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Klebwurst aus Bocksleber

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Für eine Klebwurst nimm die Leber eines Bocks und hacke sie klein, [noch] roh. Mische sie mit Eiern und weißem Brot. Würze die Masse und färbe sie nach Belieben. Wickle die Masse dann in ein Fettnetz und röste es oder brate es. Du kannst auch Speck und Petersilie darunter hacken, etc.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
ains bocks leber Bocksleber 1 Wildhändler, spezialisierter Metzger Lammleber oder Kalbsleber
aiger Eier - - -
wysem brot Weißbrot - - Altbackenes Weißbrot
bewurtz es Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat
netz Fettnetz - Metzger (auf Bestellung) Dünne Scheiben Bauchspeck
speck Speck (optional) - Metzger, Supermarkt -
peterlin Petersilie (optional) - - -

Welches Gericht ist das? Eine rohe, klein gehackte Leberfarce aus Bocksleber, gebunden mit Ei und Weißbrot, gewürzt, in ein Fettnetz gewickelt und darin geröstet oder gebraten. Trotz des Namens ist das keine Wurst im heutigen Sinn - kein Darm, keine Brühwurst-Technik -, sondern eine im Netz gegarte Farce. Lebende Verwandte sind die französische Crépinette de foie, die englischen Faggots und der süddeutsche Netz- beziehungsweise Wickelbraten aus Innereien; das Bindeprinzip aus Ei und Weißbrot lebt bis heute in Frikadelle und Fleischpflanzerl fort.

Was bedeutet 'klain also grun'? Die Anweisung meint nicht die Farbe, sondern den Garzustand der Leber beim Hacken: 'grun'/'gruen' steht hier für 'frisch, roh, unverarbeitet' - die Leber wird also roh und klein gehackt, bevor die Masse gegart wird. Dieselbe Formel findet sich wortgleich in den Schwesterrezepten ka1-031, m384-047 und m384-070.

Praxis. Die rohe Bocksleber fein hacken oder im Mörser zerkleinern, mit Ei und Weißbrot (frisch oder eingeweicht - der Text legt sich nicht fest) zu einer streichfähigen Masse verbinden. Nach Belieben würzen (etwa Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat) und färben - period-treu etwa mit Safran für Gelb oder Petersiliensaft für Grün, nicht mit modernen Farbstoffen. Die Masse in ein Fettnetz wickeln; das Netzfett bastet die sonst fettarme Leber-Ei-Masse beim Garen von außen. Rösten über der Glut oder Braten in der Pfanne, je nach Vorliebe. Da rohe Leber und rohes Ei verarbeitet werden, sollte die Masse vollständig durchgegart werden, bis kein roher Kern mehr vorhanden ist - der Text selbst nennt keinen Gargrad, aus Sicherheitsgründen ist das aber die empfohlene Praxis. Speck und Petersilie können optional untergehackt werden.

Was ist eine 'Klebwurst' oder 'Klobwurst'?

Eine Klebwurst ist eine mittelalterliche Wurst- oder Frikadellenart, die aus fein gehackten Innereien (hier Bocksleber) oder Fleisch hergestellt und in ein Fettnetz gewickelt wird. Sie wird dann gebraten oder geröstet und ähnelt modernen Frikadellen oder Pasteten im Fettnetz.

Was bedeutet die Anweisung, die Leber 'grün' zu hacken?

Im Kontext dieses Rezepts bedeutet ‚grün hacken‘ nicht eine Farbe, sondern den Garzustand: Die Leber wird klein gehackt, während sie noch roh und unverarbeitet ist - bevor die Masse gemeinsam mit Ei und Weißbrot gegart wird. Diese Lesart wird durch mehrere eng verwandte Rezepte im Korpus (ka1-031, m384-047, m384-070) mit nahezu identischer Formulierung gestützt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung dauert etwa 30-45 Minuten am offenen Feuer oder in der Pfanne. Die Bocksleber und das Fettnetz benötigen eine Kühlkette, können aber am Markttag frisch gekauft oder in einem Camping-Kühlschrank gelagert werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Kleb wurst Nem ains bocks leber vnd hack sy klain also grun mit aiger mit wysem brot vnd bewurtz es vnd faerbs vnd bewind es mit ainem mit ainem netz vnd roschs oder brauts du macht ouch dar vnder hacken speck vnd peterlin etc.
Kleb wurst

Eine ‚Klebwurst‘ oder ‚Klobwurst‘ war im Mittelalter eine Art Wurst oder Frikadelle, oft aus gehacktem Fleisch oder Innereien, die in ein Fettnetz gewickelt und dann gebraten oder geröstet wurde. Der Name könnte sich auf die klebrige Konsistenz der Füllung oder die Art der Zubereitung (‚kleben‘ im Fettnetz) beziehen.

grun

Die Anweisung, die Leber ‚grün‘ zu hacken, bezieht sich nicht auf eine Farbe, sondern auf ihren Garzustand: ‚grün‘/‚gruen‘ bedeutet in diesem Kontext ‚frisch, roh, unverarbeitet‘ - die Leber wird also klein gehackt, während sie noch roh ist, bevor die Masse gemeinsam mit Ei und Weißbrot gegart wird. Die eng verwandten Rezepte ka1-031, m384-047 und m384-070 verwenden dieselbe Formel und stützen diese Lesart.

faerbs

Die allgemeine Anweisung ‚färbe es‘ ist typisch für mittelalterliche Rezepte. Ohne spezifische Angabe des Farbstoffs überließ man die Wahl dem Koch. Je nach gewünschtem Effekt konnten Safran (gelb), Blut (rotbraun) oder Kräuter (grün) verwendet werden. Hier ist eine natürliche Färbung durch die Zutaten oder eine leichte Bräunung beim Garen wahrscheinlich gemeint.

netz

Das ‚Netz‘ ist das sogenannte ‚Fettnetz‘ oder ‚Netzfett‘ (Omentum majus), eine dünne Fettschicht, die die Eingeweide von Schweinen, Rindern oder Lämmern umhüllt. Es wird in der Küche verwendet, um Füllungen oder Frikadellen zu umwickeln, damit sie beim Garen saftig bleiben und eine schöne Form erhalten.

roschs oder brauts

Hier werden zwei Zubereitungsarten angeboten: ‚rösten‘ (über offener Flamme oder Glut) oder ‚braten‘ (in der Pfanne mit Fett). Beide Methoden waren im Mittelalter gebräuchlich.

etc.

Die Abkürzung ‚etc.‘ (et cetera) am Ende des Rezepts deutet darauf hin, dass weitere optionale Zutaten oder Zubereitungsschritte üblich waren, aber hier nicht explizit aufgeführt werden. Dies war in mittelalterlichen Kochbüchern nicht unüblich.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgrun

Gewählte Lesart: ‚grün‘/‚gruen‘ bezieht sich auf den Garzustand der Leber beim Hacken - ‚frisch, roh, unverarbeitet‘ - nicht auf eine Farbe.

Andere mögliche Lesart:

  • MHDBDB lemmatisiert ‚grun‘ im Bedeutungsfeld Farben/Vegetation als ‚grüene‘, was auf eine tatsächliche Farbaussage hindeuten könnte. - Reiner Homograph-Fallstrick: die kulinarische Nebenbedeutung ‚frisch/roh‘ (vgl. ‚grünes Fleisch‘ = frisches, ungegartes Fleisch) ist durch drei wortgleiche Parallelstellen im Korpus (ka1-031, m384-047, m384-070) sowie Lexer 1,1097 belegt und wiegt schwerer als die generische Lemma-Zuordnung.

Lesartainem mit ainem netz

Gewählte Lesart: Die Wiederholung ‚mit ainem mit ainem‘ ist ein scribaler Fehler und bedeutet ‚mit einem Netz‘.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte bedeuten, dass die Masse mit zwei Schichten Fettnetz umwickelt werden soll. - Eine doppelte Umwicklung wäre zwar technisch möglich, ist aber unwahrscheinlich, da die Schwesterhandschrift m384-070 an dieser Stelle nur ‚mit ainem netz‘ (ohne Wiederholung) hat und eine einfache Umwicklung mit Fettnetz der Standard war.

Lesartfaerbs

Gewählte Lesart: ‚färbe es‘ ist eine allgemeine Anweisung zur optischen Gestaltung des Gerichts, ohne einen spezifischen Farbstoff vorzuschreiben.

Andere mögliche Lesart:

  • Es impliziert die Verwendung eines bestimmten Farbstoffs, wie Safran für Gelb oder Blut für Rotbraun. - Während diese Farbstoffe im Mittelalter üblich waren, nennt das Rezept hier keinen spezifischen. Die allgemeine Formulierung lässt die Wahl offen und ist daher die primäre Lesart.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf oder an der Glut in 30-45 Minuten zubereitet. Bocksleber und Fettnetz benötigen eine Kühlkette, sind aber am Markttag frisch erhältlich oder im Camper-Kühlschrank lagerbar.
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