Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Borretschwein, im Most gesotten

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

BochetGetränkEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Dieser Wein ist gut gegen Herzleiden, für die Verdauung, gegen Schwermut und das Zittern des Herzens. Er reinigt das Blut, nimmt viele Einbildungen und hilft gegen Grind und Aussatz.

So wird er gemacht: Drei Pfund Borretsch in sieben oder acht Pfund Most geben und alles zusammen sieden, bis der Wein klar wird. Er stärkt auch das Sehvermögen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
drey Pfundt Borrago oder Burretsch drei Pfund Borretsch, rund 1,5 kg 1500 g Eigener Garten, Kräutergärtnerei oder Wochenmarkt -
siben oder acht Pfundt Most sieben oder acht Pfund Most, rund 3,5 bis 4 kg 3½ kg Frisch gekelterter Traubenmost, zur Lese beim Winzer -

Welches Getränk ist das? Ein Heil- und Kräuterwein aus dem Anhang des Drucks: Borretsch wird in Most gesotten, bis der Ansatz klar ist. Rumpolt nennt das Ergebnis „Wein“. Anders als bei den benachbarten Fassweinen ist von Gärung keine Rede; bleibt es beim Sieden, ist das Ergebnis vermutlich ein süßer, gekochter Kräuter-Most und kein vergorenes Getränk.

Wie lange sieden? Eine Dauer nennt der Text nicht, nur ein Endpunkt: sieden, „biß er lauter wirt“, also bis der Ansatz klar ist. Wir geben deshalb keine Zeit an. Eine moderne Erklärung wäre, dass beim Erhitzen Trübstoffe ausflocken; der Text sagt dazu nichts.

Wie viel Most? Rumpolt wiegt auch den Most: Sieben bis acht Pfund sind mit rund 500 g je Pfund 3,5 bis 4 kg, grob 3,2 bis 3,7 Liter. Auf diese Menge kommen drei Pfund Kraut, ein sehr hoher Krautanteil.

Welcher Borretsch? Der Text sagt weder, welcher Pflanzenteil, noch, ob frisch oder getrocknet. Wir nehmen das frische Kraut; getrocknetes Kraut oder Blüten sind denkbar, aber nicht belegt.

Praxis. Borretsch in den Most geben, beides in einem ausreichend großen Kessel zusammen sieden und vom Feuer nehmen, sobald der Ansatz klar ist. Ob und wie das Kraut entfernt und der Wein abgefüllt wird, sagt der Text nicht; wir ergänzen es nicht. Moderner Hinweis: Borretsch bildet Pyrrolizidinalkaloide, die die Leber schädigen können; das Bundesinstitut für Risikobewertung zählt ihn zu den Pflanzen, deren Zubereitungen solche Stoffe enthalten können.

Wo bekomme ich so viel Borretsch?

Borretsch wächst leicht im eigenen Garten und wird in Kräutergärtnereien und auf Wochenmärkten verkauft. Rund 1,5 kg frisches Kraut sind eine große Menge, am ehesten aus eigenem Anbau.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Das Sieden ginge zwar in einem Kessel über dem Feuer, aber frischen Most gibt es nur zur Lese, rund 1,5 kg frischer Borretsch ist Saisonware, und das Ergebnis ist ein Heilgetränk, kein Getränk zum Ausschenken an Marktbesucher.

Was sind sieben oder acht Pfund Most in Litern?

Rumpolt gibt den Most nach Gewicht an. Mit rund 500 g je Pfund sind sieben bis acht Pfund 3,5 bis 4 kg. Da Most etwas schwerer ist als Wasser, sind das grob 3,2 bis 3,7 Liter.

Ist das Getränk vergoren?

Der Text sagt nur, dass Kraut und Most zusammen gesotten werden, bis der Ansatz klar ist. Von Gärung ist, anders als in benachbarten Weinrezepten des Anhangs, keine Rede.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Borrago Wein. Jst gut fuͤr die Hertzsucht, daͤuwung, Melancholey, zittern deß Hertzens, reinigt dz Blut, benimpt viel Fantasen, fuͤr Grindt vñ Aussatz. Mach jn also: Thu drey Pfundt Borrago oder Burretsch in siben oder acht Pfundt Most, seudt es also ineinander, biß er lauter wirt, er staͤrcket das Gesicht.
Borrago oder Burretsch

Beide Wörter nennen dieselbe Pflanze, den Borretsch (Borago officinalis). Das „oder“ verbindet zwei Namen, keine zwei Zutaten. Welcher Pflanzenteil gemeint ist und ob frisch oder getrocknet, sagt der Text nicht.

Most

Frisch gepresster, noch nicht oder gerade erst gärender Saft (von lat. mustum), hier wegen des Weinanhangs vermutlich von Weintrauben. „Wein“ ist Rumpolts Benennung für den gesottenen Most mit Kraut; ob danach noch gegoren wurde, sagt der Text nicht.

Hertzsucht

Herzkrankheit, Herzleiden; so im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm („herzsucht“ = Herzkrankheit). Keine genaue Diagnose im heutigen Sinn.

daͤuwung

Verdauung. Das Wort ist gut belegt, etwa im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch („däuung“) und bei Hans Sachs („in ir dewung kranck“).

Melancholey

Schwermut, nach der Säftelehre ein Überschuss an „schwarzer Galle“.

Fantasen

Einbildungen, also Vorstellungen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen (Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, „phantasei“). Der Begriff meint nicht die heutige „Fantasie“. „benimpt“ heißt „nimmt weg“.

Grindt vñ Aussatz

Grind ist ein krustiger Hautausschlag, Aussatz bezeichnet im weiteren Sinn Hautleiden bis hin zur Lepra.

lauter

Klar, nicht trüb. Rumpolt gibt keine Siededauer an, sondern dieses Endpunkt-Kriterium.

Gesicht

Das Sehvermögen (mhd. gesiht, Gesichtssinn), nicht das Antlitz.

Pfundt

Gewichtsmaß, hier mit rund 500 g gerechnet. Auch der Most ist nach Gewicht angegeben: Sieben bis acht Pfund sind 3,5 bis 4 kg. Weil Most etwas schwerer ist als Wasser, entspricht das grob 3,2 bis 3,7 Litern (moderne Näherung).

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

siben oder acht Pfundt Mostfruit juice Q20932605

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMost

Gewählte Lesart: Frischer, unvergorener Traubenmost; der Eintrag steht im Weinanhang, und Rumpolt nennt das Ergebnis „Wein“. Die Farbe der Trauben nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesarten:

  • Obstmost, etwa von Äpfeln oder Birnen - „Most“ kann auch Obstsaft bedeuten. Der Zusammenhang des Weinanhangs spricht für Traubenmost.
  • Bereits angegorener Most (junger, gärender Wein) - Die Wörterbücher führen „Most“ auch als jungen, gärenden Wein. Der Text sagt nicht, in welchem Zustand der Most ist.

LesartPfundt Most

Gewählte Lesart: Gewichtsangabe: sieben bis acht Pfund zu rund 500 g, also 3,5 bis 4 kg Most, grob 3,2 bis 3,7 Liter. Flüssigkeiten nach Gewicht anzugeben ist nicht ungewöhnlich, und auch der Borretsch ist in Pfund gewogen.

Andere mögliche Lesart:

  • Pfund als grobe Raummaß-Näherung, etwa ein halber Liter je Pfund - Ergibt fast dieselbe Menge (3,5 bis 4 Liter), hat aber im Text keine Stütze. Das in Frankfurt gültige Pfundgewicht ist nicht geprüft.

LesartBorrago oder Burretsch (Pflanzenteil)

Gewählte Lesart: Das Kraut ohne nähere Angabe; der Text nennt weder Pflanzenteil noch Zustand. Wo Rumpolt die Blüten meint, nennt er sie im Weinanhang ausdrücklich.

Andere mögliche Lesarten:

  • Getrocknetes Kraut - Möglich, wenn außerhalb der Saison angesetzt wurde. Dann wäre die Gewichtsangabe nicht mit frischem Kraut gleichzusetzen.
  • Borretschblüten - Die Blüten sind der bekannteste Teil der Pflanze, werden hier aber nicht genannt.

Lesartbiß er lauter wirt (was danach geschieht)

Gewählte Lesart: Der Text endet mit dem Klarwerden beim Sieden; Abseihen, Abfüllen oder Gären werden nicht erwähnt.

Andere mögliche Lesart:

  • Den gesottenen Ansatz ins Fass geben und ausgären lassen - So verfahren benachbarte Weine im Anhang und vergleichbare Kräuterweine anderer Quellen. Hier steht davon nichts.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCIIIb, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1978
LagerkücheLagerküche
Kein Lagerküchen-Rezept: Das Sieden selbst ginge in einem Kessel über dem Feuer, aber frischen Most gibt es nur zur Lese, rund 1,5 kg frischer Borretsch ist Saisonware, und das Ergebnis ist ein Heilgetränk, kein Getränk zum Ausschenken an Marktbesucher.
Alle Rezepte aus Ein new Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.