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Ganze Gans im verschlossenen Tontopf

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Eine Gans zuzubereiten und zu machen, so geht es: Nimm eine ganze Gans, der zuvor der Kopf abgenommen wurde.

Schiebe sie in einen irdenen Topf, gieße Wasser darüber und lass es von unten her aufwallen. Stelle den Topf auf einen Dreifuß und verschließe ihn gut, damit der Dampf nicht entweichen kann. Schüre darunter ein kleines Feuer und lass die Gans so lange sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.

Nimm dann zwei Knoblauchköpfe, teile sie in ihre Zehen und lass diese zusammen mit der Gans und mit Safran weiterköcheln. Trage die Gans ganz auf und reiche sie so zu Tisch.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ganncz gens Gans, ganz, ohne Kopf - Metzger -
wasser Wasser - - -
zwaj knofflachs haubt Knoblauchköpfe 2 - -
Saffran Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Eine ganze Gans, im fest verschlossenen Tontopf auf dem Dreifuß über kleinem Feuer gesotten, bis die Brühe fast eingekocht ist, dann mit Knoblauch und Safran fertiggegart und im Ganzen aufgetragen - kein Braten, sondern langes, feuchtes Garen im geschlossenen Gefäß. Die nächste lebende Verwandte ist die französische poule au pot (ganzes Geflügel, im geschlossenen Topf gegart und ganz serviert); was das Gefäß betrifft, erinnert das Verfahren auch an den modernen Römertopf-Gänsebraten (unglasierter Tontopf, feuchte Hitze, dicht schließender Deckel).

Zum Verschließen des Topfes. Der Text nennt nur das Ziel - dass der Dunst nicht entweichen soll -, nicht die Methode. Ein vollständig luftdichter Verschluss wäre bei mehrstündigem Sieden über offenem Feuer in einem Tongefäß ein Überdruck- und Berstrisiko für das Tongut; eine so feste Abdichtung belegt der Text nicht. Praktikabler und ebenso textnah ist ein fest aufgelegter, schwerer Deckel, notfalls mit einem feuchten Tuch oder Teigrand abgedichtet, der etwas Dampf entweichen lässt.

Zum „schnattern". Die Handschrift sagt, die Gans solle sieden, „vnncz das sy schnattern werden". Das ist keine Redewendung, sondern eine Verschreibung. Die älteste Fassung desselben Rezepts, bgs-042, liest an dieser Stelle „biz sie vilnach trucken si" - bis sie fast trocken ist. Die anderen Abschriften zeigen, wie die Wendung auf dem Weg zerfallen ist: „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1), „vil nattrang" (B4) - und hier schließlich „schnattern". Gemeint ist also: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.

Praxis. Eine ganze, kopflose Gans (Metzgerware, bereits gerupft und ausgenommen) in einen ausreichend großen irdenen Topf oder Römertopf schieben, mit Wasser übergießen und einmal aufkochen lassen. Auf einem Dreifuß über kleiner, gleichmäßiger Glut mit schwerem Deckel mehrere Stunden sieden lassen, bis die Gans gar ist und nur noch wenig Brühe im Topf steht. Dann die in Zehen geteilten Knoblauchköpfe und den Safran zugeben und kurz mitziehen lassen. Die Gans ganz servieren, ungeteilt am Tisch.

Wie lange muss die Gans im verschlossenen Topf garen?

Der Text gibt keine feste Zeit vor, sondern eine Garstufe: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist. Das „schnattern" der Handschrift ist eine Verschreibung dieser Stelle, wie die ältere Fassung bgs-042 („vilnach trucken", fast trocken) zeigt. Je nach Größe der Gans und Hitze des Feuers sind das erfahrungsgemäß mehrere Stunden bei kleiner, gleichmäßiger Glut.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet: Ein irdener Topf mit dichtem Verschluss und ein Dreifuß über kleiner Glut sind im Lager machbar, aber das Feuer muss über Stunden konstant klein gehalten werden, was Zeit und Aufmerksamkeit bindet. Für einen kompakten Vormittags- oder Vorführ-Slot eignet sich das Rezept weniger gut als für einen ganzen Lagertag.

Was bedeutet 'Dreifuß' (trifuesz) im Rezept?

Der Dreifuß war ein dreibeiniges Metallgestell, das über der offenen Feuerstelle stand und den Topf in geregeltem Abstand zur Glut hielt, statt ihn direkt ins Feuer zu setzen. Das erlaubte ein gleichmäßiges, kontrolliertes Sieden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain gans ze beraitten vnd ze machen also Item Nym ganncz gens vnd das die koepff dauon seyen gethan vnd stoesz sy oder thue sy In ainen Irden hafen vnd geuss wasser daran vnd lass sieden von vnnden auf vnd am trifuesz vermach den hafen das der tunst nit heraus mueg vnd schur ain klains feur dar zue vnd lass es sieden vnncz das sy schnattern wer= den So nym denn zwaj knofflachs haubt die taill zue samen vnd lass mit der genss sieden mit Saffran vnd gib sy ganncz hin zue essen
irden hafen

Ein Topf aus gebranntem Ton, hier als Kochgefäß verwendet, das während des Garens fest verschlossen wird, damit kein Dampf entweicht.

trifuesz

Dreifuß: ein dreibeiniges Metallgestell, auf das der Topf über dem Feuer gestellt wurde, damit er nicht direkt in der Glut steht.

knofflachs haubt

Knoblauchköpfe, hier in 'taill' (Teile) zerlegt - üblicherweise als Zehen gelesen, auch wenn 'taill' wörtlich nur allgemein 'Teil' bedeutet und mit der Gans mitgegart.

schnattern

Verschreibung, kein Bild: Die älteste Fassung bgs-042 liest „vilnach trucken" (fast trocken). Über „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1) und „vil nattrang" (B4) ist daraus hier „schnattern" geworden. Gemeint ist: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.

tunst

Dunst/Dampf, der beim Sieden mit Wasser im geschlossenen Topf entsteht - der Text sagt nicht, wie fest verschlossen wurde oder dass gezielt Druck aufgebaut werden sollte.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 087r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ganncz gensgoose Q83363022
wasserwater Q283
zwaj knofflachs haubtgarlic Q21546392
Saffransaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsy schnattern werden

Gewählte Lesart: Fast trocken - sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist. „schnattern" ist eine verderbte Form von „vilnach trucken" (bgs-042); die Zwischenstufen „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1) und „vil nattrang" (B4) belegen den Weg.

Andere mögliche Lesart:

  • Bildhafte Redewendung (klappernde Knochen oder zischender Dampf) - Ohne Beleg; aus dem heutigen Wortsinn geraten. Die vier Parallelfassungen zeigen, dass hier eine verschriebene Garstufe steht, keine Metapher.

Lesarttaill

Gewählte Lesart: Die Knoblauchköpfe werden in ihre Zehen geteilt - text_modern übernimmt die gängige Konkretisierung 'Zehen'.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich nur 'Teil/Portion' (vgl. Glossar/MHDBDB, Lemma 'teilen'), ohne dass 'Zehe' explizit benannt wird. - Bei Knoblauchköpfen ist 'in Teile zerlegen' im Kontext des Mitgarens am plausibelsten als 'in Zehen teilen' zu lesen, ein wörtlicher Beleg für 'Zehe' selbst fehlt aber im Text.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 087r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/mha-224
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Mehrstündiges Garen im fest verschlossenen Tontopf auf dem Dreifuß über kleinem, gleichmäßig gehaltenem Feuer, bis das Fleisch von den Knochen mürbe wird. Braucht durchgehende Aufsicht am Feuer und einen irdenen Topf mit dichtem Deckel oder Teigverschluss.
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Stand dieser Fassung: 24.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.