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Lamprete in Wein zubereiten

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen2-3 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Die Lamprete ist ein guter Fisch. Wie ich dir zeigen will: Willst du mit Lampreten umgehen, brauchst du einen kräftigen Hefewein dazu, der darf nicht zu fein sein - davon tritt reichlich Blut aus. Lege die Lamprete in den Wein, darin lässt sie ihr Leben.

Halte heißes Wasser bereit und tauche die Lamprete hinein, so wird sie von Schweiß und Schleim befreit. Hast du sie so abgeschabt, wasche sie an der Stelle ab, dann ist die Lamprete rein.

Ist sie rein, lege sie vor dich auf einen Tisch. Schneide ihr das Haupt ab und lass den Schwanz ganz. Den übrigen Leib teile ebenfalls im Ganzen in drei Stücke. Diese Stücke siede in Wein.

Das Haupt und einen Teil des Schwanzes siede gesondert, wasche und brate beides braun. Stoße das Gebratene im Mörser und seihe es durch ein Tuch, vermischt mit der eigenen Brühe, in der es gesotten wurde. Würze zum Schluss mit gutem Gewürz ab.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
lamprecht Neunauge (Lamprete) 1 ⚠ Neunaugen sind in Deutschland und der EU streng geschützt (FFH-Richtlinie Anhang II), ein legaler Kauf beim Fischhändler ist praktisch nicht möglich. Fettes Welsfilet aus Zucht oder geräucherte Makrele/Räucherforelle als geschmacklich nächstliegender Ersatz
heff wein Hefewein (zum Töten und Sieden) - - Kräftiger, naturtrüber junger Rotwein
haiss wasser heißes Wasser - Leitung -
guotem gewurcz gutes Gewürz - - Klassische Mischung aus Pfeffer, Ingwer und Muskat

Welches Gericht ist das? Lamprete (Neunauge), lebend im Wein getötet, mit getrennt gegartem Kopf- und Schwanzstück zu einer im Mörser gestoßenen, durchs Tuch gepressten Sauce aus der eigenen Brühe verarbeitet. Das ist kein Einzelfall: Der Zwilling sev-061 (Böhmisches Kochbuch, Severin 1535) teilt das seltene Kerndetail, das Tier lebend in Wein zu töten, bevor beide Rezepte in der Weiterverarbeitung auseinandergehen. Die Grundidee - Neunauge in einer aus dem eigenen Blut gebundenen Sauce - ist die Vorstufe der bis heute in der Bordeaux-Region zubereiteten Lamproie à la Bordelaise.

Zum Töten im Wein. Der Text nennt eine Bedingung, keine Steigerung: Der Hefewein darf nicht zu fein sein, dann tritt beim Sterben reichlich Blut aus ("ein mirwas pluot" - ein seltenes Hapax, hier als "reichliches Blut" gelesen). Gemeint ist kräftiger, trüber Wein statt geklärtem, nicht ein "je mehr, desto mehr".

Zur Reinigung. "schwaiss" meint hier Schweiß/Schleim auf der Haut, nicht Blut. Das heiße Wasser löst den Schleim, der danach abgeschabt wird.

Zum Kopf-Schwanz-Verfahren. Der Quelltext selbst bleibt hier unscharf: Der Schwanz wird zunächst "ganz" gelassen, dann werden die drei Rumpfstücke in Wein gesotten - der Schwanz wird an dieser Stelle nicht mehr erwähnt. Kurz darauf gart aber "des schwanncz ain tayl" (ein Teil des Schwanzes) gesondert mit dem Haupt. Diese Doppelverwendung löst das Original nicht eindeutig auf; wir übernehmen sie so unaufgelöst, statt sie glattzubügeln.

Praxis. Kopf und Schwanzstück werden zunächst weichgekocht (macht das knorpelig-knöcherne Material stoßbar), danach braun angebraten (Röstaromen für die Sauce) und im Mörser oder Blender zu einer Masse verarbeitet, die durch ein Tuch mit der eigenen Kochbrühe zur gebundenen Sauce gepresst wird - eine mehlfreie Bindetechnik über püriertes Fleisch statt Brot oder Mandeln. Die Hauptzutat ist legal nicht zu beschaffen; wer die Technik mit Wels oder Makrele nachstellt, gart Kopf-Ersatz und Filet getrennt nach demselben Muster und presst die Sauce ebenso durchs Tuch.

Wo bekomme ich eine Lamprete (Neunauge)?

Neunaugen stehen in Deutschland und der gesamten EU unter strengem Artenschutz (FFH-Richtlinie Anhang II), ein Kauf beim Fischhändler ist praktisch ausgeschlossen. Als geschmacklich und texturlich nächstliegender Ersatz eignet sich fettes Welsfilet aus Zucht oder geräucherte Makrele beziehungsweise Räucherforelle, die dem kräftigen, öligen Charakter der Lamprete recht nahekommen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Zum einen ist die Hauptzutat heute gar nicht legal zu beschaffen, zum anderen ist die Zubereitung mit Töten im Wein, Schleim abschaben, getrenntem Garen von Kopf und Schwanz sowie Mörsern und Passieren viel zu aufwendig für eine Vorführung an einem Markttag. Wer das Gericht dennoch zeigen will, kocht es zu Hause mit Wels oder Makrele vor und bringt die fertige Sauce mit.

Was ist ein 'Mörser' in diesem Rezept, brauche ich Mörser und Stößel?

Der Mörser im mittelalterlichen Kochbuch ist kein kleiner Gewürzmörser, sondern ein großes Stampfgefäß aus Stein oder Metall, in dem Fleisch und Fisch zu einer feinen Masse gestoßen wurden, quasi die Küchenmaschine des Mittelalters. Modern reicht ein Blender oder Pürierstab, um Kopf und Schwanzstück zur Sauce zu verarbeiten. Wer authentisch arbeiten will, nimmt einen großen Granitmörser mit schwerem Holzstößel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

von einem lamprecht ze beraitten Item lamprecht ist ein guoter visch Als ich dich das weisen wil wiltu mit lamprechten bestenn So muostu guoten heff wein dar zue haben der mag nit zue guot sein dauon kumpt ein mirwas pluot In den wein soltu den lamprecht legen das sy kumpt von Irem leben Du solt haben ain haiss wasser da soltu sy ein stoessen vnd mach sy des schwaiss schleins rain wann du sy gelucket hast So wasch an der stat So wirt die lamprecht Rain vnd wann sy nun rain ist So legs fur dich vf ainen tisch das haubt schneid Ir ab vnd den schwanncz lass also gancz das das annder mach also ganncz zue dreyen stucken vnd seuds In wein vnd seud das haubt vnd des schwanncz ain tayl sein waschen vnd prats vnd das mach praun vnd stoesz das In ainem morser vnd seich es durch ein tuoch mit sein selbs prue das es Innen gesoten sey vnd mach es ab mit guotem ge= wurcz .
lamprecht

Neunauge/Lamprete, eine primitive, aalähnliche Fischart. Wird oft mit dem Aal verwechselt, ist aber zoologisch eigenständig. Heute in DE/EU streng geschützt.

heff wein

Hefewein: junger, noch trüber Wein mit Hefe-/Trubresten, kräftiger und rustikaler im Geschmack als geklärter Wein.

morser

Großer Fleisch-/Fischmörser aus Stein oder Metall, nicht der kleine Gewürzmörser. Diente als mittelalterliche Küchenmaschine zum Zerstoßen von Kopf und Schwanzstück zu einer feinen Masse.

guotem gewurcz

Sammelbegriff für eine Gewürzmischung, deren genaue Zusammensetzung der Text offenlässt. Typisch für die höfische Küche der Zeit wären Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelke oder Muskat.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 094r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmirwas pluot

Gewählte Lesart: Als '(ein) reichliches/kräftiges Blut' gelesen: Ist der Wein nicht zu fein, tritt beim Sterben der Lamprete reichlich Blut aus.

Andere mögliche Lesart:

  • Möglicherweise Verschreibung für 'michel' (großes Blut) oder eine Wertung als 'unreines Blut'. - Hapax legomenon ohne Parallelstelle im Korpus, CoReMA führt die Stelle nicht auf; die Lesart bleibt spekulativ.

Lesartstoessen / stoesz

Gewählte Lesart: Erste Stelle ('da soltu sy ein stoessen') als 'hineinstoßen/eintauchen' ins heiße Wasser gelesen; zweite Stelle ('stoesz das In ainem morser') als 'stoßen/zerstampfen' im Mörser.

Andere mögliche Lesart:

  • Beide Stellen einheitlich als 'stoßen/schlagen' (Schlagbewegung) statt 'eintauchen'. - Mhd. 'stoßen' ist primär eine Bewegungs-/Schlagbewegung, die Lesart 'eintauchen' an der ersten Stelle ist aus dem Kontext (Reinigung mit heißem Wasser) erschlossen, nicht wörtlich belegt.

Lesartgelucket

Gewählte Lesart: Als 'abgeschabt' gelesen, im Sinn von 'nachdem du den Schleim abgeschabt hast', passend zum vorangehenden Reinigungsschritt.

Andere mögliche Lesart:

  • Verwandt mit 'glücken' (gelingen): 'wenn es dir gelungen ist [sie zu reinigen]'. - Hapax legomenon, CoReMA führt keine gesicherte Bedeutung; die Ableitung von 'glücken' ist lautlich ebenso plausibel wie eine Ableitung von einem Schab-/Rupf-Verb.

Lesartan der stat

Gewählte Lesart: Räumlich gelesen: 'an der Stelle' (dort, wo die Reinigung gerade stattfindet) wird die Lamprete noch abgewaschen.

Andere mögliche Lesart:

  • Idiomatisch als 'alsbald/sogleich' statt räumlich. - Die Wendung 'an der stat' ist im Korpus mehrdeutig belegt: mha-235 im Sinn von 'anstelle/statt', andere Belegstellen als zeitliches Idiom 'sogleich', wieder andere räumlich. Ohne weiteren Kontext ist in mha-248 nicht sicher zu entscheiden, welche Lesart gemeint ist.

Lesartschwaiss

Gewählte Lesart: Als 'Schweiß/Schleim' gelesen, also der klebrige Schleimbelag auf der Haut der Lamprete, der vor dem Zerteilen entfernt werden muss.

Andere mögliche Lesart:

  • Als 'Blut' (wie in Jagdkontexten, wo 'Schwaiß' das Blut des erlegten Wilds meint). - CoReMA verlinkt die Stelle zwar mit der Wikidata-Entität 'lamprey blood', markiert diese Lesart aber ausdrücklich als ausgeschlossen/verneint für diesen Kontext.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 094r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Neunaugen sind in DE/EU streng geschützt, ein legaler Bezug ist schlicht nicht möglich. Zudem ist die Zubereitung mit Lebendtötung im Wein, Schleimabschaben und separat gekochter Kopf-Schwanz-Sauce fürs Lager viel zu aufwendig, wer's mit Wels oder Makrele nachstellen will, bereitet die Sauce besser zu Hause vor.
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