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Mus von Gehirn

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

LesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 45 Min. KüchenzeitPortionen2-4 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm Gehirn, ziehe es mit Brot durch und mache daraus ein Mus mit Milch. Wenn du möchtest, kann es weiß oder gefärbt sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
hirn / Hiern Gehirn (Kalb oder Schwein) - Metzger -
brot Weißbrot (altbacken) - Supermarkt Semmelbrösel
milch Milch - - -
gefaerbtz Färbemittel (optional) - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Safran (gelb), Spinat (grün), Sandelholz (rot)

Welches Gericht ist das? Ein passiertes, sämiges Innereien-Mus: Gehirn - im Text nicht näher spezifiziert, in Parallelquellen oft Kalb oder Schwein - wird mit Brot durch ein Sieb oder Tuch gestrichen und mit Milch zu einer glatten Masse verarbeitet, wahlweise weiß belassen oder gefärbt. Strukturell verwandt mit heutigen Hirn-Zubereitungen der französischen Küche (cervelle de veau, teils zu Farce passiert) oder mit Innereien-Mus-Gerichten, wie sie in Teilen Süddeutschlands und Österreichs noch bekannt sind - ein Zutat-Genre, das in vielen westlichen Alltagsküchen seit dem 20. Jahrhundert selten geworden, aber nicht verschwunden ist.

Aufkochen. Ein Mus wird gekocht: Hirn und Brot werden durchgezogen und mit der Milch aufgekocht, bis die Masse bindet. Der Text setzt das mit „mach muoß dar vß mit milch“ voraus.

Praxis. Häutchen und Äderchen vom Hirn entfernen, mit eingeweichtem Brot durch ein feines Sieb oder Tuch streichen und mit Milch unter Rühren aufkochen, bis ein glattes Mus entsteht. Nach Wunsch mit Safran (gelb), Spinat (grün) oder Sandelholz (rot) einfärben, oder weiß belassen.

Welches Gehirn soll ich für dieses Rezept verwenden?

Das Rezept selbst nennt keine bestimmte Tierart. In der mittelalterlichen Küche sind Kalbs- und Schweinehirn häufig belegt, beide sind heute noch beim Metzger erhältlich. Achte auf frische Qualität und eine gute Kühlkette.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Kalbs- oder Schweinehirn ist heute kaum zu bekommen - schon daran scheitert das Rezept für die Lagerküche.

Was bedeutet 'ziehe es durch' im Rezept?

Das bedeutet, die Zutaten durch ein feines Sieb, ein Passiertuch oder einen Mörser zu drücken, um eine sehr glatte, breiige Konsistenz zu erhalten. Es ist vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.

Welche Färbemittel wurden im Mittelalter verwendet?

Für gelbe Färbung war Safran sehr beliebt. Grüne Farbtöne wurden oft mit Spinat oder Petersilie erzielt, rote mit Sandelholz. Die Wahl der Farbe war nicht nur ästhetisch, sondern konnte auch den Status des Gerichts unterstreichen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland - Reichenau/Bodensee). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Muoß von hirn Hiern zuech durch mit brot vnd mach muoß dar vß mit milch ob du wilt wiß oder gefaerbtz etc.
Muoß

Ein Mus ist ein Brei oder Püree, oft aus zerstoßenen oder passierten Zutaten. Es konnte sowohl herzhaft als auch süß sein.

hirn

Bezieht sich auf das Gehirn von Schlachttieren, meist Kalb oder Schwein, das in der mittelalterlichen Küche als Delikatesse galt.

zuech durch

Bedeutet, die Zutaten durch ein Sieb oder Tuch zu streichen oder zu passieren, um eine sehr feine, glatte Konsistenz zu erhalten.

wiß oder gefaerbtz

Eine häufige Anweisung in mittelalterlichen Rezepten. 'Weiß' bedeutete, keine färbenden Gewürze zu verwenden, während 'gefärbt' mit period-treuen Mitteln wie Safran (gelb), Spinat (grün) oder Sandelholz (rot) erzielt werden konnte - das Rezept selbst nennt kein konkretes Färbemittel.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 113r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

brotbread Q7802
milchmilk Q8495
gefaerbtzfood coloring Q753009

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 113r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/ka1-042
LagerkücheLagerküche
Nein: Kalbs- oder Schweinehirn ist heute kaum zu bekommen - schon daran scheitert das Rezept für die Lagerküche.
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Stand dieser Fassung: 28.09.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.