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Regenwasser aus dem Wein ziehen

Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen1 Fass Wein (beliebige Menge)BuchWeinbuch im Codex Donaueschingen (~1500)

Wenn im Herbst viele Regentage fallen, sodass sich dein Wein mit Wasser vermischt und dieses Wasser im Wein bleibt, gibt es eine geschickte Methode, es wieder herauszubringen. Ziehe den Wein nach der ersten Gärung in ein anderes Fass um.

So bleibt das Wässrige, das dem Wein schadet, unten am Boden des alten Fasses zurück.

Wisse auch: Jeder Wein ist in der Mitte des Fasses besser als unten oder oben. Die aleibe ist dagegen oben besser als unten, während Honig am Boden besser ist als oben.

Deshalb schenkt mancher Wirt zum Spaß dreierlei Wein aus ein und demselben Fass aus, einmal von unten, einmal aus der Mitte und einmal von oben.

Was leistet dieses Kapitel? Es ist keine Speisezubereitung, sondern eine Kellermeister-Anleitung in drei Teilen: eine Korrekturtechnik für Wein, in den bei starkem Herbstregen Wasser eingedrungen ist; eine allgemeine Beobachtung zur Qualitätsschichtung von Flüssigkeiten im Fass; und eine Anekdote über Wirte, die genau diese Schichtung als geselligen Scherz nutzten.

Der Abstich nach der Regenwasser-Verwässerung. Der Text begründet das Umziehen in ein neues Fass ('ablossen') damit, dass sich das eingedrungene Wasser unten am Boden absetzt und dort zurückbleibt. Diese Erklärung hält der modernen Chemie nicht stand: Wasser und Wein sind vollständig mischbar, eine Dichteschichtung von Regenwasser im Fass ist physikalisch nicht zu erwarten. Was der Abstich tatsächlich abtrennt, ist die Hefe- und Trubschicht am Fassboden, nicht eingedrungenes Wasser. Das erklärt, warum die Maßnahme in der Praxis half, obwohl die im Text genannte Ursache falsch war - kein Fehler des Rezepts, sondern ein zeittypisches Erklärungsmodell für eine real beobachtete Wirkung. Der Handgriff selbst, Wein nach der ersten Gärung von Trub und Bodensatz abzuziehen, ist als Racking bis heute Standardpraxis im Weinbau.

Die Positionsregel im Fass. Wein sei in der Mitte am besten, so der Text, was sich mit heutigem Wissen über Sauerstoffkontakt am Spund (Oxidationsrisiko oben) und Hefesediment (Trubrisiko unten) plausibel erklären lässt: Die Mitte meidet beide Risikozonen. Für Honig ist eine Dichtetrennung nachvollziehbar, unaufgelöster Honig sinkt in dünner Lösung ab. Für die dritte Flüssigkeit, im Text 'aleibe' genannt, ist die Wortbedeutung selbst unsicher. Wörterbücher (Lexer, Grimm, Schmeller, Wülcker, Autenrieth, das Mittellateinische Wörterbuch, MHDBDB) belegen 'aleibe' übereinstimmend als 'Überbleibsel, Rest' (von mittelhochdeutsch 'leiben', übrig lassen) - nicht als 'Öl', wie früher in diesem Rezept vermutet. Die Öl-Lesart hat keinen Wörterbuchbeleg, nur die physikalische Plausibilität einer oben schwimmenden Schutzschicht spricht für sie. Der genaue Bezug im Satz bleibt damit offen.

Vergleich mit Hirnkofen 1478. Hirnkofens Kapitelübersicht nennt einen Abschnitt 'Abziehen von einem Fass ins andere', der thematisch zum hiesigen Abstich-Verfahren passt. Dieser Abschnitt ist bislang nicht inhaltlich gelesen, nur der Titel bekannt. Die tatsächlich geprüften Hirnkofen-Abschnitte erwähnen weder Regenwasser-Verdünnung noch die Positionsregel noch die Drei-Zapfhöhen-Anekdote; der nächstliegende gelesene Text, ein Birnentest gegen absichtliches Panschen, behandelt ein anderes Problem als den hier beschriebenen unabsichtlichen Regeneintrag. Ein echter inhaltlicher Abgleich steht noch aus.

Praxis. Der Text leitet an, verwässerten Wein nach der ersten Gärung in ein neues Fass umzuziehen, erklärt eine Qualitätsstaffelung nach Zapfhöhe und schildert, wie manche Wirte diese Staffelung zur Unterhaltung ihrer Gäste nutzten.

Wie lange muss der Wein ruhen, damit sich das Wasser absetzt?

Der Text nennt keine genaue Frist. Nach der ersten Gärung braucht es aber typischerweise mehrere Tage bis Wochen Ruhe im Fass, damit sich Wasser und Trubstoffe am Boden sammeln, bevor der klare Wein oben abgezogen wird.

Was bedeutet 'durch eins schimpfes willen' im Text?

Mittelhochdeutsch 'schimpf' heißt Scherz oder Kurzweil, nicht Beleidigung wie im heutigen Wort 'Schimpf'. Der Satz beschreibt einen geselligen Trick: Manche Wirte schenkten zum Spaß drei verschiedene Weine aus ein und demselben Fass aus, je nachdem ob sie von unten, aus der Mitte oder von oben gezapft wurden, und ließen die Gäste den Qualitätsunterschied erraten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.

5. Wie du wasser vz dem win bringest. Wanne auch in dem herbeste regentage sint, daz dir din wine <<117>> mit wasser wirt gemüschet vnd daz wasser in dem wine blibet, wiltu daz mit behendikeit dar yß [!E] bringen, so soltu dinen win ablossen noch der ersten jerunge in ein ander faß. So bliebet daz do wesserig ist vnden an dem bodem vnd waz do schedelichen ist dem wine. Vnd solt wissen, daz ein igliche wine mitten in dem vaße besser ist wann vnden oder oben. Die aleibe ist oben besser dann vnden, vnd honig ist besser an dem grunde dann oben. Darvmbe schencket ettelicher dryerley wine vsser eym vaße durch [182v] eins schimpfes willen, vnden, mitten vnd oben.
jerunge

Gärung. Der Wein wird nach der ersten Gärung, also nach der Hauptgärphase, in ein neues Fass umgezogen (Racking).

aleibe

Wörterbücher (Lexer, Grimm, Schmeller, Wülcker, Autenrieth, das Mittellateinische Wörterbuch, MHDBDB) belegen 'aleibe/ableibe' übereinstimmend als 'Überbleibsel, Rest' (von mittelhochdeutsch 'leiben', übrig lassen; Schmeller übersetzt eine Belegstelle mit lateinisch 'reliquiae'). Die früher vermutete Lesart 'Öl' hat keinen Wörterbuchbeleg, sondern stützt sich nur auf physikalische Plausibilität (Öl schwimmt oben) und den bekannten Wein-Öl-Honig-Topos. Der genaue Bezug im Satz bleibt offen.

schimpfes

Mittelhochdeutsch für Scherz oder Kurzweil, nicht das heutige 'Schimpf' im Sinne von Tadel.

ablossen

Ablassen, abziehen. Bezeichnet das Umfüllen des klaren Weins in ein neues Fass, während Trub und Wasser im alten zurückbleiben.

Handschrift
Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol]
Folio
Fol. 182r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)
Entstehung
Südwestdeutschland, 1500

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartjerunge

Gewählte Lesart: Gärung (Fermentationsprozess) - nach der ersten Gärung wird der Wein in ein neues Fass abgezogen.

Lesartaleibe

Gewählte Lesart: Überbleibsel, Rest (evtl. Trester oder Pressrückstand) - von mittelhochdeutsch 'leiben', übrig lassen. Sieben unabhängige Wörterbücher (Lexer, Grimm, Schmeller, Wülcker, Autenrieth, das Mittellateinische Wörterbuch, MHDBDB) belegen diese Bedeutung konvergent. Der genaue Bezug im Satz bleibt offen.

Andere mögliche Lesart:

  • Öl. - Physikalisch plausibel (geringere Dichte schwimmt oben, mögliche Schutzschicht) und passt zum bekannten Wein-Öl-Honig-Topos, hat aber in den geprüften Wörterbüchern keinen einzigen Beleg.

Lesartschimpfes

Gewählte Lesart: Scherz, Spaß - 'durch eins schimpfes willen' meint 'aus einer Laune heraus, zum Spaß'.

Andere mögliche Lesart:

  • Modernes 'Schimpf' im Sinne von Beleidigung oder Tadel. - Mittelhochdeutsch 'schimpf' bedeutete ursprünglich Scherz und Kurzweil, die Bedeutungsverschiebung zu 'Tadel' entstand erst später. Im Kontext des geselligen Weinausschanks passt eindeutig die scherzhafte Lesart.

Originalwerk (~1500) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 182r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 787 ("Weinbuch im Codex Donaueschingen", wbd, südrheinfränkisch, um 1500) - Public Domain Mark 1.0
Transkription
Uni Giessen (Gloning) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Stand dieser Fassung: 06.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.