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Steinobst-Mus mit Honig

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit40 Min.Portionen4 Personen (als Beilage oder Nachtisch)BuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Nimm Kriechenpflaumen oder Sauerkirschen oder Mispeln, je nachdem was für Steinobst gerade da ist, und schlage es durch ein Sieb oder Tuch.

Gib Honig hinzu und lass es kurz aufkochen. Setze alles in einen Topf ans Feuer und lass es dick werden.

So machst du aus jeder dieser Früchte ein Mus. Würze es gut ab, wenn du magst.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
kriechen oder weichseln oder nespel was von stain obs sey Kriechenpflaumen - - Ersatzweise Sauerkirschen oder Mispeln - alle drei sind im Original als gleichwertige, austauschbare Steinobst-Optionen genannt, je nach Saison
hoenig Honig - - -
gewurcz Gewürz nach Wahl - - Zimt oder Ingwer passen gut zu Steinobst

Welches Gericht ist das? Ein durch Sieb oder Tuch passiertes Steinobst-Mus, mit Honig gesüßt und ohne Wasserzugabe am Feuer eingedickt - technisch die unmittelbare Vorstufe der heutigen Fruchtmus-Familie. Je nach gewähltem Obst der Vorläufer von Pflaumenmus (Kriechenpflaumen), Kirschmus (Sauerkirschen) oder einem dicken Mus aus Mispeln (im Englischen als „medlar cheese" bekannt). Die Formel „von ainem yeglichen ain muosz" (aus jedem [Obst] ein Mus) beschreibt ein einziges Grundverfahren, das wahlweise auf eine der drei Fruchtarten angewendet wird - kein Mischrezept aus allen dreien.

„prenn darein". Der Honig wird kurz aufgekocht bzw. erhitzt und dann ins passierte Fruchtmus gegeben. Das Verb ist im Korpus als Schreibvariante von „brennen" belegt (nicht von „bringen", wie eine ähnlich klingende Formulierung in einem verwandten Rezept nahelegen könnte); der Grund fürs Vorerhitzen bleibt im Text selbst offen.

Praxis. Reifes Steinobst durch ein Sieb oder Tuch passieren - bei Mispeln muss die Frucht dafür überreif-weich ("bletted") sein, sonst lässt sie sich kaum durchschlagen. Honig kurz aufkochen und unter das Mus rühren, alles gemeinsam im Topf am offenen Feuer unter gelegentlichem Rühren einkochen, bis es andickt. Die Bindung entsteht allein durch Verdunstung und die Eigenviskosität des Honigs, ohne Mehlschwitze oder Ei. Ein Mengenverhältnis von Frucht zu Honig und eine genaue Kochdauer nennt der Text nicht - hier hilft nur Erfahrung und Geschmacksprobe. Fertig in etwa 30-40 Minuten.

Kann ich für dieses Rezept jedes beliebige Steinobst nehmen?

Das Original nennt Kriechenpflaumen, Sauerkirschen und Mispeln ausdrücklich als gleichwertige Alternativen ('oder') - je nachdem, was gerade Saison hat. Die Zubereitung bleibt bei allen drei Früchten identisch, nur der Geschmack ändert sich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, sehr gut. Fruchtmus mit Honig ist in unter einer Stunde im Topf am Feuer fertig, braucht nur ein Sieb oder Passiertuch zum Durchschlagen und keine Kühlung.

Was bedeutet 'prenn darein' im Rezept?

'Brennen' bezeichnet hier ein kurzes, kräftiges Aufkochen des Honigs, bevor er ins passierte Fruchtmus gegeben wird - nicht ein Verbrennen im negativen Sinn. Diese Lesart ist eindeutig belegt; warum der Honig vorerhitzt wird, sagt der Text selbst nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Von einem gemuess von stain obs ze machen Item Nym kriechen oder weichseln oder nespel was von stain obs sey vnd schlahs durch mit hoenig prenn darein vnd thue es zue dem feur In ainen hafen vnd lass dick werden So machstu von ainem yeglichen ain muosz vnd ge= wurcz das wol ab doch ob du wild
gemuess

Mus/Brei aus passierten Früchten, hier gleichbedeutend mit 'muosz'.

stain obs

Steinobst allgemein: Früchte mit hartem Kern wie Pflaumen, Kirschen, Mispeln.

kriechen

Kriechenpflaumen, eine kleine, säuerliche Pflaumenart.

weichseln

Weichseln, also Sauerkirschen (Prunus cerasus).

nespel

Mispel (Mespilus germanica), ein heute selteneres Steinobst mit gerbstoffreichem Fruchtfleisch.

prenn darein

'Brennen' meint hier kurzes, starkes Aufkochen bzw. Erhitzen des Honigs, der ins Fruchtmus gegeben wird - nicht das moderne 'anbrennen lassen' im negativen Sinn.

gewurcz

Unspezifisches 'Würzen'. Der Originaltext nennt keine konkreten Gewürze, sondern überlässt die Wahl dem Koch.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 102v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartprenn darein

Gewählte Lesart: Honig wird kurz aufgekocht/erhitzt und dann ins Fruchtmus gegeben.

Andere mögliche Lesart:

  • Honig wird leicht karamellisiert (angebrannt), bevor er zugegeben wird - Mhd. 'brennen' kann auch das gezielte Karamellisieren von Zucker/Honig meinen, wie es später beim 'Bochet' in der Met-Herstellung belegt ist - im Kontext eines einfachen Fruchtmuses aber weniger wahrscheinlich als bloßes Erwärmen.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 102v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
In gut 30-40 Min im Topf am Feuer fertig, nur Sieb oder Tuch zum Passieren nötig, keine Kühlung erforderlich.
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