Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581
Wiewohl er beim Kosten herb ist, hat er doch große Kraft bei Melancholikern. Gemacht wird er so: Man hängt grünen oder getrockneten Wermut in den Wein. Besser ist es aber, den Wein so lange durch den Wermut zu seihen, bis er Geschmack und Kraft davon angenommen hat. Man soll Honig und Zucker hineingeben, dadurch wird die Kraft besser herausgezogen.
Der Wein ist gut gegen Würmer, gegen Schleim im Leib und an den heimlichen Orten. Er stärkt sehr bei Verstopfung von Milz und Leber und hilft gegen die Gelbsucht. Er ist gut gegen Wahnsinn, bringt verlorene Sprache wieder und ist gut gegen Gift. Er klärt das Gesicht, hilft Leber und Magen, löst den Harn, reinigt die Frauenkrankheit und befreit den Bauch von grober Feuchtigkeit. Lässt man den Dampf durch einen Trichter in die Ohren strömen, bringt er das Gehör wieder. Wird eine Wunde damit gewaschen, wächst keine Fistel und kein faules Fleisch darin. Er heilt auch die Räude.
Wer davon trinkt, ehe er aufs Meer fährt, dem hilft er gegen die Übelkeit. Er ist zuzeiten auch gut gegen die Pest, beim Wechsel des Ortes und beim Besuch der Kranken, und bei schlechter Luft im Frühling zu gebrauchen. Er bringt Schlaf und heilt Geschwulst und Gliedsucht. Im Hals gegurgelt, hilft er bei geschwollener Zunge. Er hilft auch bei vielen anderen Seuchen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| gruͤn oder duͤrren Wermut | Wermut | - | Reformhaus, Kräuterhandel | Frischer oder getrockneter Wermut, beides ist laut Original möglich |
| Wein | Wein | - | - | - |
| Honig | Honig | - | - | - |
| Zucker | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Kräuterwein: fertiger Wein, mit Wermut aromatisiert und mit Honig und Zucker versetzt, den Rumpolt als Heilwein beschreibt. Die Herstellung umfasst nur drei Sätze, der Rest des Abschnitts ist eine Liste von Heilwirkungen.
Hängen oder Durchseihen. Rumpolt nennt zwei Wege, die je für sich vollständig sind und keine Abfolge bilden: das Kraut, grün oder getrocknet, in den Wein hängen oder den Wein durch den Wermut seihen. Den zweiten hält er für besser. Wie der Wermut beim Seihen gehalten wird, ob als Bündel, in einem Säckchen oder als Lage, steht nicht da. Das einzige Ende, das er nennt, ist die Geschmacksprobe: so lange, bis der Wein Geschmack und Kraft vom Wermut angenommen hat. Eine Zeit nennt er nicht.
Honig und Zucker. Beide stehen nebeneinander, ohne Menge und ohne Reihenfolge. Rumpolt begründet sie damit, dass sie die Kraft besser herausziehen, nicht mit der Bitterkeit. Dass Süße den bitteren Eindruck dämpft, ist eine heutige Beobachtung, keine Aussage des Textes.
Wein, nicht Most. Die benachbarten Kräuterweine für Borretsch und Alant setzen ausdrücklich in Most an, hier steht Wein. Von Sieden oder Gärung ist nicht die Rede. Eine Sorte oder Farbe nennt Rumpolt nicht; heute liegt ein schlichter Weißwein nahe.
Der Dampf in den Ohren. Dass Dampf aufsteigt, setzt warmen Wein voraus. Der Text beschreibt das aber als Anwendung, nicht als Teil der Herstellung, und sagt nicht, wie erwärmt wird.
Praxis. Fertigen Wein nehmen, grünen oder getrockneten Wermut hineinhängen oder den Wein durch das Kraut laufen lassen, Honig und Zucker hineingeben. Mengen für Wermut, Honig und Zucker nennt der Text nicht, ebenso wenig eine Ziehzeit. Wermut ist sehr bitter, wer das nachmacht, kostet sich deshalb heran.
Ja. Es wird nichts gesotten, und von Gärung steht nichts im Text: Wermut kommt in fertigen Wein, oder der Wein wird durch den Wermut geseiht, dazu Honig und Zucker. Mehr als ein Gefäß braucht es nicht, getrockneter Wermut, Honig und Zucker lassen sich gut mitnehmen. Eine Ziehzeit nennt Rumpolt nicht, nur „bis er Geschmack und Kraft angenommen hat“, man muss also kosten.
Rumpolt nennt keine Menge für den Wermut, keine für Honig und Zucker und keine Ziehzeit. Sein einziger Maßstab ist der Geschmack: so lange, bis der Wein Geschmack und Kraft vom Wermut angenommen hat. Wermut ist sehr bitter, deshalb lohnt es sich, früh und oft zu kosten.
Er beschreibt zwei Wege: das Kraut in den Wein hängen oder den Wein durch den Wermut laufen lassen. Den zweiten hält er für besser. Wie der Wermut dabei liegt, ob als Bündel, in einem Säckchen oder als Lage, sagt er nicht.
Rumpolt schreibt ihm eine lange Liste von Wirkungen zu, von Würmern über Gelbsucht bis zur Pest, begründet über die Säftelehre der Zeit. Diese Liste ist ein Zeitzeugnis, keine Anwendungsempfehlung.
Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.
Lateinische Pluralform im deutschen Text: bei Melancholikern, also Menschen mit einem Überschuss an „schwarzer Galle“ nach der Säftelehre. Gemeint sind Schwermut und verwandte Leiden.
Von „seihen“: hier den Wein durch den Wermut laufen lassen, damit er Geschmack und Kraft aufnimmt. Das Durchgangsmedium ist der Wermut selbst. Rumpolt hält das für besser als das bloße Hineinhängen des Krauts.
Wörtlich „heimliche Orte“, eine verhüllende Wendung für Körperstellen, über die man nicht offen spricht. Ob der Unterleib allgemein, die Scham oder der After gemeint ist, bleibt offen.
Glieder- oder Gelenkkrankheit, nach dem Grimmschen Wörterbuch die jüngere Form von „lidesuht“, Gliederkrankheit.
Räude, ein juckender, krustiger Hautausschlag (Krätze).
Lenz, also Frühling, nicht „glänzen“. Henisch und das Elsässische Wörterbuch führen „glentz“ als Wort für den Frühling, und Rumpolt gebraucht es auch sonst als Jahreszeit („in dem Glentzen vnd Sommer“). Im Frühling galt „böse Luft“ als besonders schädlich.
Übelkeit. Diefenbachs Glossar setzt „vnwillunge“ für lateinisch nausea; im Satz vor der Seefahrt ist die Seekrankheit gemeint.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| gruͤn oder duͤrren Wermut | wormwood Q25686 |
| Wein | wine Q282 |
| Honig | honey Q10987 |
| Zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
heimlichen orten
Gewählte Lesart: Wörtlich als „heimliche Orte“ belassen: eine verhüllende Wendung für den Unterleib, ohne genauere Festlegung, weil kein Wörterbuchbeleg die Stelle eindeutig klärt.
Andere mögliche Lesarten:
läutert dz Gesicht
Gewählte Lesart: „Klärt das Gesicht“ im Sinn von Sehkraft: Rumpolt gebraucht „Gesicht“ in den Nachbarrezepten für das Sehvermögen („tunckelheit deß Gesichts“ beim Augentrostwein, „läutert das Gesicht“ beim Alantwein).
Andere mögliche Lesart:
Glentzen
Gewählte Lesart: Lenz, Frühling: Henisch und das Elsässische Wörterbuch führen „glentz“ als Frühlingswort, Rumpolt stellt „Glentzen“ an anderer Stelle neben den Sommer.
Andere mögliche Lesart:
so lang, biß er den geschmack vnd krafft davon empfahe
Gewählte Lesart: Rumpolt bestimmt Ziehdauer und Wermutmenge allein über die Geschmacksprobe: bis der Wein Geschmack und Kraft angenommen hat. Eine Zahl nennt er nicht.
Andere mögliche Lesart:
durch Wermut seige
Gewählte Lesart: Der Wermut selbst ist das Durchgangsmedium. Ob er als Bündel, in einem Säckchen oder als Lage gehalten wird, sagt der Text nicht.
Andere mögliche Lesart:
Honig vnnd Zucker
Gewählte Lesart: Honig und Zucker stehen ohne Maß und ohne Reihenfolge nebeneinander; Rumpolt begründet sie damit, dass sie die Kraft besser herausziehen.
Andere mögliche Lesart:
Der Dampff durch ein Trichter in die Ohren zerlassen
Gewählte Lesart: Eine Anwendung des fertigen Weins, keine Herstellungsanweisung. Dass Dampf aufsteigt, setzt Erwärmen voraus, das der Text nicht nennt.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.