Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Einen hinteren Rinderdarm füllen.
Hacke dazu eine Lunge und Speck. Würze es dann und fülle es in den Darm.
Nimm auch ein Hirn, Eier und Brot. Würze es ebenfalls und fülle es auch in den Darm. Du kannst nach Belieben noch ein wenig Honig dazugeben.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Rinder daerm | Rinderdarm | - | Metzger, Online-Fleischereibedarf | Schweinedarm (etwas kleinerer Durchmesser) |
| lungen | Lunge | - | Metzger (auf Vorbestellung) | Herz oder Leber (für eine festere Textur) |
| speck | Speck | - | - | - |
| hiern | Hirn | - | Metzger (auf Vorbestellung) | Kalbsbries oder weichgekochte Kartoffeln für die Textur |
| ayer | Eier | - | - | - |
| brot | Brot | - | - | - |
| bewurtz es denn | Gewürze | - | - | Salz, Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat |
| hong | Honig (optional) | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine Wurst mit zwei wählbaren Füllungen in einem hinteren Rinderdarm - Lunge und Speck einerseits, Hirn, Eier und Brot andererseits, dazu nach Belieben ein wenig Honig. Beide Füllungen haben lebende Nachkommen im deutschsprachigen Raum: Lunge und Speck sind der Vorfahr der bayerisch-österreichischen Lüngerlwurst (Lungwurst), die bis heute beim Metzger erhältlich ist. Hirn, Eier und Brot sind der Vorfahr der niedersächsischen Bregenwurst, die traditionell auf Hirn beruhte - seit den BSE-Vorschriften um 2000 wird Hirn in der kommerziellen Produktion meist ersetzt, der Name blieb aber. Entfernt verwandt ist die schottische Haggis, dort mit Hafergrütze statt Brot und Ei.
Der hintere Darm. Der als Wursthülle genannte „hintere Darm" (Dickdarm bzw. Mastdarm) taucht in derselben Formulierung auch in den Schwester-Rezepten m384-069 und rfk-028 auf - beide stützen die Lesart als weiterer, für gröbere Wurstfüllungen genutzter Darmabschnitt.
Bindung der beiden Füllungen. Speck liefert der eher trockenen, porösen Lunge das nötige Fett und sorgt für Bindung. Bei der zweiten Füllung übernehmen Ei und eingeweichtes oder geriebenes Brot dieselbe Funktion für die weiche Hirnmasse.
Praxis. Lunge und Speck hacken, würzen und in den Darm füllen - dafür braucht es einen Trichter oder ein Wurstfüllhorn, auch wenn das Rezept dieses Werkzeug nicht eigens nennt. Ebenso mit Hirn, Eiern und Brot verfahren, optional mit einem Schuss Honig verfeinert. Danach bricht der Text mit „etc." ab, bevor er zum eigentlichen Garschritt kommt - im Original bleibt offen, ob gesotten, gebraten oder geräuchert wurde. Das verwandte Rezept rfk-028 sieht für eine ähnliche Wurst explizit Sieden und anschließendes Braten vor; ob ka1-058 denselben Weg meint, ist unbelegt.
Da das Rezept keine spezifischen Gewürze nennt, kannst du dich an typischen mittelalterlichen Mischungen orientieren. Salz und Pfeffer sind obligatorisch. Ergänze dies mit Ingwer, Nelken und Muskatnuss für eine authentische Note. Auch etwas Majoran oder Thymian würde gut passen.
Die Zubereitung ist eingeschränkt lagerküchentauglich - nicht wegen der Eier, die auch ungekühlt unproblematisch sind, sondern wegen der leicht verderblichen Innereien (Lunge, Hirn) und dem Speck, die bis zur Verarbeitung eine zuverlässige Kühlung brauchen. Dazu kommen Wurstfüll-Equipment (Trichter oder Füllhorn) und erhöhte Hygieneanforderungen beim Hacken und Füllen, die auf einem Sommermarkt-Stand ohne Kühlkette schwer robust umzusetzen sind. Das Garen der fertigen Wurst am Feuer selbst ist dann unproblematisch.
Der 'hinder darm' bezeichnet den hinteren Darmabschnitt (Dickdarm bzw. Mastdarm) des Rindes, der aufgrund seines größeren Durchmessers für gröbere Würste genutzt wurde. Diese Lesart wird durch die Schwester-Rezepte m384-069 und rfk-028 gestützt, die an vergleichbarer Stelle dieselbe Formulierung verwenden.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Bezeichnet den hinteren Darmabschnitt (Dickdarm bzw. Mastdarm), der aufgrund seines größeren Durchmessers für gröbere Wurstfüllungen geeignet war. Die Schwester-Rezepte m384-069 und rfk-028 verwenden an vergleichbarer Stelle dieselbe Formulierung, was diese Lesart stützt.
Die genaue Gewürzmischung wird nicht genannt, da dies in mittelalterlichen Küchen oft dem Ermessen des Kochs überlassen wurde. Typische Gewürze für Fleischgerichte waren Salz, Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskat.
Das ‚etc.‘ am Ende des Rezepts deutet an, dass weitere Schritte wie das Abbinden der Wurst, das Garen (Kochen, Braten oder Räuchern) oder die Konservierung als bekannt vorausgesetzt wurden.
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