Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Löse die Hammen von der Haut, so dass kein Fleisch mehr an der Haut hängen bleibt. Schneide sie zu und salze sie ein. Lasse sie drei Wochen im Salz liegen.
Danach hänge sie auf und lasse sie drei oder vier Wochen im Rauch hängen. So werden sie den italienischen Schinken gleich.
Zum Essen kocht man sie im Ganzen und gibt sie kalt auf den Tisch (die Druckstelle hierzu ist beschädigt und nicht ganz sicher lesbar).
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Hamen | Schweineschinken (rohe Keule mit Haut) | - | Metzger | - |
| saltz | Salz | - | - | - |
Welches Gericht ist das?
Ein daheim gepökelter und geräucherter Schweineschinken: drei Wochen im Trockensalz, danach drei bis vier Wochen aufgehängt im Rauch, zuletzt vor dem Servieren im Ganzen gekocht und kalt aufgeschnitten. Das steht technisch näher an einem gekochten Kochschinken - vergleichbar dem englischen Gammon, der ebenfalls gepökelt und geräuchert, aber erst vor dem Verzehr gekocht wird - als an echtem Rohschinken wie Prosciutto, der ganz ohne Erhitzung roh verzehrt wird. (Der sonst naheliegende Vergleichsbegriff „Landschinken“ wird hier bewusst vermieden: er steht in der Praxis oft für rohe, ungekochte Räucherschinken wie den Schwarzwälder oder Ammerländer Landschinken - das würde denselben Irrtum nahelegen, den dieser Absatz gerade ausräumen will.) Der Text selbst schreibt das abschließende Sieden vor, deshalb ist der Titel hier bewusst als Prozessbeschreibung formuliert und nicht als Gattungsbehauptung.
Von der Haut lösen.
„Löse die Hammen von der Haut“ beschreibt einen Schlachtschritt beim Metzger: die Keule sauber von der übrigen Schwarte des Schlachtkörpers trennen, ohne Fleischreste daran zu lassen. Gemeint ist nicht, der fertigen Keule die eigene Haut abzuziehen - die Zutatenliste nennt ausdrücklich eine Keule mit Haut, und ein „wälscher“ Rohschinken wird traditionell mit Schwarte gepökelt.
Aufhängen statt Kleinhacken.
„Hacks auff“ ist hier als „hänge sie auf“ gelesen, nicht als „hacke sie klein“ - im selben Kochbuch beschreibt Rezept std-166 (Einbeizte Zunge) denselben Ablauf wortgleich: Wochen in der Beize, danach „hacks auff“, danach Räuchern bzw. Sieden. Das stützt die Lesart als Aufhängen zusätzlich zur Fachlogik, dass ein ganzer Schinken zum Räuchern hängen muss.
Praxis.
Großzügig und vollflächig einsalzen (Faustregel drei bis fünf Prozent des Fleischgewichts, bis kein Fleisch mehr sichtbar ist) - dabei Nitritpökelsalz statt reinem Salz verwenden, das ist bei einer mehrwöchigen Reifung ohne kontrollierte Kühlung die sicherere Wahl. Für die drei Wochen im Salz einen Kühlraum knapp über null Grad nutzen, für die anschließenden drei bis vier Wochen kalt räuchern (deutlich unter dreißig Grad). Vor dem Servieren die ganze Keule sieden, bis sie durchgegart ist, dann auskühlen lassen und kalt in Scheiben aufschneiden.
Beim Metzger nach einer ganzen Schweinekeule mit Schwarte fragen, das ist keine Standard-Auslage und muss meist vorbestellt werden. Alternativ tut es ein größeres Stück Schweineschulter mit Haut.
Nein, nicht geeignet. Die Pökelung dauert drei Wochen, das Räuchern weitere drei bis vier Wochen, das übersteigt jedes Marktwochenende bei weitem. Einzige Option: einen fertig gepökelten und geräucherten Schinken mitbringen und im Lager nur noch aufkochen.
'Wälsch' war im 16. Jahrhundert die übliche Bezeichnung für 'italienisch'. Der Titel meint also keinen importierten Schinken, sondern eine Anleitung, wie man daheim einen Schinken herstellt, der dem italienischen Rohschinken gleichkommt.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Im 16. Jahrhundert die gängige Bezeichnung für 'italienisch', gelegentlich auch allgemein für romanischsprachige Länder. Hier gemeint: ein selbstgemachter Schinken, der der italienischen Machart nachkommt.
Die Schinken bzw. Keulen des Schweins, nicht zu verwechseln mit 'Ham' im modernen Sinn eines einzelnen Fleischstücks.
Beschädigte OCR-Lesung an dieser Stelle, korrigiert zu 'Hamen' (Schinken/Keule). Dasselbe Wort steht im selben Rezept bereits zweimal richtig ('Waͤlſch Hammen' im Titel, 'Laß die Hamen loͤſen' im ersten Satz), zusätzlich ist 'hamen' als fnhd-Schreibform im Referenzkorpus belegt. Für Buch 5 des Staindl liegt keine zweite Druckausgabe zum Abgleich vor, die Korrektur stützt sich auf diesen inneren Beleg.
Gelesen als 'hänge sie auf' (an Haken), passend zum folgenden Räuchern im Hängen. 'Hacken' konnte im Frühneuhochdeutschen auch 'auf einen Haken hängen' bedeuten. Dieselbe Wendung in derselben Konstruktion (Wochen in der Beize, danach 'hacks auff', danach Räuchern/Sieden) findet sich im selben Kochbuch bei std-166 (Einbeizte Zunge) und stützt diese Lesart zusätzlich.
Beschädigte OCR-Lesung, korrigiert zu 'dꝛey' (drei). Im selben Satz steht wenige Worte zuvor bereits korrekt 'laß dꝛey wochen im ſaltz ligen' - nur das zweite Vorkommen derselben Zahl ('... oder vier wochen im rauch') wurde von der OCR fehlgelesen. 'drey' kommt im übrigen Staindl-Korpus neunmal korrekt vor (u.a. std-011, std-069, std-070, std-080, std-139), 'diey' ist im gesamten Korpus kein gültiges fnhd-Wort und tritt nur an dieser einen Stelle auf. Für Buch 5 liegt keine zweite Druckausgabe zum Abgleich vor, die Korrektur stützt sich auf diesen Korpus-Binnenvergleich.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| saltz | table salt Q11254 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
wälsch
Gewählte Lesart: Als 'italienisch' gelesen, der Titel meint einen selbstgemachten Schinken nach italienischer Machart.
Andere mögliche Lesart:
3ß achrrag kale dargon
Gewählte Lesart: Als stark beschädigte Passage gelesen, die vermutlich 'trag(e) es kalt davon' bzw. 'serviere kalt' meint, passend zur Formel 'gibs kalt', die im restlichen Kochbuch mehrfach für kalt servierte Speisen steht.
Andere mögliche Lesart:
Salzmenge und Pökelmittel
Gewählte Lesart: Für die heutige Praxis empfiehlt sich eine großzügige, vollflächige Trockensalzung (etwa drei bis fünf Prozent des Fleischgewichts, bis kein Fleisch mehr sichtbar ist) mit Nitritpökelsalz statt reinem Salz - bei einer mehrwöchigen Reifung ohne kontrollierte Kühlung ist das aus heutiger Lebensmittelsicherheitssicht die unproblematischere Wahl.
Andere mögliche Lesart:
Lagerort während Salzen und Räuchern
Gewählte Lesart: Für die heutige Praxis empfiehlt sich ein Kühlraum knapp über null Grad für die drei Wochen im Salz und kalt geräuchert (deutlich unter dreißig Grad) für die drei bis vier Wochen im Rauch.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 07.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.