Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm ein Semmelbrot und mische es gründlich mit zwölf Eiern. Stecke die Masse auf einen Spieß und bestreue sie mit Mehl. Stelle etwas darunter. Wenn die Masse richtig erhitzt ist, bestreue sie jedes Mal mit Mehl, wenn du sie wendest. Richte sie im besten Saft an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein semleins prot | 1 Semmelbrot | 1 Stück | - | Feines Weißbrot |
| xij ayern | Eier | 12 | - | - |
| mel | Mehl | - | - | - |
| putter | Butter | - | - | Pflanzenöl oder Schmalz |
| im pessten safft | Beste Sauce | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine mit zwölf Eiern durchmischte Weißbrotmasse wird auf einen Spieß gesteckt, wiederholt mit Mehl bestäubt während sie sich über dem Feuer dreht, und am Ende im aufgefangenen Bratensaft angerichtet. Die Bauweise - Masse auf rotierendem Spieß, schichtweise bemehlt beim Wenden - gehört eher zur Familie der Spießkuchen (verwandt mit Baumkuchen, Prügelkrapfen/Spinnradlstriezel, dem ungarischen Kürtőskalács) als zur Familie der pfannengebratenen Arme-Ritter-Gerichte, mit der es sich nur die Grundzutaten Brot und Ei teilt. Beide Bezüge sind Analogien, keine belegte Abstammungslinie.
Was bedeutet der Titel „Ein gepraten putter“? „Putter“ (Butter) kommt im Text nur im Titel vor, nie in der Zubereitung. Die Handschrift selbst liefert dazu einen Vergleichsfall: ka2-003 („ein gemachtes Euter, gebraten“) und ka2-036 (ein Fisch als Fleischbraten-Imitat) tragen dieselbe Kopf-Formel und eine fast identische Spießphrase wie ka2-049, sind aber ausdrücklich als „gemachte“ Illusionsgerichte markiert. Dieser Marker fehlt bei ka2-049 - der Titel liest sich daher eher als deskriptive Bezeichnung für die goldbraune, mehrfach bemehlte und im eigenen Saft begossene Kruste („wie gebratene Butter aussehend“) denn als echte Illusionsspeise oder als Hinweis auf zugesetzte Butter. Zugesetzte Butter bleibt möglich, ist aber schwächer belegt.
Was ist mit „etwas darunder“ gemeint? Eine Schale oder ein Gefäß wird unter den rotierenden Spieß gestellt. Der Zweck wird im Text nicht benannt; am plausibelsten - gestützt durch den Schlusssatz „richt in an im pessten safft“ - ist eine Auffangschale für die herabtropfenden Säfte, die am Ende als Sauce dient. Das bleibt eine Lesart, kein Fakt.
Eine offene Lücke. Der Text löst nicht auf, wie eine lose, eireiche Brotmasse ohne zusätzliche Bindung auf einem blanken Spieß haften soll. Das wird hier offen benannt statt stillschweigend wegerklärt.
Praxis. Am Feuer: Weißbrot fein zerkrümeln und mit den Eiern zu einer möglichst festen Masse verarbeiten (bei Bedarf etwas mehr Brot zugeben, bis sie sich formen lässt), um einen Spieß formen, mit Mehl bestäuben und über der Glut drehen, dabei bei jedem Wenden erneut bemehlen, bis durcherhitzt; darunter eine Schale zum Auffangen der abtropfenden Flüssigkeit stellen und am Ende damit anrichten. Lagertauglicher: dieselbe Masse als Fritter oder Pfannkuchen in einer Pfanne oder im Dutch Oven braten - Ei und Brot sind unkühlpflichtig und die Zubereitung dauert nur kurz.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung am Spieß über offenem Feuer ist authentisch, erfordert aber etwas Aufmerksamkeit. Alternativ kann die Brot-Ei-Masse auch als Pfannkuchen oder Fritter in einem Topf oder Dutch Oven gebraten werden. Eier und Brot sind robuste Zutaten, die sich gut transportieren lassen.
Ein Semmelbrot ist ein feines Weißbrot, das aus Weizenmehl gebacken wird. Es ist vergleichbar mit einem heutigen Brötchen oder einer Semmel. Für dieses Rezept kannst du ein beliebiges feines Weißbrot verwenden.
Das wiederholte Bestreuen mit Mehl während des Bratens dient dazu, eine knusprige, geschichtete Kruste zu erzeugen. Das Mehl bräunt an der Oberfläche und bildet Schicht für Schicht eine feste Kruste, was dem Gericht zusätzliche Textur verleiht.
„Recipe“ ist ein lateinischer Imperativ und bedeutet „Nimm!“ oder „Man nehme!“. Es ist eine häufige Einleitung in historischen Rezepten, um die erste Zutat oder den ersten Schritt zu benennen.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Mittelhochdeutsch für „gebraten“ oder „geröstet“.
Mittelhochdeutsch für „Butter“. Kommt im Rezept nur im Titel vor, nie in der Zubereitung selbst.
Lateinischer Imperativ, bedeutet „Nimm!“ oder „Man nehme!“, häufig am Anfang von Rezepten verwendet.
Ein feines Weißbrot, ähnlich einer modernen Semmel oder einem Brötchen.
Zwölf Eier. Die römische Ziffer „xij“ steht für 12.
Ein Spieß, auf den die Masse zum Braten oder Rösten gesteckt wird.
Bestreue es mit Mehl.
Vermutlich eine Auffangschale oder Tropfschale, um herabtropfende Säfte oder Fett aufzufangen - der Zweck wird im Text nicht ausdrücklich genannt (siehe interpretive_choices).
Wenn es richtig erhitzt ist. „Er“ ist grammatisch maskulin und bezieht sich im Frühneuhochdeutschen eher auf den Spieß/Braten als auf die (im Deutschen feminine) „Masse“ - praktisch ohne Bedeutungsunterschied.
So oft du es wendest.
Richte es im (= in dem) besten Saft an - „im“ ist die Kontraktion von „in dem“, nicht von „mit dem“.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Deskriptiver Titel für die goldbraun gebratene, mehrfach bemehlte und im eigenen Saft begossene Kruste des Gerichts - „wie gebratene Butter aussehend“.
Andere mögliche Lesart:
etwas darunder
Gewählte Lesart: Eine Auffangschale oder Tropfschale unter dem Spieß, die die herabtropfenden Säfte für die spätere Verwendung als Sauce sammelt.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Richte die Speise im (= in dem) eigenen, zuvor aufgefangenen besten Bratensaft an.
Andere mögliche Lesart:
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