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Salse aus Weintrauben und sauren Äpfeln (Agrest)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811 · Schwaben · 1440

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofkücheVeganVegan
Zubereitungszeit15 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMünchner Kochbuchhandschriften (Cgm 811) (~1440)

Willst du eine gute Salse aus Weintrauben und sauren Äpfeln zubereiten, so zerstoße sie zusammen. Mische sie mit Wein oder Essig und presse den Saft daraus. Diese Salse ist gut zu saftigem Braten, zu Hühnern und zu Fischen. Auf Welsch heißt sie Agrest.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
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Welches Gericht ist das? Eine rohe, ungekochte Presssauce (Agrest / Agraz) aus zerstoßenen Weintrauben und sauren Äpfeln, mit Wein oder Essig verlängert und ausgepresst - der germanische Name ist ‚Selczen‘, der welsche (romanische) ‚Agrest‘. Kein Kochrezept, sondern eine frische, herb-säuerliche Tunke zu saftigem Braten, Huhn und Fisch - verwandt mit dem bis heute gebräuchlichen Verjus.

Ein wanderndes Rezept. Fast wortgleich steht es schon im ‚Buch von guter Speise‘ (als ‚agraz‘, bgs-032a), mehrfach im Königsberger Kochbuch (koe-025, koe-031) und in einer weiteren Münchner Handschrift (ri15632-041) - ein schönes Beispiel, wie solche Grundsaucen über Jahrhunderte und Regionen abgeschrieben wurden.

Praxis. Weintrauben und saure Äpfel grob zerstoßen, mit etwas Wein oder Weinessig mischen und den Saft auspressen. Frisch verwenden - sie hält nicht lange.

Was ist ‚Selczen‘ und ‚Agrest‘?

‚Selczen‘ bezeichnet im Mittelalter eine würzige Sauce oder Tunke, oft mit fruchtig-säuerlichem Geschmack. ‚Agrest‘ ist der welsche (romanische) Name für Verjus, den Saft unreifer Trauben, der als Säuerungsmittel diente - das Wort geht letztlich auf mittellateinisch ‚agresta‘ zurück. In diesem Rezept wird die fertige Salse selbst als Agrest bezeichnet, da sie einen ähnlichen säuerlichen Charakter hat.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, ein Goldstandard für die Lagerküche - und sogar ohne Feuer: Die Salse wird nicht gekocht, sondern nur zerstoßen, mit Wein oder Essig gemischt und ausgepresst. In wenigen Minuten fertig, einfache Zutaten ohne Kühlbedarf. Ideal als frische, säuerliche Beilage zu Fleisch oder Fisch.

Was bedeutet ‚stoßen‘ im Rezept?

‚Stoßen‘ bedeutet hier, die Zutaten in einem Mörser zu zerstampfen, um sie zu zerkleinern und zu vermischen. Für dieses Rezept reicht ein einfacher Mörser oder eine moderne Küchenmaschine.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Münchner Kochbuchhandschriften (Cgm 811) (2. Viertel 15. Jh., Schwaben). Vier Kochrezepte, eingestreut in das berühmte 'Liederbuch des Jakob Käbitz' (Cgm 811) - eine schwäbische Lieder- und Spruchsammlung des 2. Viertels des 15. Jh. Eine Hand notierte hier drei Selsen (fruchtig-saure Würzsaucen: aus Weintrauben und sauren Äpfeln; aus Äsche; eine grüne Kräuter-Selse, die mit Morgentau angesetzt und zu Pulver getrocknet wird) sowie eine Weichsel-Latwerge mit Honig und geriebenem Brot. Einzige schwäbische Quelle im Korpus und ein seltenes Beispiel für Kochrezepte in einer Liederhandschrift. Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M7 ediert; Teil der Ehlert-Edition der Münchner Kochbuchhandschriften.

Wiltu machen ein gute selczen uon wein trawben vnd uon sauren oeppfeln so stoß es zue sammen vnd misch eß mit wein oder mit essig vnd truck das safft dar aus die selßen ist zue safftigen praten guot vnd zue hunnern vnd zue vischen vnd haysset in welche agrest
selczen

Im Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen bezeichnet ‚Selczen‘ eine würzige Sauce oder Tunke, oft auf Frucht- oder Essigbasis. Es ist keine ‚Sülze‘ im modernen Sinne (eine Gallerte).

agrest

‚Agrest‘ (auch agraz, von mlat. agresta) ist ein welscher (romanischer) Name für eine saure Sauce aus dem Saft unreifer Trauben - bzw. hier aus gepressten Trauben und sauren Äpfeln; verwandt mit Verjus. Die Schlussformel des Rezepts deutet darauf hin, dass die Salse ‚in welsch‘ (auf Welsch) so genannt wird - die genaue Lesart dieser Stelle ist nicht ganz sicher.

wein trawben

Hier sind Weintrauben gemeint, nicht ‚Wintertrauben‘. Das Präfix ‚win-‘ in mittelhochdeutschen Komposita bezieht sich meist auf Wein oder Weintrauben (z.B. ‚winber‘ = Weintraube).

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811
Folio
Fol. 035v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-bairisch, Liederbuch des Jakob Käbitz)
Entstehung
Schwaben, 1440

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvnd haysset in welche agrest

Gewählte Lesart: ‚und heißt auf Welsch (romanisch) agrest‘ - ‚in welche‘ als Verschreibung für ‚in welsch‘, mit Bezug auf den welschen (romanischen) Namen der Sauce.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚und manche nennen sie agrest‘ - ‚welche‘ als unbestimmtes Pronomen (‚einige/manche‘), ohne Sprachbezug. - Näher am wörtlichen Lautstand der Handschrift, verliert aber den im Kontext plausiblen Hinweis auf einen fremdsprachigen Namen. Die Stelle bleibt insgesamt unklar.

Originalwerk (~1440) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 035v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 811 (Liederbuch des Jakob Käbitz, 2. Viertel 15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M7 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Wird nicht gekocht: Trauben und Äpfel zerstoßen, mit Wein oder Essig mischen, Saft auspressen - in wenigen Minuten und ganz ohne Feuer fertig. Robuste Zutaten ohne Kühlbedarf, ideal als frische, schnelle Beilage im Lager.
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