Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Nimm klare Milch und rühre daraus einen Teig, dick wie ein Kinderbrei. Schneide eine Semmel in Scheiben und ziehe sie durch den Teig. Backe die Scheiben in heißem Schmalz aus. Reiche sie so, wie sie sind.
Wer mag, schlägt zwei oder drei Eier dazu. Wer sie lieber ohne Ei mag, lässt es weg.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain lautere milch | Milch | - | - | - |
| ain ſemel | Semmel | 1 | - | Helles Weißbrötchen oder Baguettescheibe |
| haiſſen ſchmaltz | Schmalz zum Ausbacken | - | - | Butterschmalz oder Pflanzenöl |
| zway oder dꝛey ayer | Eier (optional) | 2 | - | - |
Welches Gericht ist das? Semmelscheiben werden durch einen dicken Milch-Mehl-Teig gezogen und in heißem Schmalz ausgebacken - eine frühe Vorstufe der heutigen „Armen Ritter“ beziehungsweise des französischen French Toast, nur dass hier kein Ei-Milch-Guss, sondern ein reiner Milchteig die Basis bildet und Ei nur als optionale Zutat dazukommt. Das Rezept gehört zur im selben Buch genannten Gattung der „gezogenen Schnitten“: das eng verwandte Rezept std-030 beschreibt dieselbe Technik mit Mandelmilch statt gewöhnlicher Milch. Auch außerhalb des Staindl-Kochbuchs gibt es Verwandte: Sabina Welserins gefüllte Brotschnitten (saw-056) folgen demselben Grundmuster - Scheibe durch einen Teig ziehen, in heißem Fett ausbacken -, allerdings mit Fruchtmus-Füllung und reinem Eidotter-Teig statt Milchteig.
Der Rezepttitel selbst ist im Druck beschädigt überliefert. Die Lesart „Zogene Schnitlen“ (gezogene Schnittchen) gilt als gesichert: Sie passt zur im Rezept selbst genannten Zubereitung und wird durch das bereits reviewte Zwillingsrezept std-030 gestützt, das dieses Rezept dort ausdrücklich als Beleg für die Gattung „gezogene Schnitten“ nennt.
Der Urtext nennt „zwei oder drei Eier“ als gleichwertige Mengen-Optionen; die Zutatenliste übernimmt die kleinere Menge als praktikable Standardmenge, die größere ist ebenso belegt. Der letzte Satz der Vorlage bricht grammatisch ab (kein Verb nach „wer den gern trucken“); die Übersetzung ergänzt ihn sinngemäß als Gegenstück zu „wer Eier will“, ohne dass die Vorlage selbst einen Effekt der Eier-Zugabe behauptet.
Praxis. Milch mit Mehl zu einem dicken, breiartigen Teig verrühren (Konsistenz wie Kinderbrei). Semmelscheiben darin wenden, bis sie rundum benetzt sind, dann bei mittlerer bis starker Hitze in reichlich heißem Schmalz von beiden Seiten goldbraun ausbacken, insgesamt etwa 15 Minuten. Sofort servieren. Wer möchte, rührt zwei bis drei verquirlte Eier in den Teig, wer sie lieber ohne Ei mag, lässt sie weg - beide Varianten nennt der Urtext gleichwertig. Zur genauen Backdauer macht die Vorlage keine Angabe außer der Temperaturqualität „haiß“; die Zeitangabe hier ist eine moderne Praxisempfehlung.
Der Titel ist im Druck beschädigt überliefert und muss als „Zogene Schnitlen“ (gezogene Schnittchen) gelesen werden: Der Rezepttext selbst beschreibt, wie die Semmelscheiben durch den Teig gezogen werden, und das eng verwandte Rezept std-030 im selben Buch nennt dieses Rezept ausdrücklich als Beleg für die Gattung „gezogene Schnitten“.
Ja, Goldstandard. Milch, Semmel und Schmalz sind robuste Grundzutaten ohne Kühlbedarf, das Gericht ist in einer Pfanne über dem Feuer in 15 Minuten fertig - ideal für ein schnelles Lager-Frühstück oder eine süße Zwischenmahlzeit.
Im Prinzip ja, das Gericht ist ein früher Vorläufer der heute bekannten 'Armen Ritter' beziehungsweise des französischen 'French Toast': Weißbrot wird in einen milchigen, teigartigen Guss getaucht und in Fett gebacken. Zucker oder Zimt zum Bestreuen nennt Staindl an dieser Stelle allerdings nicht.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Der Titel ist im Druck beschädigt überliefert. Die Lesart „Zogene Schnitlen“ (gezogene Schnittchen) gilt als gesichert: Sie passt zur Textstelle „zeuchs durch de taig“ (ziehe es durch den Teig) im selben Rezept und wird zusätzlich durch das bereits reviewte Zwillingsrezept std-030 gestützt, das std-214 dort ausdrücklich als Beleg für die Gattung „gezogene Schnitten“ nennt.
Wörtlich 'wie ein Kinderbrei' - eine gängige Konsistenzangabe für einen dickflüssigen, breiartigen Teig, wie er auch für Säuglingsnahrung verwendet wurde.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain ſemel | white bread Q1501889 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
zway oder drey ayer
Gewählte Lesart: 2 Eier, wie in der Zutatenliste angegeben - eine praktikable Standardmenge für die Panade.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 09.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.