Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450
Ein gebratenes Kalbshaupt:
Schneide die unteren Kiefer vom Kalbskopf. Danach brich die Hirnschale auf und streue gutes Gewürz auf das Hirn. Gieße heißes Schmalz hinein und brate es auf einem Rost. Das wird ein gutes Kalbshaupt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| kalbs haubt / kalbs choph / kalbshaupp | Kalbshaupt | - | Metzger | - |
| dew vnderen chewu | Unterkiefer vom Kalbshaupt | - | Metzger | - |
| die hiernn schal | Hirnschale vom Kalbshaupt | - | - | - |
| das hiernn | Kalbshirn vom Kalbshaupt | - | Metzger | - |
| gucz gwurcz | Gutes Gewürz | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| haisz smalcz | Heißes Schmalz | - | Supermarkt | Pflanzenöl |
Welches Gericht ist das? Ein ganzer gebratener Kalbskopf mit separat gewürztem, im Schädel mitgegartem Hirn. Die nächste lebende Verwandtschaft ist die französische tête de veau (ganzer gegarter Kalbskopf samt Hirn); entfernter verwandt sind die bairisch-österreichischen Bregen- und Hirn-mit-Ei-Gerichte, in denen das Hirn ebenfalls separat gewürzt verarbeitet wird. Der abgetrennte Teil ist hier „die unteren Kiefer“ - die nahezu wortgleiche Parallelhandschrift B4 (b4-017) hat an derselben Stelle „die vorderen Kiefer“, eine echte Abweichung zwischen den beiden Abschriften.
Streuen oder Sehen? ‚See‘ wird hier als ‚streue‘ (von säen) gelesen, nicht als Imperativ ‚sieh‘. Das Lemma ist im Korpus mit über hundert Belegen für ‚säen/streuen‘ stark etabliert, und die textlich fast identische Parallelstelle in b4-017 (‚see auff‘) behandelt dieselbe Formulierung ohne jede Alternative als ‚streue auf‘.
Praxis. Die unteren Kiefer vom Kalbskopf abtrennen, dann die Hirnschale aufbrechen. Das freigelegte Hirn direkt im Schädel würzen und heißes Schmalz hinein gießen - das Fett gart das Hirn in der geöffneten Schale mit, während der übrige Kopf auf dem Rost brät. Der Text nennt weder Gardauer noch Hitzegrad; ein ganzer Kopf mit Knochen und Knorpel gart bei offenem Feuer ungleichmäßig - Außenhaut kann verbrennen, während das Fleisch an den Knochennähten noch zäh ist. Hitze und Abstand zur Glut daher laufend prüfen, das Hirn sollte fest und nicht mehr glasig sein.
Ein Kalbshaupt ist der Kopf eines jungen Rindes. Nach diesem Rezept wird nur der Oberkopf zubereitet: die unteren Kiefer werden vorher abgetrennt, dann die Hirnschale geöffnet und das Hirn gewürzt und mitgegart.
Eingeschränkt (Kühlung). Ein frisches Kalbshaupt benötigt eine durchgehende Kühlkette bis zur Zubereitung. Das Zerlegen und die Handhabung des Hirns sind aufwendig und erfordern Hygiene. Das Braten auf einem Rost ist jedoch gut am offenen Feuer umsetzbar.
Das Rezept nennt nur „gutes Gewürz“. Typisch für die Zeit wären eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskat. Wähle eine Mischung dieser Gewürze.
Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.
Mittelhochdeutsch für ‚gebraten‘.
Bairische Schreibweise für ‚Kiefer‘.
Die Hirnschale des Kalbskopfes.
Das Kalbshirn, das im Rezept separat gewürzt und mit heißem Schmalz übergossen im Schädel mitgegart wird.
Eine allgemeine Bezeichnung für eine Mischung aus edlen Gewürzen, typischerweise Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken oder Muskat.
Tierisches Fett, hier zum Übergießen und Braten verwendet.
Ein Bratrost, auf dem das Kalbshaupt über dem Feuer gegart wird.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| gucz gwurcz | spice Q42527 |
| haisz smalcz | animal fat Q1423543 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
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Gewählte Lesart: Die Lesart ‚streue‘ (von ‚säen‘) wurde gewählt, da sie im Kontext des Aufbringens von Gewürzen auf das Hirn am plausibelsten ist.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.