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Geschnittene Nudeln mit Käse und Schmalz

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit35 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Mache einen Teig mit kaltem Wasser an, wenn du es gern haben möchtest: Nimm auf einen Tisch ein oder zwei Eier und arbeite daraus einen schön festen Teig. Walze ihn dünn aus, lege drei oder vier der Teigblätter aufeinander und schneide sie mit einem scharfen Messer in feine Streifen.

Gib die Streifen in siedendes Wasser und lasse sie eine gute Weile kochen. Schütte sie dann auf ein kleines Sieb und schwemme sie mit warmem Wasser ab. Gib sie auf eine Schüssel, streue einen milden Käse darüber und gieße heißes Schmalz darauf.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
eins oder zway ayr Ei 1 - auch 2 Eier möglich, dann wird der Teig fester
Mehl - - -
mit eim kalten waſſer Kaltes Wasser - Leitung -
ſiedend waſſer Wasser zum Kochen - Leitung -
warmem waſſer Warmes Wasser - Leitung -
ain linden kaͤß Milder Käse - - milder Frischkäse oder junger Bergkäse
hayß ſchmaltz Heißes Schmalz - - Butterschmalz

Welches Gericht ist das? Selbstgemachte, mit dem Messer geschnittene Bandnudeln aus einem ungesäuerten Ei-Wasser-Teig: dünn ausgewalzt, gestapelt, in feine Streifen geschnitten, in siedendem Wasser gegart, abgeseiht, mit warmem Wasser abgeschwemmt, mit mildem Käse bestreut und mit heißem, geschmolzenem Schmalz übergossen. Die nächste lebendige Verwandtschaft ist die südwestdeutsch-alpine Familie der Käsespätzle: frisch gekochter Nudelteig, mit mildem Käse bestreut, mit heißer Butter oder heißem Schmalz übergossen - dieselbe Abfolge aus Kochen, Abschütten, Käse, heißem Fett, nur mit geschnittenen Bandnudeln statt geschabten Spätzle-Tropfen.

Woher kommt das Mehl? Der Originaltext nennt für den Teig nur kaltes Wasser und ein bis zwei Eier - Mehl fällt an keiner Stelle. Für einen vesten, also festen Teig ist Mehl aber unverzichtbar, und Kochbücher dieser Zeit setzen es bei dieser Mulden-Technik (Mehl auf den Tisch häufen, Ei und Wasser einarbeiten) oft stillschweigend voraus, statt es eigens zu nennen. Wahrscheinlicher als eine echte Textlücke ist also ein unausgesprochener Standardschritt.

Beilage oder eigene Speise? Das Kapitel führt das Gericht als Beilage, passend zu den unmittelbaren Nachbarrezepten dieses Teigwaren-Abschnitts. Der Text selbst sagt nicht, ob es beigestellt oder als eigene kleine Speise serviert wurde - beides ist mit den einfachen Zutaten Wasser, Ei, Mehl, milder Käse und Schmalz vereinbar.

Praxis. Aus ca. 100-150 g Mehl pro Ei, dem kalten Wasser und den Eiern einen festen, nicht klebrigen Teig kneten, dünn auswalzen, mehrere Teigblätter übereinanderlegen und mit einem scharfen Messer in feine Streifen schneiden. In reichlich siedendem Wasser eine gute Weile garen, abseihen und mit warmem Wasser abschwemmen - das spült überschüssige Stärke ab, damit die Nudeln nicht verkleben, eine bis heute übliche Praxis bei frischer Eiernudel. Mit mildem Käse bestreuen und sofort mit heißem, geschmolzenem Schmalz übergießen.

Was bedeutet 'linden Käß' im Rezept?

'Lind' heißt im Frühneuhochdeutschen weich oder mild. Gemeint ist ein milder Käse zum Bestreuen der fertigen Nudeln, kein bestimmter Sortenname wie heute etwa Parmesan oder Emmentaler.

Was ist ein 'Reütterlin', braucht man dafür Spezialgerät?

Ein Reütterlin ist einfach ein kleines Sieb oder Durchschlag zum Abschütten der gekochten Nudeln. Ein handelsübliches Küchensieb tut denselben Dienst.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, Goldstandard. Teig kneten, ausrollen, schneiden, kurz kochen, mit Käse und heißem Schmalz servieren, alles in unter einer Stunde und mit einfachstem Feuer-Equipment machbar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Ain geſchnitten Nudel. XXXIX ccyvhj. F Mach ain tayg mit eim kalten waſſer ab / wile du gern haben / ſo nimb auff ain tiſch eins oder zway ayr/ mach wol ain veſten tayg / woͤlg in düñ auß / nim der plaͤt⸗ lin dꝛey oder viere aufſeinander / ſcherbs mit einem ſcharb meſſer gar klain zetlet / thus in ain ſiedend waſſer / laß ain guͤt weil ſieden / ſeichs dañ auff reütterlin / vñ ſchlachs mit warmem waſſer ab/ thuͤs auff ain ſchüſſel / ſaͤe ain linden kaͤß darauff / bꝛaͤñ hayß ſchmaltz darauff.
linden käß

Mittelhochdeutsch 'lind' heißt weich, mild. Gemeint ist ein milder, nicht zu scharfer Käse zum Bestreuen, kein bestimmter Sortenname.

reütterlin

Ein kleines Sieb oder Durchschlag, mit dem die gekochten Nudeln abgeschüttet wurden.

brän hayß schmaltz

'Brennen' meint hier das Übergießen mit heißem, geschmolzenem Fett, eine typische Schlussveredelung vieler Staindl-Rezepte.

warmem waſſer (OCR-Korrektur)

Kraken-OCR-Fehllesung, kein eigenes Wort: 'm' wurde als 'in' gelesen. Die Form 'warmem' ist im Augsburgischen Wörterbuch fast wortgleich belegt ('ob warmem waszer«', f. 111b) - besonders aussagekräftig, da Staindls Kochbuch 1545 in Augsburg gedruckt wurde. Derselbe Kraken-Lauf liest die Wortfamilie in std-173 ('warmen wein') und std-191 ('warmbt') korrekt, die Fehllesung ist also isoliert.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das sechste Buch: Gebäck
Folio
Fol. 039r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMehl (Teigzutat)

Gewählte Lesart: Mehl wird der Zutatenliste hinzugefügt, obwohl der Originaltext nur kaltes Wasser und ein bis zwei Eier nennt - für einen 'vesten tayg' ist Mehl unverzichtbar.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Originaltext könnte die Mehlmenge bewusst offen lassen, weil sie bei der damals üblichen Mulden-Technik (Mehl auf den Tisch häufen, Ei und Wasser einarbeiten) als selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb nicht eigens genannt wurde. - Kochbücher dieser Zeit setzen Mehl bei dieser Technik häufig stillschweigend voraus; eine echte Textlücke ist daher unwahrscheinlicher als ein unausgesprochener Standardschritt.

Lesartcourse (Beilage vs. eigenständige Speise)

Gewählte Lesart: Als Beilage eingeordnet - passend zu den unmittelbaren Nachbarrezepten im selben Kapitel, die ebenfalls als Beilage geführt werden.

Andere mögliche Lesart:

  • An Fastentagen könnte ein einfaches, fleischloses Ei-Nudel-Käse-Gericht auch als eigenständige kleine Mahlzeit gedient haben, nicht nur als Beilage. - Der Text äußert sich nicht dazu, ob es beigestellt oder allein serviert wurde; die angegebene Portionsgröße legt aber eher eine Beilage nahe.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 039r (gedruckte Blattzählung XXXIX recto), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Im Topf am Feuer in unter einer Stunde fertig, nur Messer, Brett und ein Sieb nötig. Teig und Schmalz sind unempfindlich, lediglich den milden Käse frisch besorgen.
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Stand dieser Fassung: 09.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.