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Marzipanbirnen aus Rosinen und Mandeln

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionenca. 10-12 kleine MarzipanbirnenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Ein Essen, gestaltet wie die Birnen, mach also:

Nimm italienische Rosinen, gut verlesen, und stoße sie im Mörser. Nimm geschälte Mandelkerne und stoße sie mit dazu. Mische Ingwer und Zucker unter die Masse.

Wenn das geschehen ist, rolle die Masse in der Hand, sodass sie wie eine Birne geformt ist, und stecke einen Stängel als Stiel hinein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
walisch weinper wol erlesrn Italienische Rosinen, gut verlesen - - Sultaninen oder Korinthen funktionieren ebenso gut
gescheltrn mandel keren geschälte Mandelkerne - Supermarkt (Backregal) Fertig gemahlene Mandeln sparen das Mörsern, für die Optik sind aber ganze geschälte Mandeln authentischer
ymber Ingwer - - Gemahlener Ingwer aus dem Gewürzregal
zucker Zucker - - -
ain stil 1 Stängel (als Stiel) 1 Stück - Ein sauberer Zweigstiel, eine Gewürznelke oder ein Stück Zimtrinde als Stiel-Imitat

Welches Gericht ist das? Eine handgeformte Rosinen-Mandel-Paste (mit Ingwer und Zucker gewürzt), zu einer Birne gerollt und mit einem Stängel als Stiel versehen - ein reines Schaugericht, kein Kochrezept im engeren Sinn. Technisch handelt es sich um eine Rosinen-Mandel-Konfektmasse, bei der die Rosinen die mengenmäßige Basis bilden und die Mandeln dazukommen - nicht um klassisches reines Mandel-Zucker-Marzipan. Die nächsten lebenden Verwandten sind heutige Marzipanfrüchte vom Weihnachtsmarkt und die sizilianische Frutta Martorana, bis heute zu Allerseelen gefertigte Marzipanfrüchte aus einer Palermitaner Klostertradition - beide setzen dieselbe Idee fort: eine essbare Paste, von Hand zur naturgetreuen Frucht-Illusion geformt.

Praxis. Rosinen zuerst allein im Mörser stoßen - das erzeugt aus Fruchtzucker und Fruchtfleisch eine klebrige Basis-Paste, die später als Bindemittel für die trockenen Mandeln dient, ganz ohne Ei oder Rosenwasser als Zusatz. Dann die geschälten Mandeln dazugeben und mitstoßen: Das Fett und Eiweiß der Mandeln verbindet sich mit der Feuchte und Süße der Rosinen zu einer formbaren Masse. Ingwer und Zucker werden erst danach untergemischt - sie dienen allein dem Geschmack, nicht der Bindung. Zum Schluss die Masse von Hand zur Birnenform rollen und einen Stängel als Stiel hineinstecken; das Formen ist der eigentliche Schau-Moment und lässt sich auch vor Publikum zeigen.

Eine ehrliche Grenze: Das Stoßen ungewässerter Rosinen im Mörser liefert eine gröbere, faserigere Masse als modernes glattes Marzipan - die Rosinenhaut löst sich dabei nicht auf, und der Text verlangt kein Passieren oder Sieben danach. Die Konsistenz bleibt also bewusst rustikal-krümelig, nicht cremig-glatt. Mengenverhältnisse zwischen Rosinen, Mandeln, Ingwer und Zucker nennt der Originaltext nicht (nur der Stängel wird beziffert, mit "ain stil") - die Angaben zu Stückzahl und Zeit in den Meta-Feldern sind moderne Schätzungen, keine Werte aus dem Text selbst.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im Original ist ein großer Fleisch-/Küchenmörser aus Stein oder Metall gemeint, nicht der kleine Gewürzmörser. Für dieses Rezept reicht aber ein Blender, eine Küchenmaschine oder ein scharfes Messer völlig aus, um Rosinen und Mandeln fein zu zerkleinern - ein großer Mörser lohnt sich nur, wenn man die Zubereitung als Schau-Element vor Publikum zeigen möchte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, sehr gut. Es braucht kein Feuer, keine Kühlung und ist in etwa 20-30 Minuten fertig. Alle Zutaten sind trocken und lagerfest, ideal auch als kleines Marktschau-Element, bei dem Besucher zusehen können, wie aus Teig kleine Birnen geformt werden.

Warum bekommt die Marzipanbirne einen Stiel?

Der eingesteckte Stängel diente allein der Optik: Damit sah die aus Rosinen und Mandeln geformte Kugel auf dem Teller tatsächlich wie eine echte Birne mit Stiel aus - ein kleiner Trick der höfischen Tafelkunst.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain essen ge= stalt als die pieren mach also . Item nym walisch weinper wol erlesrn vnd stoess sy In ainem morser vnd nym gescheltrn mandel keren vnd stoeß sy damit vnd misch dar zue ymber vnd zucker . So das geschicht . So walg sy In der hannd das es geschaffen sej als ein pieren vnd stos ain stil darein .
walisch weinper

'Welisch/walisch' meint hier italienisch (wie bei der 'welschen Nuss' = Walnuss). Gemeint sind über Venedig importierte italienische Rosinen, nicht frische Weintrauben.

morser

Gemeint ist ein großer Küchen-Mörser mit schwerem Stößel, kein kleiner Gewürzmörser. Moderne Alternative: Rosinen und Mandeln im Blender oder mit dem Messer fein hacken.

walg sy In der hannd

Wörtlich 'wälze/rolle sie in der Hand' - die geformte Masse wird händisch zu einer Birnenform gerollt, wie heute Marzipanfiguren.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 052r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

walisch weinper wol erlesrnraisin Q13186
gescheltrn mandel kerenalmond Q184357
ymberginger Q15046077
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
ain stilplant stem Q134267

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 052r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
In 20-30 Minuten fertig, kein Feuer nötig, alle Zutaten (Rosinen, Mandeln, Ingwer, Zucker) sind trocken und lagerfest. Statt im Mörser lassen sich Rosinen und Mandeln auch bequem im Blender oder mit dem Messer fein hacken.
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Stand dieser Fassung: 16.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.