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Gebackene Birnen in Erbsenteig

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm dürre, also getrocknete Birnen. Wasche 45 g Erbsen, siede sie und zerstoße sie zu einem Brei.

Nimm eine gute Handvoll geriebenes Brot und mische es mit der Erbsenbrühe zu einem Teiglein. Wende die Birnen darin und backe sie aus.

Mache dazu ein kleines Brühlein nach eigenem Geschmack.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
tir biren Dörrbirnen - Bio-Laden, Reformhaus Feste, reife Birnen (z. B. Gute Luise oder Conférence), notfalls frisch statt getrocknet verwenden
erbis Erbsen 45 g - getrocknete Speiseerbsen oder Schälerbsen
geribes brot Geriebenes Brot - - Semmelbrösel aus altem Weißbrot
Schmalz zum Ausbacken - - Pflanzenöl zum Frittieren
Wasser - Leitung -

Welches Gericht ist das? Dörrbirnen werden in einem Teig aus Erbsenbrei und geriebenem Brot gewendet und in Fett ausgebacken - ein Vorläufer der heute bekannten ausgebackenen Obstküchle (Apfelküchle, französische Beignets aux pommes). Ungewöhnlich ist allein die Bindung des Teigs: Statt des sonst üblichen Ei-Mehl-Teigs kommt hier ein Erbsenbrei-Brot-Gemisch zum Einsatz - vermutlich der Grund, warum der Titel das Gericht als „seltsam“ bezeichnet.

Was geschieht mit den Erbsen? Das Verb „vertreibs“ steht im Text ohne das Wort „durch“ und ohne Gerätenennung. An anderer Stelle im selben Buch (saw-142: „vertreib das mell“) bedeutet dasselbe nackte Verb schlicht „verrühren“ - ein Sieb wird im Buch nur genannt, wenn ausdrücklich „treibs dúrch [Tuch/Durchschlag]“ dasteht. Die gekochten Erbsen werden hier also eher zerstoßen und verrührt als durch ein Sieb passiert; ein feiner, siebglatter Brei ist möglich, aber nicht zwingend belegt.

Praxis. Erbsen weich kochen und mit einem Kochlöffel oder Stampfer zu einem Brei zerdrücken (ein Sieb ist möglich, aber nicht notwendig). Mit geriebenem Brot zu einem Teig verrühren. Die getrockneten Birnen vor dem Wenden im Teig in Wasser oder verdünntem Wein weich köcheln oder einweichen - der Text selbst nennt für die Birnen keinen eigenen Gar- oder Einweichschritt, doch ohne Vorgaren bleiben harte Dörrbirnen beim kurzen Ausbacken wahrscheinlich zäh (der verwandte kkm-040 schreibt für getrocknete Birnen ausdrücklich ein Vorkochen vor). Danach in heißem Fett in der Pfanne ausbacken und mit einem Brühlein nach Geschmack servieren.

Was bedeutet 'Lot' in diesem Rezept?

Lot ist ein historisches süddeutsches Gewichtsmaß von etwa 15 Gramm. Die im Rezept genannten 3 Lot Erbsen entsprechen also rund 45 Gramm.

Warum werden Erbsen in einem süßen Birnengericht verwendet?

Die Erbsen dienen hier nicht als Geschmacksträger, sondern als Binde- und Verdickungsmittel für den Teig, in dem die Birnen gewendet werden. Zusammen mit geriebenem Brot entsteht so ein ungewöhnlicher, dickflüssiger Backteig - vermutlich der Grund, warum das Rezept im Titel als 'seltsam' bezeichnet wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Erbsenbrei kochen, mit Brot zu einem Teig verrühren, die Birnen darin wenden und in der Pfanne ausbacken - alles mit einfachem Feuer-Equipment machbar, in gut 45 Minuten, auch wenn die drei Teilschritte (Erbsenbrei, Teig, Ausbacken) etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als ein Eintopf. Nur die Sauce am Ende bleibt Geschmackssache.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain seltzam baches Nimm tir biren, wesch 3 lot erbis, seúdts, vertreibs, nim ain gúte handtvoll geribes brot, mach mit der erbisbrie ain taiglin, ker die biren darin vmb vnnd bachs, mach ain prielin, wie dús geren haben wilt.
erbis

Getrocknete Speiseerbsen, hier zu einem Brei verarbeitet und als Bindemittel für den Backteig verwendet, nicht als eigenständige Beilage.

lot

Süddeutsches Gewichtsmaß, ca. 15 g. 3 Lot entsprechen hier etwa 45 g.

bachs

Von 'backen' im mittelalterlichen Sinn: Ausbacken in heißem Fett in der Pfanne, nicht Backen im Ofen.

prielin

Diminutiv von 'brie' (Brühe/Sauce) - ein kleines Sößchen oder Brühlein, das nach eigenem Geschmack zubereitet wird.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 35 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

erbisgarden pea Q29472543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvertreibs

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'zerstoße/zerdrücke sie' - die gekochten Erbsen werden zu einem Brei verarbeitet. Anders als bei 'treibs dúrch [Tuch/Durchschlag]' an anderen Stellen im Buch (saw-040, saw-048) fehlt hier das Wort 'durch' und jede Gerätenennung; im Zwillingsbeleg saw-142 ('vertreib das mell') bedeutet dasselbe nackte Verb schlicht 'verrühren', ohne Sieb.

Andere mögliche Lesart:

  • Treibe sie durch ein Sieb zu einem feinen Brei - Ein Sieb ist beim Ergebnis (ein Brei) nicht ausgeschlossen und würde einen feineren Teig ergeben, doch der Wortlaut nennt weder 'durch' noch ein Gerät - anders als an den Stellen im Buch, wo ein Sieb tatsächlich gemeint ist.

Lesarterbisbrie

Gewählte Lesart: Verstanden als der dickflüssige Erbsenbrei selbst, der mit dem geriebenen Brot zum Teig vermengt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur die abgegossene Kochflüssigkeit der Erbsen - 'brie' bedeutet in diesem Buch meist 'Brühe/Sauce' - denkbar wäre also auch, dass nur die Flüssigkeit ohne die festen Erbsenbestandteile verwendet wird. Der Text erwähnt aber keine getrennte Verwendung des Erbsenfeststoffs, weshalb ein vollständiger Brei plausibler ist.

LesartGarzustand der Dörrbirnen

Gewählte Lesart: Ungeklärt: Der Text nennt für die dürren Birnen selbst keinen Gar- oder Einweichschritt - 'wesch...seúdts...vertreibs' bezieht sich grammatisch nur auf die Erbsen ('erbis'), nicht auf die Birnen ('biren'). Ob ein Vorgaren stillschweigend vorausgesetzt war, bleibt im überlieferten Text offen.

Andere mögliche Lesart:

  • Birnen ungegart direkt im Teig gewendet und ausgebacken (wörtliche Textfolge) - Ohne Vorgarschritt bleiben harte Dörrbirnen beim kurzen Ausbacken wahrscheinlich zäh im Kern. Der strukturell verwandte kkm-040 ('Küchlin von dürren Biren') schreibt für getrocknete Birnen dagegen ausdrücklich ein Vorkochen vor ('seud sie wol'), bevor sie in Teig gewendet werden - saw-145 selbst nennt diesen Schritt aber nicht.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 35 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Erbsen weich kochen und zu Brei verarbeiten, dann die Birnen im Erbsen-Brotteig wenden und in der Pfanne ausbacken - in gut 45 Minuten am Feuer machbar, aber mit drei getrennten Arbeitsschritten (Erbsenbrei, Backteig, Sauce) etwas aufwendiger als ein einfaches Eintopfgericht.
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Stand dieser Fassung: 27.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.