Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Als zweite Methode: Den Wein aufsieden lassen und frischen Most hineinschütten, so wird der Wein haltbar.
Dazu ist es auch gut, oben Bockshornsamen hineinzuhängen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| win | Wein | - | - | - |
| most | Traubenmost | - | Winzer, saisonal zur Weinlese erhältlich | - |
| bucken samen | Bockshornsamen | - | Gewürzhandel, orientalischer/asiatischer Supermarkt | - |
Was leistet dieses Kapitel? Handwerksanleitung aus der Kellermeisterei, kein Kochrezept: die zweite von mehreren im Weinbuch gesammelten Methoden ("Zu dem andern male"), Wein widerstandsfähig gegen Verderben zu machen. Direkte Fortsetzung von wbd-015, der ersten Methode zum selben Zweck ("werhafftig"), die sogar denselben vermuteten Wirkstoff nennt.
Sieden und Most zusammen - ein scheinbarer Widerspruch. Der Text beschreibt zwei Schritte: Wein aufsieden, dann frischen, noch ungegorenen Most einrühren. Aus heutiger Sicht wirkt das gegensätzlich - Sieden tötet Wildhefen und Essigbakterien im bestehenden Wein ab, der danach zugegebene rohe Most bringt aber wieder Gärzucker und die hefebesetzte Traubenhaut mit hinein. Zwei Erklärungen sind gleich plausibel und aus dem Wortlaut nicht zu entscheiden: entweder hemmt der im gekochten Wein verbliebene Alkohol die Wildhefe des Mosts, sodass nur Süße und Frische übergehen, oder es ist eine gewollte kleine Nachgärung zur Auffrischung. Der Text selbst löst das nicht auf.
"Wird" statt "bleibt". Titel und Fließtext verwenden im Original zwei verschiedene Verben - der Titel sagt "blibet" (bleibt), der Fließtext "wirt" (wird). Das ist kein Widerspruch, sondern der eigentliche Punkt: der Wein ist nicht von selbst haltbar, er wird es erst durch die Behandlung. Die Lesart "werhafftig" als "haltbar/widerstandsfähig" statt "wahrhaftig" (echt) wird zusätzlich durch das Goetze-Wörterbuch ("werhaftig adj. dauerhaft") gestützt sowie durch wbd-015, wo dasselbe Wort im selben Kapitel dreimal im Anschluss an verschiedene Konservierungsmittel steht.
Bockshornsamen - gut belegt trotz unsicherer Schreibung. "bucken samen" ist paläografisch nicht zweifelsfrei, aber wbd-015, das unmittelbar vorangehende Rezept im selben Kapitel, nennt für denselben Zweck ausdrücklich "fenum grecum" (lateinisch für Bockshornklee), und wbd-019 verwendet die Schreibung "buckensame" in einer fast identischen Zutatenliste. Beide Stellen stammen aus demselben Werk und stützen die Lesart Bockshornsamen deutlich stärker als eine bloße Lautverschiebungs-Vermutung.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Das Aufhängen von Samen oder Kräutern oben im Weingefäß hat eine direkte Entsprechung: Hirnkofens Abschnitt 23.2 beschreibt dasselbe Idiom - ein Säckchen mit Hopfenblüten, Roggensamen, Fenchel oder Wacholder- und Myrtenholz wird im Fass aufgehängt, um den Wein vor dem Verderben zu schützen. Die konkrete Zutat Bockshornsamen steht nicht auf Hirnkofens Liste, das Verfahren als solches aber schon. Für das Aufsieden mit anschließender Most-Zugabe findet sich bei Hirnkofen dagegen keine Entsprechung.
Praxis. Der Text leitet zwei getrennte Maßnahmen an: erstens den bestehenden Wein aufsieden und danach frischen Most einrühren, zweitens zusätzlich ein Säckchen oder Bündel Bockshornsamen oben im Gefäß aufhängen. Beide Verfahren zielen auf denselben Zweck - den Wein über die Lagerzeit vor dem Umschlagen in Essig zu bewahren - und zeigen ihre Wirkung, wenn überhaupt, erst über längere Lagerung, nicht unmittelbar nach der Behandlung.
Most bezeichnet hier den frisch gepressten, noch ungegorenen Traubensaft, wie er direkt nach der Weinlese anfällt. Er wird dem bereits fertigen, aufgesiedeten Wein zugesetzt, um ihn zu stabilisieren, nicht als süßes Getränk für sich.
Der Text nennt keine Zeitspanne. Wie bei jeder Kellertechnik, die Wein vor dem Verderben schützen soll, zeigt sich die Wirkung erst über die Lagerzeit, nicht unmittelbar nach der Behandlung.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Wird hier als 'wehrhaft' im Sinn von haltbar, widerstandsfähig gegen Verderben gelesen, nicht als 'wahrhaftig' (echt/unverfälscht). Zwei Belege stützen das: das Goetze-Wörterbuch glossiert 'werhaftig adj. dauerhaft', und wbd-015 (unmittelbar vorangehendes Rezept, selbes Kapitel) verwendet dasselbe Wort dreimal, jeweils im Anschluss an eine Maßnahme gegen Verderben.
Frisch gepresster, noch nicht vergorener Traubensaft, die Vorstufe zu Wein. Nicht zu verwechseln mit modernem süßem Apfelmost.
Unsichere Lesung. Gelesen als Bockshornsamen (Fenugreek). Gestützt durch wbd-015 (selbes Kapitel, direkt davor), das für denselben Zweck 'fenum grecum' (lat. Bockshornklee) nennt, sowie durch wbd-019, das die Schreibung 'buckensame' in einer fast identischen Zutatenliste verwendet. Siehe interpretive_choices.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| win | wine Q282 |
| most | fruit juice Q20932605 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
werhafftig
Gewählte Lesart: Gelesen als 'wehrhaft/haltbar', also widerstandsfähig gegen Verderben - gestützt durch das Goetze-Wörterbuch ('werhaftig adj. dauerhaft') und durch die dreifache Verwendung desselben Worts im selben Kapitel in wbd-015, jeweils im Kontext von Verderben-Schutz.
Andere mögliche Lesart:
bucken samen
Gewählte Lesart: Gelesen als 'Bockshornsamen' (Fenugreek). Wbd-015, das unmittelbar vorangehende Rezept im selben Kapitel und für denselben Zweck ('so wirt der win werhafftig'), nennt explizit 'fenum grecum' (lateinisch für Bockshornklee) als Zusatz zur Weinhaltbarmachung. Wbd-019 verwendet zudem die Schreibung 'buckensame' in einer fast identischen Säckchen-Liste. Beide Stellen aus demselben Werk stützen diese Lesart deutlich stärker als eine bloße lautliche Herleitung.
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.