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Mandelmilch-Törtchen mit Gewürzen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 60 Min. KüchenzeitPortionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Ziehe eine dicke Mandelmilch aus und lass sie gerinnen. Wenn sie geronnen ist, gib sie auf ein kleines Sieb, damit die Flüssigkeit abläuft. Gib danach Ingwer, Nelken, Muskatnuss und Muskatblüte, von jedem ein wenig, hinzu, dazu viel gestoßene Zimtstangen und Zucker. Mache die Masse mit weiterer Mandelmilch dünner. Gib sie auf ein kleines Förmchen und lass sie gemächlich backen.

Wenn das Törtchen eine Weile gebacken hat, bestreiche es mit Eiklar und Rosenwasser.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain duͤcken mandel millich Dicke Mandelmilch - Supermarkt, Reformhaus Aus gemahlenen Mandeln und Wasser selbst herstellen
Imber Ein wenig Ingwer - - -
negela Ein wenig Nelken - - -
Muskat Ein wenig Muskatnuss - - -
muſcat⸗plue Ein wenig Muskatblüte - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
vil Rerla Viel gestoßene Zimtstangen - - gemahlener Zimt
Zucker Zucker - - -
ainer manndel millich Mandelmilch (zum Verdünnen) - Supermarkt, Reformhaus Aus gemahlenen Mandeln und Wasser selbst herstellen
ayrklar Eiklar - - -
roſen waſſer Rosenwasser - gut sortierter Supermarkt, türkischer/orientalischer Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Ein gebackenes Mandelmilch-Törtchen: dicke Mandelmilch wird geronnen, abgetropft, gewürzt, mit frischer Mandelmilch wieder verdünnt und in einem kleinen Förmchen gebacken, zuletzt mit Eiklar und Rosenwasser bestrichen. Die Masse geht direkt in ein kleines Backgefäß ("bodelin"), ohne Teigkruste. Näher verwandt ist es den übrigen Mandeltörtchen desselben Kapitels (mst-014 bis mst-018): eine milchfrei gebundene, gewürzte Süßspeise, die heute eher an einen kleinen Mandelmilch-Flan oder ein Blancmange-Törtchen erinnert als an eine heutige Sahnetorte, weil kein Ei und keine Kuhmilch, sondern nur die geronnene Mandelmilch selbst bindet.

Der Titel lautet "Ain Torden von Mandel millich" - fünf benachbarte Titel (mst-014 bis mst-018) zeigen dasselbe Wort in wechselnder Schreibung (Tordten, Torden).

Offen bleibt, womit die Mandelmilch zum Gerinnen gebracht wurde ("Renn ſie") - der Text nennt kein Mittel. Ebenso unbeziffert sind Temperatur und Dauer des "gemachen Backens".

Praxis. Dicke Mandelmilch mit ein wenig Zitronensaft oder Essig zum Gerinnen bringen, durch ein feines Sieb abtropfen lassen. Mit Ingwer, Nelken, Muskatnuss, Muskatblüte und reichlich gestoßenen Zimtstangen sowie Zucker würzen, dann mit frischer Mandelmilch wieder auf Backkonsistenz verdünnen. In ein kleines, gefettetes Förmchen füllen und bei niedriger bis mittlerer Ofentemperatur backen, bis die Masse gestockt ist. Im Lager gelingt das am ehesten in einem abgedeckten Topf oder Dutch Oven über milder Glut statt über offener Flamme - Garzeit nach Augenschein. Nach dem Backen mit verquirltem Eiklar und Rosenwasser bestreichen.

Was bedeutet 'Torden' im Titel?

„Torden“ ist „Torten“. Im selben Törtchen-Abschnitt des Buches erscheint dasselbe Wort in wechselnder Schreibung (Tordten, Torden) - es handelt sich um ein Mandelmilch-Törtchen, keine gesonderte Gattung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zutaten sind robuste Vorräte, keine Kühlkette nötig. Die Zubereitung braucht nur einen Topf, ein Sieb und ein kleines Förmchen. Das „gemache Backen“ gelingt im Lager am ehesten in einem abgedeckten Topf oder Dutch Oven über milder Glut, nicht mit offener Flamme allein. Die Mandelmilch kann aus gemahlenen Mandeln und Wasser direkt im Lager hergestellt werden.

Was bedeutet 'Renn' im Rezept?

Das Verb „rennen“ bedeutet hier „gerinnen lassen“, ähnlich wie bei der Käseherstellung. Womit die Mandelmilch zum Gerinnen gebracht wurde, nennt der Text nicht - infrage kommen eine milde Säure (Zitronensaft, Essig), historisch auch Agrest oder saurer Wein, oder ein rein hitzebedingtes Eindicken. Das anschließende Abseihen trennt nur fest von flüssig und belegt kein bestimmtes Mittel.

Welche Gewürze sind mit 'Rerla' gemeint?

„Rerla“ (Röhrlein) bezeichnet Zimtstangen, die Handelsform des Zimts. Für gebackene Süßspeisen wie dieses Törtchen wurden sie stets gestoßen verwendet - nur bei Getränken blieben sie ganz.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Torden von Mandel millich. Item zeuch ain duͤcken mandel millich auſs, vnnd Renn ſie vnnd wanns gerent iſt ſo thus auff ain ſiblin das daruon khom, vnd thu darnach Imber, negela, Muskat, vnnd muſcat⸗ plue jedes ain wenig darann, vnnd vil Rerla, Zucker, machs mit ainer manndel millich Ringer, thus auf ain boͤdelin laſs gemach bachen, vnnd wanns ain weil gebachen hat, ſo be⸗ ſtreichs mit ayrklar, vnd roſen waſſer. Folget hernach wie man gutte muſs machen ſoll.
Torden

Torten. mst-014 bestätigt dieselbe Lesung über den lokalen BSB-Druckscan (Seite 008) und die Parallelfassung wo10-073 („Mandeldortten“).

duͤcken

Frühneuhochdeutsche Schreibweise für „dicken“, also dickflüssig oder eingedickt.

Renn

Das Verb „rennen“ bedeutet hier „gerinnen lassen“ oder „dick werden lassen“, ähnlich wie bei der Käseherstellung.

ſiblin

Ein Diminutiv von „Sieb“, also ein kleines Sieb oder Seihtuch.

negela

Kurzform für „Nägelein“, die Bezeichnung für Gewürznelken im Mittelalter und der Frühen Neuzeit.

muſcat⸗plue

Die Muskatblüte, auch Macis genannt, ist der Samenmantel der Muskatnuss.

Rerla

Zimtstangen (Röhrlein), die Handelsform des Zimts. Für gebackene Süßspeisen wie dieses Törtchen wurden sie stets gestoßen verwendet - nur bei Getränken blieben sie ganz.

Ringer

Bedeutet „dünner“ oder „flüssiger“, hier im Sinne von „verdünnen“.

gemach bachen

Bedeutet „gemächlich backen“, also langsam und bei milder Hitze.

ayrklar

Frühneuhochdeutsche Schreibweise für „Eiklar“, also das Eiweiß.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Torten und Muse
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain duͤcken mandel millichalmond milk Q975953
Imberginger Q15046077
negelaclove Q15622897
Muskatnutmeg Q83165
muſcat⸗pluemace Q1882876
vil Rerlacinnamon Q28165
Zuckerunrefined cane sugar Q57656231
ayrklaregg white Q796758
roſen waſſerrose water Q900450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartGerinnungsmittel (Renn ſie)

Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Mittel, mit dem die Mandelmilch zum Gerinnen gebracht wird; moderne Praxis greift zu einer milden Säure wie Zitronensaft oder Essig.

Andere mögliche Lesarten:

  • Agrest (unreifer Traubensaft) oder saurer Wein als historisch gebräuchlichere Säuerungsmittel. - Beide waren im 16. Jahrhundert verbreitete Gerinnungsmittel für Milch, werden im Text aber nicht genannt.
  • Reines Eindicken durch Hitze, ohne Säurezusatz. - Eine dicke, fettreiche Mandelmilch kann auch ohne Säure gerinnen; der Text belegt keine der Varianten.

Lesartgemach bachen - Temperatur und Dauer

Gewählte Lesart: Milde, langsame Hitze; moderne Praxis: niedrige bis mittlere Ofentemperatur, bis die Masse gestockt ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Im Lager über milder Glut in einem abgedeckten Topf oder Dutch Oven, Garzeit nach Augenschein. - Ein echter Ofen stand im Feldlager meist nicht zur Verfügung; der Text nennt keine konkrete Temperatur oder Zeit.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 009, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/mst-019
LagerkücheLagerküche
Gut geeignet. Die Zutaten sind robuste Vorräte (Mandeln, Gewürze, Zucker, Eiklar), keine Kühlkette nötig. Das „gemache Backen“ braucht aber echte Hitzeisolierung - im Lager gelingt es am ehesten in einem abgedeckten Topf oder Dutch Oven über milder Glut, nicht mit offener Flamme allein. Die Mandelmilch kann aus gemahlenen Mandeln und Wasser direkt im Lager hergestellt werden.
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.