Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Eine Gans zuzubereiten und zu machen, so geht es: Nimm eine ganze Gans, der zuvor der Kopf abgenommen wurde.
Schiebe sie in einen irdenen Topf, gieße Wasser darüber und lass es von unten her aufwallen. Stelle den Topf auf einen Dreifuß und verschließe ihn gut, damit der Dampf nicht entweichen kann. Schüre darunter ein kleines Feuer und lass die Gans so lange sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.
Nimm dann zwei Knoblauchköpfe, teile sie in ihre Zehen und lass diese zusammen mit der Gans und mit Safran weiterköcheln. Trage die Gans ganz auf und reiche sie so zu Tisch.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ganncz gens | Gans, ganz, ohne Kopf | - | Metzger | - |
| wasser | Wasser | - | - | - |
| zwaj knofflachs haubt | Knoblauchköpfe | 2 | - | - |
| Saffran | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Eine ganze Gans, im fest verschlossenen Tontopf auf dem Dreifuß über kleinem Feuer gesotten, bis die Brühe fast eingekocht ist, dann mit Knoblauch und Safran fertiggegart und im Ganzen aufgetragen - kein Braten, sondern langes, feuchtes Garen im geschlossenen Gefäß. Die nächste lebende Verwandte ist die französische poule au pot (ganzes Geflügel, im geschlossenen Topf gegart und ganz serviert); was das Gefäß betrifft, erinnert das Verfahren auch an den modernen Römertopf-Gänsebraten (unglasierter Tontopf, feuchte Hitze, dicht schließender Deckel).
Zum Verschließen des Topfes. Der Text nennt nur das Ziel - dass der Dunst nicht entweichen soll -, nicht die Methode. Ein vollständig luftdichter Verschluss wäre bei mehrstündigem Sieden über offenem Feuer in einem Tongefäß ein Überdruck- und Berstrisiko für das Tongut; eine so feste Abdichtung belegt der Text nicht. Praktikabler und ebenso textnah ist ein fest aufgelegter, schwerer Deckel, notfalls mit einem feuchten Tuch oder Teigrand abgedichtet, der etwas Dampf entweichen lässt.
Zum „schnattern". Die Handschrift sagt, die Gans solle sieden, „vnncz das sy schnattern werden". Das ist keine Redewendung, sondern eine Verschreibung. Die älteste Fassung desselben Rezepts, bgs-042, liest an dieser Stelle „biz sie vilnach trucken si" - bis sie fast trocken ist. Die anderen Abschriften zeigen, wie die Wendung auf dem Weg zerfallen ist: „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1), „vil nattrang" (B4) - und hier schließlich „schnattern". Gemeint ist also: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.
Praxis. Eine ganze, kopflose Gans (Metzgerware, bereits gerupft und ausgenommen) in einen ausreichend großen irdenen Topf oder Römertopf schieben, mit Wasser übergießen und einmal aufkochen lassen. Auf einem Dreifuß über kleiner, gleichmäßiger Glut mit schwerem Deckel mehrere Stunden sieden lassen, bis die Gans gar ist und nur noch wenig Brühe im Topf steht. Dann die in Zehen geteilten Knoblauchköpfe und den Safran zugeben und kurz mitziehen lassen. Die Gans ganz servieren, ungeteilt am Tisch.
Der Text gibt keine feste Zeit vor, sondern eine Garstufe: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist. Das „schnattern" der Handschrift ist eine Verschreibung dieser Stelle, wie die ältere Fassung bgs-042 („vilnach trucken", fast trocken) zeigt. Je nach Größe der Gans und Hitze des Feuers sind das erfahrungsgemäß mehrere Stunden bei kleiner, gleichmäßiger Glut.
Eingeschränkt geeignet: Ein irdener Topf mit dichtem Verschluss und ein Dreifuß über kleiner Glut sind im Lager machbar, aber das Feuer muss über Stunden konstant klein gehalten werden, was Zeit und Aufmerksamkeit bindet. Für einen kompakten Vormittags- oder Vorführ-Slot eignet sich das Rezept weniger gut als für einen ganzen Lagertag.
Der Dreifuß war ein dreibeiniges Metallgestell, das über der offenen Feuerstelle stand und den Topf in geregeltem Abstand zur Glut hielt, statt ihn direkt ins Feuer zu setzen. Das erlaubte ein gleichmäßiges, kontrolliertes Sieden.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Ein Topf aus gebranntem Ton, hier als Kochgefäß verwendet, das während des Garens fest verschlossen wird, damit kein Dampf entweicht.
Dreifuß: ein dreibeiniges Metallgestell, auf das der Topf über dem Feuer gestellt wurde, damit er nicht direkt in der Glut steht.
Knoblauchköpfe, hier in 'taill' (Teile) zerlegt - üblicherweise als Zehen gelesen, auch wenn 'taill' wörtlich nur allgemein 'Teil' bedeutet und mit der Gans mitgegart.
Verschreibung, kein Bild: Die älteste Fassung bgs-042 liest „vilnach trucken" (fast trocken). Über „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1) und „vil nattrang" (B4) ist daraus hier „schnattern" geworden. Gemeint ist: sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist.
Dunst/Dampf, der beim Sieden mit Wasser im geschlossenen Topf entsteht - der Text sagt nicht, wie fest verschlossen wurde oder dass gezielt Druck aufgebaut werden sollte.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ganncz gens | goose Q83363022 |
| wasser | water Q283 |
| zwaj knofflachs haubt | garlic Q21546392 |
| Saffran | saffron Q25434 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
sy schnattern werden
Gewählte Lesart: Fast trocken - sieden, bis die Brühe fast eingekocht ist. „schnattern" ist eine verderbte Form von „vilnach trucken" (bgs-042); die Zwischenstufen „vil nahent nach trueg" (Cgm 5919), „vil natraug" (W1) und „vil nattrang" (B4) belegen den Weg.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Die Knoblauchköpfe werden in ihre Zehen geteilt - text_modern übernimmt die gängige Konkretisierung 'Zehen'.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 24.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.