Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Die Reife der Trauben erkennt man nicht allein am Geruch, sondern auch durch Kosten, wie sie schmecken. Probiere, ob sie süß sind, und ob beim Drücken die Haut sich von den Kernen löst. Sie sollen klebrig sein und die Finger zusammenziehen, und ganz weich sein.
Sind sie so, wie hier beschrieben, dann sind sie gut. Erkennt man am Aussehen, dass sie nicht mehr größer werden, und dass sie Runzeln bekommen und dadurch kleiner werden, dann weiß man: Ihre Zeit ist vorüber.
Was leistet dieses Kapitel? Kein Speiserezept, sondern ein sensorischer Kriterienkatalog: Er lehrt, wie man am Weinstock erkennt, dass Trauben lesereif sind - ohne jedes Messinstrument, allein mit Zunge, Fingern und Augen. Als erstes Kapitel eines Kellermeisterei-Werks mit über hundert weiteren Abschnitten steht die Reifeprüfung programmgemäß vor Treten, Fassbereitung und Gärung.
Drei Sinne, ein Ziel. Der Text prüft über drei Wege: Geschmack (Süße), Tastsinn (löst sich beim Drücken die Haut von den Kernen, ist der Saft klebrig, ist das Fruchtfleisch weich) und - beim Überreife-Signal - das bloße Aussehen (Wachstumsstillstand, Runzelbildung). Alle Kriterien sind für ein vor-instrumentelles Handwerk plausibel: Ohne Refraktometer oder Mostwaage ließ sich der Zuckergehalt nur über die Zunge schätzen, und Haut-Kern-Ablösung wie Klebrigkeit korrelieren tatsächlich mit fortschreitender Reife.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Der Vault-Abschnitt zu Hirnkofens Weinbautraktat behandelt denselben Oberbegriff - den richtigen Lesezeitpunkt -, aber aus der anderen Richtung: Er beschreibt die Folgen eines verpassten Zeitpunkts (zu früh geerntete Trauben seien schwach und hielten nicht, zu spät geerntete litten unter Frost und Kälte), nicht wie man den Zeitpunkt selbst erkennt. wbd-001 liefert das positive Diagnoseverfahren, Hirnkofen die Warnung vor dem Verpassen - beide ergänzen sich thematisch, sind aber nicht dieselbe Textstelle oder ein wortlautgleiches Verfahren.
Praxis. Nachvollziehbar ist das Verfahren an einem Weinbau- oder Winzerstand: Trauben kosten, zwischen den Fingern auf Haut-Kern-Ablösung prüfen, Klebrigkeit und Weichheit zeigen - anders als bei den meisten wbd-Kapiteln (Fassreinigung, wochenlange Gärkontrolle) lässt sich das hier tatsächlich mit echten Trauben vorführen. Kein herstellbares Produkt und kein Markttag-Verfahren im engeren Sinn, aber mehr als "ohne Belang".
Der Erntezeitpunkt entscheidet über Zuckergehalt, Säure und damit über die Qualität des späteren Weins. Zu früh geerntete Trauben ergeben einen sauren, dünnen Wein, zu spät geerntete verlieren an Frische und schrumpfen bereits am Stock. Die im Text beschriebenen Merkmale (Süße, klebriger Saft, weiches Fruchtfleisch, sich lösende Kerne) werden von Winzern bis heute informell als Reifekriterien genutzt, neben instrumentellen Methoden wie der Mostwaage.
Gemeint ist der klebrige, zuckerreiche Saft reifer Trauben, der beim Zerdrücken an den Fingern haften bleibt und sie leicht zusammenkleben lässt. Das war neben Geschmack und Optik ein einfaches, aber verlässliches Prüfmerkmal ohne technische Hilfsmittel.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Mittelhochdeutsch/frühneuhochdeutsch für Weintrauben (auch 'trübel').
Meint hier die Kerne der Trauben. Löst sich beim Drücken die Haut leicht von den Kernen, gilt die Traube als reif.
Klebrig, klebend - breit bezeugtes fnhd./dialektales Wort (Lexer, Idiotikon, Schmeller, Grimm, Frischbier), kein Sonderfall und keine unsichere Lesart.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gesmacke / versuchen, wie sie smackent
Gewählte Lesart: 'gesmacke' im ersten Satz bezeichnet den Geruchsinn, 'versuchen, wie sie smackent' den Geschmackssinn - der Text unterscheidet bewusst zwei Sinneswege, keine Wiederholung.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 06.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.