Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Ein Essen, gestaltet wie die Birnen, mach also:
Nimm italienische Rosinen, gut verlesen, und stoße sie im Mörser. Nimm geschälte Mandelkerne und stoße sie mit dazu. Mische Ingwer und Zucker unter die Masse.
Wenn das geschehen ist, rolle die Masse in der Hand, sodass sie wie eine Birne geformt ist, und stecke einen Stängel als Stiel hinein.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| walisch weinper wol erlesrn | Italienische Rosinen, gut verlesen | - | - | Sultaninen oder Korinthen funktionieren ebenso gut |
| gescheltrn mandel keren | geschälte Mandelkerne | - | Supermarkt (Backregal) | Fertig gemahlene Mandeln sparen das Mörsern, für die Optik sind aber ganze geschälte Mandeln authentischer |
| ymber | Ingwer | - | - | Gemahlener Ingwer aus dem Gewürzregal |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| ain stil | 1 Stängel (als Stiel) | 1 Stück | - | Ein sauberer Zweigstiel, eine Gewürznelke oder ein Stück Zimtrinde als Stiel-Imitat |
Welches Gericht ist das? Eine handgeformte Rosinen-Mandel-Paste (mit Ingwer und Zucker gewürzt), zu einer Birne gerollt und mit einem Stängel als Stiel versehen - ein reines Schaugericht, kein Kochrezept im engeren Sinn. Technisch handelt es sich um eine Rosinen-Mandel-Konfektmasse, bei der die Rosinen die mengenmäßige Basis bilden und die Mandeln dazukommen - nicht um klassisches reines Mandel-Zucker-Marzipan. Die nächsten lebenden Verwandten sind heutige Marzipanfrüchte vom Weihnachtsmarkt und die sizilianische Frutta Martorana, bis heute zu Allerseelen gefertigte Marzipanfrüchte aus einer Palermitaner Klostertradition - beide setzen dieselbe Idee fort: eine essbare Paste, von Hand zur naturgetreuen Frucht-Illusion geformt.
Praxis. Rosinen zuerst allein im Mörser stoßen - das erzeugt aus Fruchtzucker und Fruchtfleisch eine klebrige Basis-Paste, die später als Bindemittel für die trockenen Mandeln dient, ganz ohne Ei oder Rosenwasser als Zusatz. Dann die geschälten Mandeln dazugeben und mitstoßen: Das Fett und Eiweiß der Mandeln verbindet sich mit der Feuchte und Süße der Rosinen zu einer formbaren Masse. Ingwer und Zucker werden erst danach untergemischt - sie dienen allein dem Geschmack, nicht der Bindung. Zum Schluss die Masse von Hand zur Birnenform rollen und einen Stängel als Stiel hineinstecken; das Formen ist der eigentliche Schau-Moment und lässt sich auch vor Publikum zeigen.
Eine ehrliche Grenze: Das Stoßen ungewässerter Rosinen im Mörser liefert eine gröbere, faserigere Masse als modernes glattes Marzipan - die Rosinenhaut löst sich dabei nicht auf, und der Text verlangt kein Passieren oder Sieben danach. Die Konsistenz bleibt also bewusst rustikal-krümelig, nicht cremig-glatt. Mengenverhältnisse zwischen Rosinen, Mandeln, Ingwer und Zucker nennt der Originaltext nicht (nur der Stängel wird beziffert, mit "ain stil") - die Angaben zu Stückzahl und Zeit in den Meta-Feldern sind moderne Schätzungen, keine Werte aus dem Text selbst.
Im Original ist ein großer Fleisch-/Küchenmörser aus Stein oder Metall gemeint, nicht der kleine Gewürzmörser. Für dieses Rezept reicht aber ein Blender, eine Küchenmaschine oder ein scharfes Messer völlig aus, um Rosinen und Mandeln fein zu zerkleinern - ein großer Mörser lohnt sich nur, wenn man die Zubereitung als Schau-Element vor Publikum zeigen möchte.
Ja, sehr gut. Es braucht kein Feuer, keine Kühlung und ist in etwa 20-30 Minuten fertig. Alle Zutaten sind trocken und lagerfest, ideal auch als kleines Marktschau-Element, bei dem Besucher zusehen können, wie aus Teig kleine Birnen geformt werden.
Der eingesteckte Stängel diente allein der Optik: Damit sah die aus Rosinen und Mandeln geformte Kugel auf dem Teller tatsächlich wie eine echte Birne mit Stiel aus - ein kleiner Trick der höfischen Tafelkunst.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
'Welisch/walisch' meint hier italienisch (wie bei der 'welschen Nuss' = Walnuss). Gemeint sind über Venedig importierte italienische Rosinen, nicht frische Weintrauben.
Gemeint ist ein großer Küchen-Mörser mit schwerem Stößel, kein kleiner Gewürzmörser. Moderne Alternative: Rosinen und Mandeln im Blender oder mit dem Messer fein hacken.
Wörtlich 'wälze/rolle sie in der Hand' - die geformte Masse wird händisch zu einer Birnenform gerollt, wie heute Marzipanfiguren.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| walisch weinper wol erlesrn | raisin Q13186 |
| gescheltrn mandel keren | almond Q184357 |
| ymber | ginger Q15046077 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| ain stil | plant stem Q134267 |
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Stand dieser Fassung: 16.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.