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Fleischpasteten für Italiener

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

LesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm Fleisch von beliebigen Tieren und schneide es in kleine Würfel. Würze das Fleisch mit Schmalz, Pfeffer, Zimt und Safran, dazu Verjus, Rosinen und andere Gewürze. Lasse es kurz ruhen.

In der Zwischenzeit bereite einen Teig zu und lege ihn in eine Backform. Gib die gewürzte Fleischmischung vollständig hinein. Bedecke alles gut mit einer weiteren Teigschicht.

Fülle dann eine gute Brühe, vermischt mit Zimt und Wein, in die Pastete. Sie wird gut sein für die Italiener.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
carnes quorumcunque animalium Fleisch (beliebiger Tiere) - Metzger -
sagumine Schmalz - - Pflanzenöl für Fastenzeit
pipere Pfeffer - - -
cynamomo Zimt - - -
croco Safran - Spezialitätengeschäft, gut sortierter Supermarkt -
agresto Verjus - Reformhaus, gut sortierter Supermarkt, Weinhandel Apfelessig oder Zitronensaft
uva passa Rosinen - - -
aliis spetiebus andere Gewürze - - -
pastam Teig - - -
brodium Brühe - - -
canella Zimt - - -
vino Wein - - -

Welches Gericht ist das? Eine gedeckte Fleischpastete (lat. pastillus de carnibus): gewürfeltes Fleisch beliebiger Tierart wird gewürzt, in eine Teighülle gefüllt, mit einem Teigdeckel verschlossen und mit einer Zimt-Wein-Brühe begossen. Das ist die klassische mittelalterliche pastillus-Gattung, der direkte Vorläufer der gedeckten Fleischpastete bis hin zur englischen Meat Pie bzw. der französischen pâté en croûte.

Taxillorum - ‚nach Art von Würfeln‘: das Fleisch wird in kleine Würfel geschnitten (lat. taxillus, Würfelchen).

Agresto, uva passa, croco - Verjus, Rosinen und Safran geben das typische süß-säuerlich-goldene Geschmacksbild; gewürzt wird mit Pfeffer und Zimt.

Tegamo - das Gargefäß: in anderen Bockenheim-Rezepten mit demselben Wort (boc-029, boc-069) wird ausdrücklich vor zu starker Glut UNTER dem Gefäß gewarnt - das spricht eher für eine tiefe Pfanne auf offener Glut (vgl. it. tegame) als für eine freistehende Ofen-Backform. In der Praxis läuft beides auf dasselbe hinaus: ein gedecktes Gargefäß mit Hitze von unten und, beim Garen, auch von oben.

Ob das Fleisch roh oder vorgegart in die Pastete kommt, sagt der Text nicht - anders als die engsten Korpusgeschwister boc-029, boc-034 und boc-069, die ihr Fleisch bzw. ihren Fisch ausdrücklich als vorgegart (coctas/bene coctos) bezeichnen.

Bonum brodium cum canella et vino mixtum - die mit Zimt und Wein vermischte Brühe wird in die fertig gefüllte, gedeckte Pastete gegossen und gart darin mit; wahrscheinlich durch eine kleine Öffnung im Deckel, wie es die Schwesterrezeptur boc-035 ausdrücklich beschreibt. Sie hält die Füllung saftig und ergibt eine sämige, würzige Sauce im Inneren.

Der lateinische Text endet nach dem Eingießen der Brühe direkt mit dem Geschmacksurteil ‚gut für die Italiener‘ - ohne eigenes Back- oder Garverb. Dass die fertig verschlossene, mit Brühe gefüllte Pastete anschließend durchgart, ist bei diesem Gargefäß zwingend, wird von Bockenheim an dieser Stelle aber nicht mehr eigens benannt.

Die Wiederholung una alia pasta [una alia pasta] im Original ist eine Schreiberdoppelung (Dittographie) ohne eigene Bedeutung.

Praxis. Beliebiges Fleisch klein würfeln. Für sichere Garung das Fleisch vor dem Würzen kurz anbraten oder vorgaren, dann mit Schmalz, Pfeffer, Zimt, Safran, Verjus und Rosinen würzen und kurz durchziehen lassen. Einen tragfähigen Teig in eine tiefe Pfanne oder Form legen, die Fleischmasse einfüllen, mit einem Teigdeckel verschließen. Die mit Zimt und Wein vermischte Brühe eingießen (am einfachsten durch eine kleine Öffnung im Deckel) und die Pastete im Ofen oder im Dutch Oven mit Glut unter und auf dem Deckel garen, bis die Fülle durchgegart ist.

Wo bekomme ich Verjus?

Verjus, der Saft unreifer Trauben, ist in gut sortierten Supermärkten, Reformhäusern oder im Weinhandel erhältlich. Alternativ kannst du Apfelessig oder Zitronensaft verwenden, um eine ähnliche Säurenote zu erzielen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht ideal für die Lagerküche, da es einen Backofen für die Zubereitung der Pastete erfordert. Die Pastete müsste zuhause vorbereitet und gebacken werden.

Was bedeutet 'aliis spetiebus' im Rezept?

‚Aliis spetiebus‘ bedeutet ‚andere Gewürze‘. Im Mittelalter waren Gewürzmischungen üblich, die oft Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat und Macis enthielten. Wähle eine Mischung, die deinem Geschmack entspricht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Ad faciendum pastillos de carnibus Recipe carnes quorumcunque animalium, et fac paruas petias ad modum taxillorum. Et tempera illa cum sagumine, pipere cynamomo et croco, agresto, uva passa, cum aliis spetiebus, et fac illa modicum stare. Et interim fac pastam, et mitte eam in tegamo, et mitte illam temperaturam intus totam. Et coperi bene una alia pasta [una alia pasta], et mitte intus bonum brodium cum canella et vino mixtum Et erit bonum pro Italicis
taxillorum

Würfel

sagumine

Schmalz, tierisches Fett

cynamomo

Zimt

croco

Safran

agresto

Verjus, der Saft unreifer Trauben oder anderer saurer Früchte

uva passa

Rosinen

spetiebus

Gewürze

pastam

Teig

tegamo

Pfanne oder Backform

brodium

Brühe

canella

Zimt

vino

Wein

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 68v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

carnes quorumcunque animaliummeat Q10990
sagumineanimal fat Q1423543
piperepepper Q3143131
cynamomocinnamon Q28165
crocosaffron Q25434
agrestoverjuice Q1060458
uva passaraisin Q13186
aliis spetiebusspice Q42527
pastamdough Q178024
brodiumstock Q3075310
canellacinnamon Q28165
vinowine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarttegamo

Gewählte Lesart: ‚Tegamo‘ wurde hier als ‚(tiefe) Pfanne‘ gelesen: Bei anderen tegamo-Rezepten desselben Buches (boc-029 ‚mitte subtus pinguedinem, ita quod non ardeat‘, boc-069 ‚caue ne sit nimis de igne‘) wird ausdrücklich vor zu starker Glut UNTER dem Gargefäß gewarnt - das spricht für eine Pfanne auf offener Glut (vgl. it. tegame = Pfanne), nicht für eine freistehende Ofen-Backform.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Tegamo‘ kann auch ‚Backform‘ bedeuten. - Bei einer gedeckten, mit Brühe begossenen Pastete ist auch eine im Ofen gebackene, freistehende Form denkbar - die übrigen Bockenheim-Belege deuten aber eher auf ein Pfannen-artiges Gargefäß über direkter Glut hin.

Lesartcarnes quorumcunque animalium (Gargrad vor dem Einfüllen)

Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: das Fleisch vor dem Würfeln kurz anbraten bzw. vorgaren (wie in den engsten Korpusgeschwistern boc-029, boc-034 und boc-069, die ihr Fleisch/ihren Fisch ausdrücklich als vorgegart bezeichnen) und beim abschließenden Garen zusätzlich auf durchgehende Garung der Fülle achten.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt kein ‚coctas‘ (vorgegart) - denkbar ist auch, dass rohes, gewürztes Würfelfleisch ausschließlich durch das abschließende Garen und die eingegossene heiße Brühe durchgart. - Bei kleinen Würfeln und ausreichender Garzeit technisch möglich, aber der Text nennt weder Garzeit noch eine Methode zur Gargradkontrolle - die vorgegarte Variante ist die sicherere Praxis.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 68v/69r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f69) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gedeckte, gebackene Pastete - braucht Ofen oder einen gut beherrschten Dutch Oven mit Ober- und Unterhitze. Füllung lässt sich gut vorbereiten.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.