“ (Raupen und ähnliche Schädlinge an jungen Gemüsepflanzen). Mangold wird gesotten, der Sud abgekühlt, das Saatgut damit besprengt und getrocknet. Der Kern lebt heute als volkstümliche, im Selbstversorger-Gartenbau weitergereichte Saatgutbehandlung fort. Als Text ist mha-110 die Basler Schwester der nahezu wortgleichen Mondseer Anleitung mon-251.
Die Handschrift bricht an einer Stelle unvollständig ab („So es die wurmm das kraut nicht ...“). Der Zwilling mon-251 füllt die Lücke eindeutig: die Würmer können den aus dem behandelten Saatgut wachsenden Samen nicht fressen. An einer weiteren Stelle gehen die beiden Zeugen auseinander - mha-110 lässt den getrockneten Samen stehen (liegen und aufbewahren), mon-251 lässt ihn aussäen.
Praxis. Mangold in reichlich Wasser gründlich durchsieden, dann den Sud (wörtlich heißt es „lass das Kraut kalt werden“) vollständig abkühlen lassen - ein kochend heißer Sud würde den Keimling im Korn abtöten. Das Saatgut mit dem kalten Sud besprengen oder beträufeln, nicht eintauchen oder einweichen: ein dünner Überzug genügt, stehende Flüssigkeit ließe den Samen ersticken oder faulen. Danach trocknen und trocken lagern. Ob ein Mangold-Sud Krautwürmer wirklich fernhält, behauptet allein das Rezept - ein nachvollziehbarer Wirkmechanismus ist nicht belegt.
Nein. Der erste Teil ist ein Garten-Tipp zur Schädlingsbekämpfung: Saatgut wird mit abgekühltem Mangold-Sud besprengt (nicht eingeweicht) und getrocknet, damit die Würmer die jungen Pflanzen angeblich verschonen. Ob das tatsächlich wirkt, sagt nur das Rezept selbst. Der zweite Teil ist eine private, scherzhafte Bemerkung des Kochs, die mit Kochen nichts zu tun hat.
Mangold (Beta vulgaris), ein im Mittelalter weit verbreitetes Blattgemüse.
Der Schreiber wendet sich direkt an eine zweite Person (vermutlich seinen Herrn oder einen Leser) und bemerkt scherzhaft, dass diese gerne, aber nur wenig, getopftes Kraut isst. Er selbst bevorzugt Hafermus und möchte deshalb beim Essen nicht mit ihr tauschen - ein seltener, humorvoller Ich-Einschub mitten im sachlichen Rezeptkorpus.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Auflistungs-/Einleitungswort, hier etwa 'Punkt' - kein Gericht und keine Zutat, sondern eine Rubriküberschrift wie in Listen üblich.
Krautwürmer, gemeint sind Raupen oder andere Schädlinge, die junge Kohl-/Gemüsepflanzen befallen.
Mangold (Beta vulgaris), von CoReMA eindeutig verlinkt (Wikidata Q157954).
Pflanzensamen, generisch - vermutlich Kohl- oder Gemüsesaatgut, das gegen Wurmfraß behandelt werden soll.
Vermutlich „getopftes Kraut“, also in einem Topf gekochtes Gemüse (von „Pott“ = Topf). Da „Pott“ nord-/niederdeutsch ist und im alemannisch-schwäbischen Raum um 1460 eher „Hafen“ gälte, bleibt die Deutung unsicher; das Wort ist ein korpusweiter Hapax, siehe interpretive_choices.
Hafermus/Haferbrei (von CoReMA als 'puree' verlinkt, Wikidata Q636056) - hier nur als persönliche Essens-Vorliebe des Schreibers erwähnt, nicht als Zutat der Anleitung.
'Heimlich' im Sinn von 'insgeheim, im Stillen' - der Schreiber hat etwas beobachtet, ohne dass es der Angesprochene bemerkt hat. Korpusweiter Hapax, aber sprachlich unproblematisch.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pottigen kraut
Gewählte Lesart: Gelesen als „getopftes Kraut“, also in einem Topf gekochtes Gemüse (von „Pott“ = Topf).
Andere mögliche Lesart:
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