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Schweinefleisch mit Schnee und Salzlake haltbar machen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.PortionenVorratsmenge (ganze Speckseite, ergibt mehrere Kilogramm Pökelfleisch)BuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Wenn man eine Sau schlachtet, soll man die Speckseite nehmen. Ist sie zurechtgeschnitten, leg sie an einem kühlen Ort auf einen Tisch, auf Schnee, und streue nochmals Schnee darüber, eine Spanne hoch. Lass sie so liegen, bis das Fleisch hart und körnig wird, etwa über Nacht.

Danach, wenn davon geschnitten wurde, schneide das Dickste sauber zurecht, in viereckige Streifen, anderthalb Spannen lang. Lege sie in ein Fässchen aus Lärchenholz, Lage für Lage gleichmäßig aufeinander, und salze gut. Danach beschwere die Lagen mit einem schönen Brettchen und einem Stein und lass sie so bis in die erste Woche liegen.

Danach gib Brunnenwasser in eine Mulde, salze es ein und schlage es mit einem schönen neuen Besen kräftig durch, bis es ganz zäh wird. Gieße diese Salzlake über das Fleisch, sodass sie zwei Finger hoch darübersteht. Danach beschwere es immer wieder von neuem.

So oft man mit einem Messer ein Stück herausnimmt: Der Deckel soll einen Griff haben, sonst wird das Fleisch von Milben befallen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Saw Schweinefleisch (Speckseiten) - Metzger -
ſchnee Schnee - - Zerstoßenes Eis, wenn kein Schnee verfügbar ist
wolgſaltzen Salz - - -
bꝛuñ waſſer Brunnenwasser - Leitung -

Welches Gericht ist das? Kein fertiges Gericht, sondern die Vorstufe zu Speck und Schinken: eine Speckseite (Bache) wird zuerst mit Schnee gekühlt und fest gemacht, dann in Lagen trockengesalzen und beschwert, schließlich in einer kräftigen Salzlake (Sur) über Wochen gelagert. Das ist ein zweistufiges, kombiniertes Pökelverfahren, kein reines Nasspökeln - die erste Woche läuft trocken unter Brett und Stein, erst danach kommt die Lake hinzu. Lebendig verwandt ist das bayerisch-österreichische Surfleisch, ebenso die allgemeine Vorstufe von Speck, Schinken und Corned Pork durch Pökeln in Salzlake.

Der Zentterling. "Zentterling" bezeichnet nach dem Grimmschen Wörterbuch ein zum Räuchern bestimmtes oder bereits geräuchertes Stück Fleisch, meist ein Viertel eines Schweins. Ein zweiter Beleg für dieses seltene Wort findet sich im Kochbuch der Sabina Welserin. Die Übersetzung gibt es hier schlicht mit "Stück" wieder, damit der Satz lesbar bleibt.

Die Mulde. Die Vorlage zeigt an dieser Stelle eine bekannte Verwechslung zweier ähnlicher Druckbuchstaben; richtig gelesen bezeichnet das Wort eine Mulde bzw. einen hölzernen Trog, in dem die Salzlake angesetzt wird - neben dem bereits genutzten Lärchenkübel ein zweites, kleineres Gefäß.

Praxis. Die Speckseite über Nacht mit reichlich Schnee bedecken, bis das Fleisch fest und an der Oberfläche körnig wird - ersatzweise zerstoßenes Eis verwenden. Danach das Dickste sauber zurechtschneiden, in dicke, viereckige Streifen, in einen Holzkübel schichten, kräftig salzen und eine Woche lang mit Brett und Stein beschweren. Für die Salzlake in einer Mulde eine gesättigte, starke Lösung ansetzen (moderner Richtwert: ein rohes Ei schwimmt obenauf - der Text selbst nennt keine Menge) und kräftig aufschlagen, bis sie spürbar zäh wird; über das Fleisch gießen, bis es zwei Finger hoch bedeckt ist, und immer wieder neu beschweren. Nach heutiger Praxis empfiehlt sich, das Fleisch vor der ersten Entnahme mehrere Wochen (etwa drei bis sechs) durchziehen zu lassen, wie beim traditionellen Surfleisch üblich - der Text selbst nennt keine feste Wartezeit. Ein Deckel mit Griff erleichtert das gelegentliche Nachschauen und Nachsalzen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Das Verfahren braucht mehrere Wochen kühle Lagerung, einen speziellen Holzkübel und wiederholtes Nachbeschweren mit Stein und Brett. Das ist häusliche Vorratshaltung über Wochen, kein Gericht, das man an einem Markttag zeigen oder fertigstellen könnte.

Was ist mit der 'Bache' oder 'Speckseite' gemeint?

Gemeint ist die beim Schlachten anfallende Seite des Schweins mit Speck und Fleisch, die für die spätere Lagerung zurechtgeschnitten wird, ähnlich wie heute beim Zerlegen einer Speckseite für Schinken oder Bauchspeck.

Wie lang ist eine 'Spanne', wie sie im Rezept als Maß genannt wird?

Eine Spanne war ein altes Handmaß, ungefähr die Breite einer ausgestreckten Hand von Daumen- bis Kleinfingerspitze, grob 20 bis 22 Zentimeter. Anderthalb Spannen entsprechen also etwa 30 Zentimetern.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Schweynen fleiſch friſch vnd new zuͦbehalten. clviij. e So man Saw ſchlecht / ſoll man den pachen/ So er nun beſchnitten iſt / inn ain kuͤls oꝛth auff ain tiſch/ auff ſchnee legen / vnd ſaͤe ſchnee darauff / ain ſpann hoch/ laß in alſo ligen / biß er haͤrdt vnd kürnigwirt / et wan vber nacht darnach du daruon geſchnitten haſt / vnd des dück⸗ ſten zuͦſchonen / viereckten ſchreteeln anderthalben ſpann lang geſchnitten / vnd in ain laͤrchen kübel / als offt ain leg gleich zamen gelegt / vnd wolgſaltzen / demnach geſchwere mit ainem ſchoͤnen pꝛetlin mit ſtain ligen laſſen / biß in die erſt wochen / darnach ain bꝛuñ waſſer inn ainer Molten ſaltz darein / vnnd mit ainem ſchoͤnen neien beſem durch ainander geſchlagen / biß gantz zaͤch wırt / die ſuppen dran goſſen / das zwen finger darüber geht / darnach wider all⸗ weg abgeſchwert / als offt man mit ainem meſſer ain zent⸗ terling herauß nimpt / das vberlud ſoll ain handhab ha⸗ ben / wirt ſonſt milbig.
pachen

Die Bache bzw. Speckseite: der geschlachteten Sau entnommener Rücken- und Bauchspeck, der zum Pökeln zurechtgeschnitten wird. Grammatisch Akkusativ Singular - der Druck beschreibt durchgängig EINE Bache, keine mehreren Speckseiten.

schreteeln

Vermutlich Diminutiv zu 'schroten' (grob zerschneiden): kleine, viereckig geschnittene Speckstreifen.

kürnigwirt

Gelesen als 'körnig wird': durch die Kälte des Schnees wird die Fleischoberfläche fest und leicht krustig-körnig.

lärchen kübel

Ein Fass oder Kübel aus Lärchenholz. Lärche gilt wegen ihres Harzgehalts als besonders fäulnisresistent und war deshalb ein beliebtes Material für Vorratsgefäße.

milbig

Von Milben befallen, ein klassisches Problem bei falsch gelagertem Trocken- und Pökelfleisch.

vberlud

Das 'Überlid': der Deckel oder das Brettchen, das beschwerend auf dem gesalzenen Fleisch liegt und zum leichten Abheben einen Griff haben soll. Doppelt belegt (Fnhd. Wörterbuch: 'überlied' = Deckel eines Gefäßes; Schmeller: 'uberlid, deckel').

ſaltz darein

Diese Stelle war in der Vorlage schwer lesbar. Ein Vergleich mit dem sehr ähnlichen Rezept std-164, das denselben Wortstamm einmal korrekt und einmal verlesen zeigt, sowie die wenige Zeilen zuvor stehende, eindeutige Form 'wolgſaltzen' stützen die Lesung 'ſaltz' (salzen).

zentterling

Nach dem Grimmschen Wörterbuch ein zum Räuchern bestimmtes oder bereits geräuchertes Stück Fleisch, meist ein Viertel eines Schweins. Im Rezept mit dem allgemeineren 'Stück' übersetzt, damit der Text flüssig bleibt; ein zweiter Beleg für dieses seltene Wort findet sich im Kochbuch der Sabina Welserin (saw-059).

Wolten

Die Vorlage zeigt hier eine OCR-Verwechslung von M und W, wie sie für diesen Scan bereits an anderer Stelle belegt ist. Richtig gelesen 'Molten': Dativ Singular von 'Molte/Molde/Mulde', einem hölzernen Trog oder Bütte-artigen Gefäß, das hier zum Ansetzen der Salzlake dient.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das fünfte Buch: Fleisch, Geflügel und Wild
Folio
Fol. 027v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Sawpork Q191768

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgantz zaͤch (Sättigungsgrad der Salzlake)

Gewählte Lesart: Praxisempfehlung: eine gesättigte, starke Salzlake ansetzen (Richtwert: ein rohes Ei schwimmt obenauf), um die Konservierung sicherzustellen - ein moderner Sicherheits-Richtwert, den der Text selbst nicht nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine schwächere, nach Erfahrung und Gefühl angesetzte Lake, wie es das rein sensorische 'Zähwerden' beim Schlagen mit dem Besen nahelegt. - Der Text nennt keine Mengenangabe für das Salz, nur die Beobachtung, dass die geschlagene Lake 'ganz zäh' werden soll - ein historischer Erfahrungswert ohne moderne Messgröße.

Lesartals offt ... herauß nimpt (Reifezeit vor erster Entnahme)

Gewählte Lesart: Praxisempfehlung: mehrere Wochen (etwa drei bis sechs) durchgehende Lagerung in der Lake vor der ersten Entnahme, wie beim traditionellen Surfleisch/Pökelfleisch heute üblich - eine moderne Analogie, keine Zeitangabe des Textes selbst.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine laufende Vorratskammer, aus der über Monate je nach Bedarf entnommen wird, ohne festen Reifezeitpunkt. - Der Text beschreibt nur, dass man 'so oft' ein Stück herausschneidet, nennt aber keine Wartezeit ab Zugabe der Salzlake.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 027v (gedruckte Blattzählung XXVII verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Mehrwöchige Kühllagerung samt Lärchenholz-Kübel und wiederholtem Nachbeschweren, das ist Vorratswirtschaft für die häusliche Speisekammer, keine Sache für ein Marktwochenende. Ein fertiges Gericht kommt dabei auch nicht heraus, sondern nur der rohe, haltbar gemachte Speck als Basis für spätere Rezepte.
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Stand dieser Fassung: 07.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.