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Blattgold richtig auflegen

Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit5 Min.PortionenDekoration für 1 GerichtBuchSolothurner Küchenmeisterei (~1487)

Nimm eine hölzerne Schere, mit der das Blattgold aufgenommen wird.

Berühre das Gold dabei nicht mit bloßer Hand an und hauche es auch nicht an, sonst fliegt es einfach davon.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
golt Blattgold - Online-Gewürzhandel, Konditoreibedarf -

Welches Gericht ist das?

Kein eigenständiges Rezept, sondern der Schlussteil einer Anleitung zum Vergolden einer bereits fertigen Süßspeise - eine an spätmittelalterlichen Festtafeln übliche Dekoration. Der Zwilling kkm-025 ('Vergülden') aus der Koch- und Kellermeisterei überliefert den vollständigen Ablauf: Mandeln oder Lebkuchen werden mit Honigwasser bestrichen, das noch feuchte Blattgold wird aufgelegt und mit Baumwolle angedrückt. so1-001 setzt erst bei diesem letzten Schritt ein - dem sicheren Aufnehmen und Auflegen des Goldes mit einer hölzernen Schere statt mit bloßer Hand. Die lebende Verwandtschaft dazu ist bis heute in Konditorei und Patisserie zu finden: Blattgold auf Torten, Pralinen oder Getränken wie dem Danziger Goldwasser wird aus demselben Grund mit Werkzeug statt mit den Fingern aufgelegt.

Der fehlende Klebe-Schritt. Der überlieferte Text nennt keine Menge Blattgold und keinen Haftgrund. Vermutlich standen beide Angaben in den nicht mehr überlieferten, vorausgehenden Zeilen (siehe editors_note). Der Zwilling kkm-025 legt nahe, dass auch hier ein Honigwasser-Anstrich als Klebegrund diente - das ist aber eine aus dem Zwilling übertragene Annahme, kein eigener Beleg dieses Textes.

Praxis. Lebensmittelechtes Blattgold gibt es im Konditoreibedarf, meist als kleine Bögen zwischen Trennpapier. Die Fläche, auf die vergoldet werden soll, nach Vorbild von kkm-025 mit Honigwasser bestreichen und noch feucht arbeiten. Das Blatt nie mit den Fingern greifen, sondern mit einer hölzernen Zange, einem trockenen, feinen Pinsel oder speziellem Vergolder-Werkzeug anheben - Fett und Feuchtigkeit der Haut lassen das hauchdünne Blatt reißen oder daran kleben bleiben. Nicht anhauchen: Schon ein Atemzug erzeugt genug Luftbewegung, um das nahezu gewichtslose Blatt fortzutragen, bevor es platziert ist. Am windstillen, staubfreien Ort arbeiten.

Ist Blattgold als Speisendekoration wirklich essbar?

Ja. Lebensmittelechtes Blattgold ist reines Gold ohne Zusätze, geschmacksneutral und unbedenklich zu essen, heute als Lebensmittelzusatzstoff E175 geführt. Es wird bis heute in der gehobenen Konditorei und Patisserie verwendet, meist ebenfalls mit Holz- oder Kunststoffwerkzeug statt bloßer Hand aufgelegt, um Fingerabdrücke und Reißen der hauchdünnen Folie zu vermeiden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, als Schaugericht. Die eigentliche Vorführung dauert nur wenige Minuten und braucht kein Feuer, lediglich essbares Blattgold, eine hölzerne Zange und ein fertiges Gericht, auf das vor Publikum vergoldet wird.

Warum wirkt dieser Text so kurz und unvollständig?

Aus zwei Gründen. Erstens ist ein Wort in der Überschrift ('fon ???er spis') laut der CoReMA-Transkription durch verblasste Tinte nicht mehr entzifferbar. Zweitens - und das ist der wichtigere Grund - vermerkt die Edition, dass das Rezept selbst mitten im Text einsetzt: Die vorausgehenden Zeilen mit der eigentlichen Zubereitung der Speise sind nicht überliefert, erhalten ist nur noch der Schlussteil zum Umgang mit dem Blattgold.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).

fon ???er spis Holltzin scher damit du daz golt hebst vnd rure daz mit blosser hand nit ann och dehein attem es flige sunst hin weg
Holltzin scher

Eine hölzerne Schere oder Zange, mit der das hauchdünne Blattgold aufgenommen wurde, ohne es mit bloßer Hand zu berühren. Der Zwilling kkm-025 nennt als Grund nur, es verderbe sonst 'alles' - vermutlich, weil das nahezu gewichtslose Blatt an Fett und Feuchtigkeit der Haut haften bleibt oder reißt.

golt

Blattgold, hauchdünn ausgeschlagenes Gold. Auf Festtafeln des Spätmittelalters wurde es direkt auf Speisen aufgelegt, ein Statussignal für besonders vornehme Gerichte. Echtes Blattgold ist lebensmittelecht (heute als Zusatzstoff E175 geführt) und unbedenklich zu verzehren.

attem

Atem. Blattgold ist so hauchdünn und leicht, dass schon ein Atemzug es fortwehen kann, deshalb die Warnung, nicht darauf zu hauchen.

Handschrift
Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490
Folio
Fol. 001r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)
Entstehung
Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, 1487

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfon ???er spis

Gewählte Lesart: Als laufender Seitenkopf zu lesen ('von etlicher/etwelcher Speise'), keine Einzelrezept-Überschrift: Mehrere andere so1-Kapitelköpfe folgen demselben Muster 'Von [Zutat/Kategorie] Spis' (z.B. 'Von fasten spis', 'Von fleisch Spis', 'Von hünren', 'Von leber sultz'). Die unleserliche Stelle ist laut CoReMA-Transkription auf stark verblasste Tinte zurückzuführen, nicht auf eine Beschädigung.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein bestimmtes Gericht, dessen Name komplett verloren ist (z.B. ein Braten- oder Pastetenname) - Die Lücke könnte auch einen konkreten Gerichtnamen verdeckt haben, der im Original ausführlicher war als eine unbestimmte Floskel; ohne Sicht auf das Manuskript lässt sich das nicht entscheiden.

Originalwerk (~1487) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 001r, Zentralbibliothek Solothurn, Cod. S 490 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, alemannisch/elsässisch, um 1487) - CC0 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), So1 (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: als kurze Vorführung am Marktstand sehr geeignet, das Auflegen von Blattgold mit Holzwerkzeug statt bloßer Hand wirkt vor Publikum eindrücklich und dauert nur wenige Minuten. Voraussetzung ist essbares Blattgold aus dem Konditoreibedarf sowie ein fertiges Schaugericht, auf das die Vergoldung aufgebracht wird.
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Stand dieser Fassung: 29.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.