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Edle Fleischpastete für Magnaten

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

GeflügelHauptspeise · GeflügelLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit240 Min.Portionen10-15 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Um eine Pastete für Edelleute zu bereiten: Nimm Kaponen und ganze Hühner, oder zerteile sie, zusammen mit Kalbfleisch und Wildvögeln, und bereite einen Pastetenteig. Lege die Vögel unter das Fleisch, würze mit der oben genannten Würzmischung, dazu süße Gewürze und Zucker. Gib obenauf Safran, gemischt mit Agrest und Rosinen, damit es sich klärt. Und es wird vorzüglich sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
capones Kaponen - Metzger, Geflügelhof -
pullos integros, aut diuisos Ganze oder zerteilte Hühner - - -
carnibus uitellinis Kalbfleisch - Metzger -
auibus Siluestribus Wildvögel - ⚠ Artenschutz beachten! Nicht im Handel erhältlich. Wachteln, Rebhühner (aus Zucht), oder Perlhuhn
pastam Pastetenteig - - -
temperatura superius nominata Gewürzmischung (unbestimmt) - - -
spetiebus dulcibus Süße Gewürze (unbestimmt) - - -
zuccharo Zucker - - -
crocum Safran - - -
agresto Agrest - Spezialitätenhandel, Online-Shop Weißweinessig oder Zitronensaft
uua passa Rosinen - - -

Welches Gericht ist das? Die prächtige Variante der Bockenheimer Fleischpastete - eine große, vielschichtige Geflügel- und Fleischpastete für die Tafel der magnates (Hochadel), Gegenstück zur schlichten Kalbspastete boc-034. Mehrere Fleischsorten in einer Teighülle gebacken, am Ende mit safran-süßer Agrest-Rosinen-Mischung verfeinert; verwandt mit den großen englischen und italienischen Geflügelpasteten der Zeit.

Die Füllung schichtet Kaponen, ganze oder zerteilte Hühner, Kalbfleisch und aues siluestres (Wildvögel). Aues sub carnes heißt, die Vögel kommen unter das übrige Fleisch zu liegen. Temperatura superius nominata verweist auf eine Standard-Würzmischung aus einem früheren, hier nicht abgedruckten Rezept - ein typisches Verweis-Verfahren mittelalterlicher Sammlungen. Dazu kommen spetiebus dulcibus (süße Gewürze) und Zucker. Ut purget ("damit es sich klärt") bezieht sich auf die obenauf gegebene Safran-Agrest-Rosinen-Mischung, die nach dem Backen einzieht und Farbe wie Geschmack abrundet.

Praxis. Geflügel und Kalbfleisch portionieren; Wildvögel ersetzt man heute durch Zucht-Wachteln, -Rebhühner oder Perlhuhn (echtes Wildgeflügel unterliegt dem Artenschutz). Aus kräftigem Teig eine große Form auskleiden. Die Wildvögel zuunterst betten, darüber Kalb und Huhn/Kapaun, alles mit der Gewürzmischung (Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelke) plus süßen Gewürzen (Zimt, Muskat) und etwas Zucker würzen. Deckel auflegen, bei 180 °C backen, bis durchgegart (große Pastete: 1,5-2 Std). Eine Prise Safran in etwas Agrest (oder Weißweinessig/Verjus) lösen, mit Rosinen vermengen und kurz vor Schluss über die Pastete geben.

Wo bekomme ich Kaponen und Wildvögel?

Kaponen sind heute seltener, aber bei spezialisierten Metzgern oder Geflügelhöfen erhältlich. Wildvögel wie Rebhühner oder Wachteln sind oft nur aus Zucht erhältlich und unterliegen strengen Artenschutzbestimmungen. Eine gute Alternative für Wildvögel sind Perlhühner oder anderes kräftiges Geflügel.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Die Zubereitung einer so aufwendigen Pastete erfordert einen Backofen und die Kühlung der verschiedenen Fleischsorten wäre im Lager nicht gewährleistet. Es muss zuhause vorbereitet werden.

Was bedeutet ‚ut purget‘ im Rezept?

Die lateinische Phrase ‚ut purget‘ bedeutet wörtlich ‚damit es reinigt‘ oder ‚damit es klärt‘. Im kulinarischen Kontext, besonders in Verbindung mit Safran, Agrest und Rosinen, ist die Lesart ‚damit es klärt und verfeinert‘ am plausibelsten. Die Zutaten tragen zur Farbgebung, Geschmacksbalance und möglicherweise zur besseren Verdaulichkeit bei.

Was sind die ‚oben genannte Würzung‘ und die ‚süßen Gewürze‘?

Die ‚oben genannte Würzung‘ ist eine Referenz auf eine Standard-Gewürzmischung, die in einem früheren Teil des Manuskripts beschrieben wurde, aber hier nicht explizit genannt wird. Typisch wären Pfeffer, Ingwer, Galgant und Nelken. ‚Süße Gewürze‘ bezeichnete im Mittelalter eine Mischung aus wärmenden, aromatischen Gewürzen wie Zimt, Ingwer, Nelken, Muskat und Kardamom, die oft mit Zucker kombiniert wurden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Ad faciendum pastillum pro magnatibus. Accipe capones, et pullos integros, aut diuisos cum carnibus uitellinis, et auibus Siluestribus, et fac pastam, et mitte aues sub carnes, cum temperatura superius nominata, in proximo, cum spetiebus dulcibus, et zuccharo, et mitte crocum mixtum cum agresto, et uua passa, mitte superius, ut purget. Et erit optimum.
pastillum

Pastete, eine gefüllte Teighülle

magnatibus

Magnaten, Edelleute, Hochgestellte

capones

Kaponen, kastrierte Hähne, die für zarteres Fleisch gemästet wurden

pullos integros, aut diuisos

Ganze oder zerteilte Hühner

carnibus uitellinis

Kalbfleisch

auibus Siluestribus

Wildvögel

pastam

Teig, hier Pastetenteig

temperatura superius nominata

Die oben genannte Würzung, ein Verweis auf eine Standard-Gewürzmischung aus einem früheren Rezept

spetiebus dulcibus

Süße Gewürze, eine mittelalterliche Gewürzmischung, oft mit Zimt, Ingwer, Nelken, Muskat

zuccharo

Zucker

crocum

Safran

agresto

Agrest oder Verjus, der Saft unreifer Trauben oder anderer saurer Früchte

uua passa

Rosinen

ut purget

Damit es reinigt, klärt oder verfeinert

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 69v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

pullos integros, aut diuisoschicken Q864693
pastamdough Q178024
temperatura superius nominataspice Q42527
spetiebus dulcibusspice Q42527
zuccharounrefined cane sugar Q57656231
crocumsaffron Q25434
agrestoverjuice Q1060458
uua passaraisin Q13186

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarttemperatura superius nominata

Gewählte Lesart: "Die oben genannte Würzmischung" verweist auf eine Standard-Gewürzmischung aus einem früheren, hier nicht abgedruckten Rezept. Die genaue Zusammensetzung ist daher unbekannt; typisch wären Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelke, Muskat.

Lesartut purget

Gewählte Lesart: "Damit es sich klärt / verfeinert" - bezogen auf die obenauf gegebene Safran-Agrest-Rosinen-Mischung, die nach dem Backen einzieht und Farbe wie Geschmack abrundet.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 69v/70r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f70) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Große gebackene Mehrschicht-Pastete - braucht einen regelbaren Ofen und lange, gleichmäßige Hitze; im Feldlager nicht zuverlässig zu backen. Zuhause vorbereiten.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.