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Gebratener Biberschwanz mit Pfeffer

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit50 Min.Portionen2-3 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Auch von einem Biberschwanz: Brühe einen Biberschwanz und zieh ihm die Haut ab. Röste den Schwanz, bis er ganz trocken wird, wie Sand.

Danach bestreue ihn mit Gewürz. Willst du daraus ein gepfeffertes Mus machen, so verfahre wie oben beschrieben. Du kannst es gut so zubereiten.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
piberswancz Biberschwanz 1 ⚠ Biber ist in DE/EU streng geschützt (FFH-Richtlinie), kein legaler Bezug möglich. Nutria (Myocastor coypus, 'Sumpfbiber') beim spezialisierten Wildhändler oder Metzger als praktisch verfügbare Annäherung, alternativ Kaninchen oder kräftiges Hähnchenfleisch. Nutria-Fleisch (nicht historisch, aber ähnliche Textur und leicht rötliches, mildes Fleisch), sonst Kaninchen oder Hähnchen
gewurcz Gewürz - - -
gepfeffercz Pfeffer - - -

Welches Gericht ist das? Ein gehäutetes, bis zur Trockenheit ("sandtrocken") geröstetes Biberschwanzstück - im Kern eine reine Fett-Delikatesse, denn der Biberschwanz besteht fast nur aus Fettgewebe. Optional lässt sich daraus ein gepfeffertes Mus machen, dessen Zubereitung das Rezept nur referenziert (siehe unten). Strukturell vergleichbar mit dem bis heute in nordamerikanischen Trapper- und Wildnisküchen praktizierten gerösteten Biberschwanz, dort meist in umgekehrter Reihenfolge (erst rösten, dann häuten, weil sich die Haut durch die Hitze leichter löst) - keine direkte Traditionslinie, aber ein konvergentes, bis heute lebendiges Gericht um dieselbe Zutat. Der nächste Verwandte im eigenen Korpus ist sev-060 (Severin-Tradition): dieselbe Zutat, aber gekocht/blanchiert und in einer Wein-Gewürz-Sauce serviert statt trocken geröstet.

piberswancz. Das Kompositum ist im Korpus ein Hapax und in den klassischen Wörterbüchern nicht als Ganzes belegt - gesichert wird die Lesart "Biberschwanz" durch die CoReMA-Sachglosse mit Wikidata-Verknüpfung (Q96756739).

gepfeffercz. Gelesen als "gepfeffert", adjektivisch zu "Mus" (Wikidata Q3143131 bestätigt das Grundwort "Pfeffer"). Dass die Endung auch auf einen eigenständigen Gerichtnamen "Gepfefferz" hindeuten könnte, ist eine denkbare Alternative, aber weniger wahrscheinlich als die adjektivische Lesart.

Praxis. Der Biberschwanz wird zunächst gebrüht - dadurch löst sich die zähe, schuppige Haut, die sich danach abziehen lässt. Anschließend wird er geröstet, bis er "sandtrocken" ist: Der hohe Fettanteil des Biberschwanzes (in Trapper-Quellen mit bis zu rund 60% beschrieben) lässt sich beim Rösten weitgehend auslassen, bis eine trockene, krosse Kruste entsteht, ähnlich der Grieben-Bildung bei sehr fettem Fleisch. Erst danach wird trocken mit Gewürz bestreut, ohne Bindung oder Sauce. Für die gepfefferte Mus-Variante verweist das Rezept auf ein anderes, an dieser Stelle nicht wiederholtes Rezept im selben Kochbuch. Legal ist der Biberschwanz heute nicht zu beschaffen; als praktische Annäherung eignet sich Nutria oder ersatzweise Kaninchen bzw. kräftiges Hähnchenfleisch.

Wo bekomme ich einen Biberschwanz?

Nirgends legal - Biber sind in Deutschland und der gesamten EU streng geschützt (FFH-Richtlinie), Jagd und Handel sind verboten. Wer das Rezept nachvollziehen möchte, kann auf Nutria (Sumpfbiber, invasive Art, bei spezialisierten Wildhändlern legal erhältlich) zurückgreifen, das in Textur und Fettgehalt ähnlich ist, aber erst Ende des 19. Jahrhunderts aus Südamerika nach Europa kam und damit nicht historisch ist. Alternativ eignen sich Kaninchen oder kräftiges Hähnchenfleisch als moderne Annäherung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein - nicht wegen des Aufwands, sondern weil die Hauptzutat schlicht nicht legal zu beschaffen ist. Ein Ersatz mit Nutria oder Kaninchen wäre technisch einfach umsetzbar (Brühen, Häuten, Rösten dauert keine Stunde), aber dann ist es kein Biberschwanz-Rezept mehr im eigentlichen Sinn.

Warum galt Biberschwanz überhaupt als essbares Gericht?

Im christlichen Mittelalter zählte 'alles, was im Wasser lebt' als Fisch und war damit fastentauglich. Der Biber wurde wegen seines schuppigen Schwanzes und seiner wasserlebenden Natur theologisch dieser Kategorie zugeordnet - der Schwanz galt als besonders fleischig-schmeckende, geschätzte Fastenspeise an gehobenen Tafeln.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Aber von einem piberswancz Item prue ainen piber schwanncz vnd zeuch Im die haut ab vnd roest den schwanncz das er sand trucken werde dornach sae In mit gewurcz wiltu ain gepfeffercz muosz haben So thue Als oben geschriben stet Du macht es wol machen .
piberswancz

Biberschwanz, der fetthaltige, schuppige Schwanz des Bibers. Von der CoReMA-Sachglosse (Wikidata) eindeutig als Biberschwanz bestätigt.

haut

Die Biberhaut, die vor dem Rösten abgezogen wird - hier als Nebenprodukt genannt, nicht als Speisezutat.

sand trucken

'Wie Sand trocken' - eine bildhafte Steigerung für 'ganz durchgetrocknet', kein Hinweis auf Sand als Zutat.

gepfeffercz muosz

Ein 'gepfeffertes Mus' (gepfefferte Speise/Sauce), das an anderer Stelle im Kochbuch beschrieben ist. Das Rezept verweist nur darauf, ohne die Zubereitung zu wiederholen.

Als oben geschriben stet

Interner Rückverweis im Manuskript auf ein früheres 'gepfeffertes Mus'-Rezept. Ein eindeutiges Zielrezept ist im bisher digitalisierten mha-Korpus nicht identifizierbar - möglicherweise liegt es außerhalb des bereits erschlossenen Bereichs.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 102r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpiberswancz

Gewählte Lesart: Biberschwanz - der Schwanz des Bibers, ein historisch geschätztes Fastenspeise-Teilstück. Diese Lesart wird direkt durch die CoReMA-Sachglosse mit Wikidata-Verknüpfung (Q96756739, 'beaver tail') gestützt, obwohl das Wort in den klassischen Wörterbüchern (Lexer, Benecke, Stratmann) nicht direkt als Ganzes belegt ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Reine Verlesung eines anderen Tierteils - Ohne die CoReMA-Sachglosse wäre das Kompositum aus den einzelnen Wörterbucheinträgen nicht sicher zu erschließen gewesen, da 'piber' zwar als Biber belegt ist, das Gesamtwort aber ein Hapax bleibt.

Lesartgepfeffercz

Gewählte Lesart: Gepfeffert, adjektivisch zu 'Mus' - eine pfefferbetonte Würzung des Gerichts. Bestätigt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q3143131, 'pepper').

Andere mögliche Lesart:

  • Eigenständiger Gerichtname 'Gepfefferz' als feste Bezeichnung - Die morphologische Form mit -ercz-Endung könnte auch auf einen festen Gerichtsnamen hindeuten, doch die Sachglosse und der Bezug auf ein 'oben geschriebenes' Rezept stützen die adjektivische Lesart als wahrscheinlicher.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 102r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Biberschwanz ist in DE/EU streng geschützt, ein legaler Bezug ist nicht möglich. Damit entfällt die Frage der Lagerküche-Tauglichkeit von selbst, egal wie einfach die Zubereitung (Brühen, Häuten, Rösten) wäre.
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