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Blaues Mandel-Kornblumen-Mus

Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchSolothurner Küchenmeisterei (~1487)

Ein blaues Mus macht man so, aus Mandeln und aus Reis: Kornblumen sehr gut mit Wasser zerstoßen, durch ein Tuch drücken und das Aufgefangene aufbewahren.

Mandeln mit demselben Wasser zerstoßen und ebenfalls durch das Tuch pressen, so hast du eine blaue Milch. Daraus mache das Mus mit Reis oder mit Weizen.

Wer mag, bestreut es mit Ingwer und salzt es nicht zu stark, und lässt es nicht anbrennen.

Die kleinen Müslein sehen gut aus in neuen Zinnschüsseln, kleinen Schüsseln oder in weißen hölzernen Schüsselchen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
mandel Mandeln - - -
Ris / riss Reis - - Weizen(mehl) - im Original als gleichwertige Alternative genannt ('mit riss oder mit weitzen')
kornbluomen Kornblumen - Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel (getrocknete essbare Blüten) -
wasser Wasser - Leitung -
imber Ingwer (optional) - - -
versaltz es nit Salz - - -

Welches Gericht ist das? Ein mit Kornblumen blau gefärbtes Mandelmilch-Reismus aus der Familie der Blancmanger-Müslein der Küchenmeisterei-Tradition, in der dieselbe Grundspeise weiß, gelb, grün, rot oder blau gefärbt erscheint. Die weiße Linie dieser Familie lebt in der heutigen Milchreis-/Reispudding-Tradition fort - hier bleibt sie ungesüßt, mit Ingwer bestreut statt mit Zucker. Der engste Zeuge im eigenen Korpus ist kkm-026 mit fast wortgleichem Ablauf.

Zur Lücke "das behalte". Die Solothurner Handschrift markiert an dieser Stelle eine Beschädigung. Das Zwillingsrezept kkm-026 schreibt an derselben Stelle "trucks durch ein Tuch/ das behalt" und erlaubt so die Ergänzung: durch das Tuch pressen und die Flüssigkeit aufbewahren.

Zur Lesung "zinnen". Auch bei den Schüsseln markiert die Handschrift eine unleserliche Stelle. "Zinnschüsseln" ist eine plausible Ergänzung (das Lemma "zin" für Metall/Zinn ist gut belegt), aber nicht die einzig mögliche Lesung der beschädigten Zeichenfolge.

Praxis. Die Färbung läuft zweistufig: Kornblumen in Wasser zerstoßen und durch ein Tuch pressen ergibt einen blauen Farbextrakt. Die Mandeln werden dann nicht in frischem Wasser, sondern in genau diesem blauen Extrakt zerstoßen und noch einmal durchgepresst - dadurch wird die Mandelmilch selbst blau, statt nachträglich eingefärbt zu werden. Reis oder Weizen(mehl) bindet die blaue Mandelmilch zu einem Mus. Wer mag, bestreut mit Ingwer, salzt nur wenig und rührt beim Andicken über offener Hitze ständig um, damit die Milch-Getreide-Mischung nicht ansetzt. Mengen und genaue Garzeit nennt das Original nicht; 45 Minuten sind eine plausible, aber nicht textbelegte Schätzung.

Wo bekomme ich Kornblumen für die Blaufärbung?

Getrocknete essbare Kornblumenblüten gibt es im Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel oder Reformhaus, oft auch als Deko-Blüten für Salate. Wer im Sommer selbst sammelt, sollte nur unbehandelte Wiesenränder abseits von Straßen nutzen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, Goldstandard. Keine tierischen Zutaten, kein Kühlbedarf, in unter einer Stunde mit Topf und einem Tuch zum Auspressen fertig - ideal fürs Feuer im Lager.

Was bedeutet 'zwingen' im Rezept?

'Zwingen' (mhd. twingen) heißt hier auspressen: die zerstoßenen Kornblumen bzw. Mandeln werden zusammen mit Wasser durch ein Tuch gedrückt, um die gefärbte Flüssigkeit beziehungsweise die Mandelmilch zu gewinnen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).

§ xxxiij Item ein blawes muoß mach also von mandel vnd vonn Ris stos kornbluomen gar wol mit wasser dr= ucks ein tuoch ??? behalte Stos mandel mit dem sel= ben wasser vnd zwing es durch so hastu ein blawe milch dauon mach das muosß mit riss oder mit we= itzen wiltu gern so bestrow es mit imber vnd versa= ltz es nit vnd las es nit anbrinnen die muslin stann gar wol in niwen zin??en schuslen schuselinen oder in wissen holtzinen schusselinen
kornbluomen

Kornblumen dienten hier als natürliches Blau-Färbemittel für das Mus, neben Safran (gelb) oder Kräutern (grün) eine weitere period-treue Farboption.

zwing

Von mhd. 'twingen/zwingen' = auspressen. Gemeint ist das feste Auspressen der zerstoßenen Zutaten durch das Tuch, um die Flüssigkeit (Milch) zu gewinnen.

muslin

Diminutiv von 'Mus' - meint die einzelnen kleinen Portionen der fertigen Speise in den Schälchen.

schuselinen

Diminutiv von 'Schüssel', gut belegt (u.a. Lexer, Idiotikon, ReF-Korpus, auch in kkm-006 verwendet) - hier in einer Synonym-Reihe mit 'schuslen' und 'schusselinen' verwendet.

niwen zin??en schuslen

Die Handschrift markiert hier eine Beschädigung/Unleserlichkeit. Das Lemma 'zin' (Metall/Zinn) ist gut belegt, die vollständige Lesung 'zinnen' (aus Zinn) ist plausibel, aber eine Ergänzung, kein direkt gelesener Text.

Handschrift
Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490
Folio
Fol. 001r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)
Entstehung
Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, 1487

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesart??? behalte

Gewählte Lesart: Anhand des Zwillingsrezepts kkm-026 ('trucks durch ein Tuch/ das behalt') zu 'das behalte' ergänzt - press es durch das Tuch und bewahre die Flüssigkeit auf.

Andere mögliche Lesart:

  • Ohne das Zwillingsrezept bliebe die Stelle eine echte Textlücke unbekannten Inhalts. - Im Solothurner Manuskript selbst ist an dieser Stelle eine Beschädigung oder Unleserlichkeit markiert (???), nur der Vergleich mit kkm-026 erlaubt die Rekonstruktion.

Lesartniwen zin??en schuslen

Gewählte Lesart: Vermutlich 'zinnin/zinnen' (aus Zinn) - 'in neuen Zinnschüsseln'. Das Lemma 'zin' für Metall/Zinn ist gut belegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine andere Lesart der beschädigten Stelle ist nicht auszuschließen. - Die Zeichenfolge ist im Manuskript als unleserlich markiert; die vollständige Lesung 'zinnen' bleibt eine plausible Ergänzung, kein direkt gelesener Text.

Originalwerk (~1487) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 001r, Zentralbibliothek Solothurn, Cod. S 490 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, alemannisch/elsässisch, um 1487) - CC0 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), So1 (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Nur Mandeln, Reis, Kornblumen und Ingwer, keine tierischen Zutaten, in gut 45 Minuten am Feuer mit Topf und Tuch fertig. Mit fertig gemahlenen Mandeln entfällt das Mörsern fast vollständig.
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Stand dieser Fassung: 29.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.