Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Stich den Hecht bei der Flosse bis auf den Grat (die Gräte) ein und zieh ihm die Haut ab. Zerhacke das Fischfleisch und mische Weinbeeren und Gewürz alles durcheinander. Richte es an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| hechten | Hecht | - | Fischhändler, gut sortierter Supermarkt | Zander oder Forelle |
| weinper | Weinbeeren | - | Supermarkt | - |
| gewurtz | Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken |
Welches Gericht ist das? Ein gefüllter Hecht in eigener Haut: der Fisch wird an der Flosse eingeschnitten, bis auf die Gräte, die Haut im Ganzen abgezogen, das entgrätete Fleisch gehackt und mit Rosinen (Weinbeeren) und Gewürz vermischt. Der Dish-Typ ist im Korpus breit belegt (vgl. bgs-036, bgs-046, koe-003, kkm-003) und hat bis heute lebende Verwandte: Der bayerisch-fränkische „Gefüllte Hecht“ bzw. die „Gefüllten Karpfen“ zu Weihnachten und Silvester folgen derselben Grundtechnik - Haut ablösen, Fleisch entnehmen, würzen, zurückfüllen. Auch die jiddische Bezeichnung „Gefilte Fisch“ (wörtlich „gefüllter Fisch“) geht auf dasselbe Verfahren zurück, bevor sich dort später die lose Klößchen-Form ohne Haut durchsetzte.
Der Einschnitt. „Stich in bei der Flosse im Grat ab“ beschreibt einen einzigen Arbeitsschritt, nicht zwei getrennte: einen Einschnitt an der Flosse, der bis zur Gräte reicht. Erst danach wird die Haut im Ganzen abgezogen - so bleibt sie als intakte Hülle für die spätere Füllung erhalten.
Die Rückfüllung. Der Transkript-Text nennt für das Zurückfüllen der gewürzten Masse in die Fischhaut kein eigenes Verb - er endet mit „richt an“ (anrichten). Dass die Fülle tatsächlich zurück in die Haut kommt, ergibt sich aus dem Rezepttitel „Gefüllt hechten“ und dem sonst im Korpus belegten Dish-Typ, ist im vorliegenden kurzen Text aber nicht wörtlich ausgesprochen.
Praxis. Hecht ausnehmen, an der Flosse ansetzen und bis auf die Gräte einschneiden, dann die Haut vorsichtig im Ganzen abziehen. Das entgrätete Fleisch fein hacken und mit Rosinen und Gewürz (Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken) durchmischen, danach die Masse zurück in die Fischhaut füllen. Ein Bindemittel für die Füllung nennt der Text nicht - ohne Ei oder Semmelbrösel droht sie beim Garen auseinanderzufallen, wer sicher gehen will, ergänzt eines. Auch die Garmethode fehlt im Text; zum vollständigen Durchgaren empfiehlt sich Braten oder Backen, bis Fisch und Füllung durcherhitzt sind.
Ein gefüllter Hecht wurde im Mittelalter meist gebraten oder gebacken. Für die Lagerküche empfiehlt sich das Braten über offenem Feuer oder in einem Dutch Oven. Achte darauf, dass der Fisch gar ist und die Füllung gut durcherhitzt wurde.
Ja, die Zubereitung ist mit etwas Geschick beim Auslösen und Füllen des Fisches am Lagerfeuer gut umsetzbar. Frischer Hecht ist nötig, kann aber am Markttag gekauft werden.
‚Gewürz‘ ist eine allgemeine Bezeichnung. Für Fischgerichte waren im Mittelalter typischerweise Pfeffer, Ingwer, Zimt und Nelken gebräuchlich. Du kannst eine Mischung dieser Gewürze nach Geschmack verwenden.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Das Rückgrat oder die Fischgräte.
In diesem Kontext ist ‚prat‘ das Fleisch des Fisches, nicht ein Bratenstück.
Eine allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Typische mittelalterliche Gewürze für Fisch waren Pfeffer, Ingwer, Zimt und Nelken.
Richte es an, serviere es. Die genaue Garmethode ist im Rezept nicht explizit beschrieben, ein gefüllter Hecht wurde aber typischerweise gebraten oder gebacken.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Rückfüll-Schritt (nicht wörtlich im Transkript)
Gewählte Lesart: Die gehackte, gewürzte Masse wird zurück in die abgezogene Fischhaut gefüllt (gestützt durch den Rezepttitel „Gefüllt hechten“ und den im Korpus breit belegten Dish-Typ „in eigener Haut“, vgl. bgs-036, bgs-046, koe-003).
Andere mögliche Lesart:
richcz an (Garmethode)
Gewählte Lesart: Vor dem Servieren vollständig durchgaren (braten oder backen), bis Fisch und Füllung durcherhitzt sind - im Text nicht explizit benannt, aber praktisch notwendig.
Andere mögliche Lesart:
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