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Mus von gebackenen Struben

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen2-4 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm gebackene Struben und hacke sie klein. Siede sie in einer dicken Milch und schlage zwei Eier hinein. Färbe es. Wenn du es anrichten willst, gib Gewürz darauf. Das Mus wird sehr gut.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
gebach struben Struben (Schmalzgebäck) - Bäcker, Supermarkt (Krapfen, Quarkbällchen) Selbstgemachte Krapfen oder Quarkbällchen
ainer dicker milch Dickmilch - Supermarkt Naturjoghurt oder mit Milch verdünnter Quark
ij aiger Eier 2 - -
gewuercz Gewürze - - Zimt, Ingwer, Muskat, Nelkenpulver

Welches Gericht ist das? Ein Resteverwertungs-Mus: gebackene Struben (frittiertes Schmalzgebäck) werden klein gehackt und in dicker, gesäuerter Milch aufgekocht, mit zwei Eiern gebunden, gefärbt und beim Anrichten gewürzt. Es ist keine Neuzubereitung von Teig, sondern eine Zweitverwertung bereits frittierten Backwerks - verwandt mit der Familie der Resteverwertungs-Süßspeisen aus altem Gebäck, Milch und Ei, zu der auch der Scheiterhaufen (Brotpudding aus altbackenem Gebäck, Milch, Ei) und stovetop-Varianten wie der Semmelschmarrn zählen. Innerhalb des Korpus ist der Text nahezu wortgleich mit der Schwesterhandschrift m384-052 - beide dürften auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen.

Die Dickmilch beim Sieden. Gesäuerte, fermentierte Milch neigt beim Erhitzen zum Ausflocken (Säure und Hitze wirken zusammen). Für ein Mus - ohnehin eine stückige, keine glattcremige Masse - ist das unproblematisch bis erwünscht: Das Ergebnis wird eher krümelig-stichig als sahnig-glatt, was der Textur entspricht, die der Name "Mus" beschreibt.

Die Eier nach dem Einschlagen. Der Text nennt keine Kochzeit nach dem Einschlagen der Eier ("klopf ij aiger dar in vnd faerbs..."). Werden rohe Eier ungebremst in siedende Flüssigkeit geschlagen, schlagen sie leicht in Ei-Flöckchen um statt zu binden. Für die Praxis empfiehlt sich, nach der Eizugabe die Hitze zu reduzieren und kurz weiterzurühren, bis die Masse bindet und die Eier durchgegart sind - aus Gründen der Lebensmittelsicherheit, auch wenn der Text selbst keine solche Anweisung gibt (siehe interpretative Anmerkung dazu).

Praxis. Struben klein hacken, in der Dickmilch bei milder Hitze erwärmen, die verquirlten Eier einrühren und bei reduzierter Hitze kurz weiterrühren, bis alles bindet. Vom Feuer nehmen, nach Wunsch färben, beim Anrichten mit Gewürz bestreuen. Fertig in etwa 15 Minuten, ein Topf genügt - auch für die Lagerküche geeignet.

Was sind 'Struben'?

Struben sind eine Art frittiertes Schmalzgebäck, ähnlich den heutigen Krapfen, Quarkbällchen oder Schmalzkuchen. Sie waren im Mittelalter eine beliebte Süßspeise und wurden oft mit Honig oder Gewürzen verfeinert.

Was bedeutet 'dicke milch' im Rezept?

'Dicke Milch' bezeichnet fermentierte Tiermilch, die durch Milchsäuregärung eingedickt wurde. Dies entspricht unserer heutigen Dickmilch, Sauermilch oder einem Naturjoghurt. Es ist wichtig zu beachten, dass hier keine Mandelmilch gemeint ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist grundsätzlich gut für die Lagerküche geeignet - die Zubereitung im Topf über dem Feuer ist schnell (etwa 15 Minuten) und braucht keine Ofen- oder Kühlgeräte. Struben können fertig gekauft oder vorbereitet mitgebracht werden. Bei der Dickmilch lohnt sich Vorsicht: Frische, gekühlt verkaufte Dickmilch hält bei sommerlichen Temperaturen kein ganzes Wochenende ungekühlt durch - hier empfiehlt sich eine Kühlbox oder eine länger haltbare ESL-/H-Milch-Variante. Eier sind unproblematisch.

Welche Gewürze soll ich für dieses Mus verwenden?

Für süße mittelalterliche Mus-Gerichte eignen sich Gewürze wie Zimt, Ingwer, Muskatnuss und Nelkenpulver. Eine Prise Kardamom oder Paradieskörner kann ebenfalls eine interessante Note hinzufügen. Beginne mit kleinen Mengen und schmecke vorsichtig ab.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Muoß von gebachen Nem gebach struben vnd hack die klain vnd sud die in ainer dicker milch vnd klopf ij aiger dar in vnd faerbs vnd wenn du an richten wilt so tuo gewuercz dar vf daz wirt vss der mauss guot etc.
Struben

Ein krapfenartiges, in Schmalz ausgebackenes Gebäck, das im Mittelalter sehr beliebt war. Ähnlich heutigen Krapfen, Quarkbällchen oder Schmalzkuchen.

dicker milch

Bezeichnet fermentierte, eingedickte Tiermilch, vergleichbar mit heutiger Dickmilch, Sauermilch oder Naturjoghurt. Es ist keine Mandelmilch gemeint.

faerbs

Die Anweisung, das Gericht zu färben, war im Mittelalter üblich. Für ein Mus aus Gebäck wären Safran (gelb), Sandelholz (rot) oder auch einfach nur Eigelb gängige Färbemittel gewesen.

gewuercz

Für süße Speisen wurden oft Zimt, Ingwer, Muskatnuss, Nelken oder Paradieskörner verwendet. Die genaue Mischung hing vom Haushalt und dem Anlass ab.

mauss

Nicht "Mus", sondern die frühneuhochdeutsche Wendung aus der Maßen (guot) = außerordentlich/sehr gut - eine im 15. bis 18. Jahrhundert gebräuchliche Verstärkungsformel (belegt im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, s.v. "Maße"/"Maßen").

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 113r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMuoß von gebachen

Gewählte Lesart: Die Lesart 'Mus von gebackenem Gebäck' wurde gewählt, da 'gebachen' hier als Adjektiv/Substantiv für 'Gebäck' fungiert und 'Struben' die spezifische Art des Gebäcks sind. Die Schwesterhandschrift m384-052 überliefert dieselbe Textstelle nahezu wortgleich als eigenständiges Rezept (bei Ehlert getrennt als <37> Mus von Gebäck und <38> Struben gezählt), was diese Lesart stützt.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Mus von Gebäck' als allgemeiner Titel, wobei 'gebachen' als Nomen 'Gebäck' verstanden wird. - Dies ist ebenfalls plausibel, da 'gebach' im Mittelhochdeutschen auch 'Gebäck' bedeuten kann. Die gewählte Lesart ist jedoch spezifischer im Kontext der 'Struben'.

Lesartmauss

Gewählte Lesart: Nicht 'Masse/Mus', sondern die frühneuhochdeutsche Wendung 'aus der Maßen (guot)' = außerordentlich/sehr (gut) - eine im 15. bis 18. Jahrhundert belegte Verstärkungsformel (Deutsches Wörterbuch, s.v. 'Maße'/'Maßen'). Die Übersetzung 'wird sehr gut' beruht auf dieser Lesart, nicht auf 'Mus'.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Masse/Mus' im Sinn von 'aus der Masse/dem Mus gut' (ursprünglich gewählte Lesart). - Passt zum Titel 'Muoß', liefert aber keine plausible Grundlage für die Intensivierung 'sehr' und würde 'Mus' im selben Satz unnötig doppeln. Die Parallelstelle in der Schwesterhandschrift m384-052 verwendet an derselben Stelle stattdessen 'vast guot' (= 'sehr gut', anderes Lexem, gleiche Funktion) und stützt damit die Intensivierungs-Lesart, nicht die Mus-Wiederholung.

LesartKochdauer nach Eizugabe

Gewählte Lesart: Praxisempfehlung: Nach dem Einschlagen der Eier bei reduzierter Hitze kurz weiterrühren, bis die Masse bindet und die Eier durchgegart sind (Lebensmittelsicherheit).

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt keine weitere Kochzeit nach dem Einschlagen der Eier - denkbar wäre auch ein sehr kurzes Einrühren mit sofortigem Anrichten. - Das Transkript geht direkt von 'klopf ij aiger dar in' zu 'vnd faerbs vnd wenn du an richten wilt' über, ohne Zeitangabe. Die längere Garzeit ist eine moderne Sicherheitsempfehlung, kein belegter Text-Fakt.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 113r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 15 Minuten fertig. Gebackene Struben (Krapfen) können fertig gekauft oder vorbereitet mitgebracht werden. Dickmilch sollte kühl gelagert werden (Kühlbox oder eine länger haltbare ESL-/H-Milch-Variante) - frische, gekühlt verkaufte Dickmilch hält bei sommerlichen Markttemperaturen kein ganzes Wochenende ungekühlt durch. Eier sind unproblematisch und benötigen keine besondere Kühlung.
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