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Lombardische Sülze von Schweinsfüßen

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

VorspeiseVorspeiseLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit200 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Für die Sülze von Schweinsfüßen: Die Füße, oder was sonst noch dazugehört, gar sieden lassen.

Für den Würzsud Weißbrot, Ingwer (davon mehr als Pfeffer), Pfeffer, Anis und Safran mit Essig und etwas von der Fuß-Brühe mahlen, nicht zu sauer.

Diesen Würzsud über die gesottenen Füße geben. Das Ergebnis nennt man eine lombardische Sülze.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
fuessen Schweinsfüße - Metzger -
weiss prot Weißbrot - - -
ymber Ingwer - - -
pfeffers Pfeffer - - -
aeniss Anis - - -
Saffran Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
essich Essig - - -
prue Brühe von den Füßen - - -

Welches Gericht ist das? Eine gelierte Schweinsfuß-Sülze (Aspik) - die unmittelbare Vorstufe der bis heute in Baden-Württemberg servierten "Sauren Füßle" und verwandt mit dem französischen fromage de tête, dem englischen brawn und italienischen piedini-in-gelatina-Gerichten. Die Selbstbezeichnung "lombardisch" ordnet die feine Würzung aus Ingwer, Anis und Safran dem spätmittelalterlichen Trend zu, edle Gerichte mit einer (oft nur behaupteten) italienischen Herkunft zu schmücken.

Sülze oder Sauce? Der Schlusssatz des Originals ("zue disem Condiment darauf hast") ist grammatisch nicht ganz eindeutig. Denkbar ist, dass die Würzpaste noch in die heiße, gelatinehaltige Fuß-Brühe eingerührt wird, sodass beides gemeinsam zu einer homogenen Sülze geliert - ebenso denkbar, dass sie als separate kalte Sauce über die bereits servierfertigen Füße gegeben wird. Der Text selbst entscheidet das nicht; beide Lesarten sind praktikabel.

Praxis. Die Schweinsfüße mehrere Stunden gar sieden, bis sich das Kollagen aus Haut, Sehnen und Knorpel löst - das ist die eigentliche Gelier-Grundlage, kein zusätzliches Bindemittel nötig. Für den Würzsud Weißbrot, Ingwer (mehr als Pfeffer), Pfeffer, Anis und Safran mit Essig und etwas Fuß-Brühe zu einer Paste mahlen, nicht zu sauer. Wer eine durchgehend homogene Sülze möchte, rührt die Paste in die noch heiße Brühe und lässt das Ganze gemeinsam kühl fest werden; wer Füße mit separater Sauce bevorzugt, gießt die Paste erst über die bereits erkalteten, servierfertigen Füße. In beiden Fällen: mehrere Stunden kühl gelieren lassen und bis zum Servieren kalt halten.

Wo bekomme ich Schweinsfüße für die Sülze?

Beim Metzger nachfragen, meist müssen sie vorbestellt werden, da sie nicht immer im Standard-Sortiment liegen. Sie sind reich an Kollagen und geben beim Kochen die nötige Gallerte für die Sülze ab.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Eine Fuß-Sülze muss über mehrere Stunden kühl gelieren und danach kühl gehalten werden, bis sie serviert wird. Bei Sommerhitze im Lager zerläuft die Gallerte eher, als dass sie fest bleibt. Der Sud lässt sich zuhause vorkochen, aber die fertige Sülze gehört in den Kühlschrank, nicht auf den Marktplatz.

Was bedeutet 'lombardische Sülze' - warum dieser Name?

Im Spätmittelalter wurden Gerichte mit italienischem Einschlag oft nach ihrer vermeintlichen Herkunftsregion benannt, ähnlich wie 'welsche' Rosinen oder 'welscher' Wein. 'Lombardisch' verweist hier vermutlich auf eine als besonders fein geltende norditalienische Würzart mit Ingwer, Anis und Safran.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain Item sulcz von fuessen mach also . aber ain sulcz von fussen mach die sulcz oder was dar zue gehort das seud gar . So nymm weiss prot ymber nymm mer dann pfeffers aeniss. Saffran das mal mit essich vnd mit der prue nicht ze saur zue disem Condiment darauf hast vnd haist ain lampardische sulcz .
Item

Listen-Markierung ('ebenso', 'desgleichen'), mit der ein neuer Rezepteintrag beginnt - kein Bestandteil des Gerichts.

sulcz

Sülze/Aspik aus gesottenen Schweinsfüßen, die dank ihres Kollagengehalts beim Erkalten von selbst geliert.

was dar zue gehort

Vermutlich weitere Teile des Fußes (Haut, Knorpel), die mitgekocht werden und zur Gelierung beitragen.

lampardische

Vermutlich 'lombardisch', also nach norditalienischer (lombardischer) Art benannt - eine im Spätmittelalter beliebte Zuschreibung für welsch-inspirierte Rezepte.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 037r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlampardische

Gewählte Lesart: Gelesen als 'lombardisch', also nach Art der Lombardei (Norditalien) benannt, passend zur verbreiteten Praxis, feine Gerichte nach italienischen Regionen zu benennen.

Andere mögliche Lesart:

  • Unklare oder verschriebene Herkunftsbezeichnung ohne direkten Italien-Bezug. - Das Wort ist als Hapax nirgends im Korpus oder in Wörterbüchern eindeutig belegt, denkbar wäre auch ein reiner Eigenname oder eine verschriebene Ortsbezeichnung.

Lesartwas dar zue gehort

Gewählte Lesart: Gelesen als Hinweis auf weitere Teile des Fußes (z.B. Haut, Knorpel), die mitgekocht werden und zur Gelierung beitragen.

Andere mögliche Lesart:

  • Allgemeiner Verweis auf 'alles, was sonst noch zur Sülze gehört', also Zubehör des Suds statt spezifischer Fußteile. - Die Formulierung ist knapp und könnte auch pauschal auf sonstige Zutaten des Sudes zielen, nicht nur auf anatomische Fußbestandteile.

Lesartzue disem Condiment darauf hast

Gewählte Lesart: Gelesen als Anweisung, die fertige Würzpaste über die bereits gesottenen Füße zu geben, sodass Füße und Würzsauce als ein serviertes Gericht zusammenkommen.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Würzpaste wird noch in die heiße, gelatinehaltige Fuß-Brühe eingerührt, sodass beides gemeinsam zu einer homogenen Sülze geliert. - Die Verbform 'hast' (2. Pers. Sg. von 'haben' laut MHDBDB-Lemma) ergibt als Imperativ keinen glatten Sinn und könnte eine Vorwegnahme des unmittelbar folgenden 'haist' sein; der Text klärt nicht eindeutig, ob Paste und Brühe getrennt bleiben oder gemeinsam gelieren.

LesartAin Item sulcz von fuessen mach also . aber ain sulcz von fussen mach die sulcz

Gewählte Lesart: Gelesen als doppelter Rezept-Einstieg (Titel plus Wiederholung, vermutlich eine Dittographie), im modernen Text zu einem einzigen glatten Einleitungssatz zusammengezogen.

Andere mögliche Lesart:

  • Zwei tatsächlich unterschiedliche, jeweils eigenständige Anweisungen, die nur zufällig ähnlich klingen. - Die auffällige Wiederholung ('sulcz von fuessen' / 'sulcz von fussen') könnte auch ein Abschreibfehler sein, der zwei ursprünglich getrennte Sätze verschmilzt; ohne Vergleichshandschrift lässt sich das nicht klären.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 037r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eine echte Sülze aus Schweinsfüßen braucht mehrere Stunden Kühlung zum Fest werden und muss danach kühl gehalten servierfähig bleiben. Bei Sommerhitze auf dem Marktgelände zerläuft die Gallerte zuverlässig, statt fest zu bleiben, das ist kein Lagerküchen-Kandidat.
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