Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Nimm das Blut von den Gänsen sowie die Füße, Flügel, den Magen und den Hals, und siede alles in halb Wasser und halb Wein.
Reibe Roggenbrot und röste es in Schmalz an. Gib auch das Blut einer Gans hinzu, dazu Wein und ein wenig von der Brühe, in der die Gans gekocht wurde. Würze mit Zucker, Ingwer, Pfeffer, Zimt und Gewürznelken. Lass die Pfeffersauce lange sieden, bis zu drei Stunden.
Röste dann ein wenig Zwiebel in Schmalz an und rühre dieses Schmalz unter die Pfeffersauce. Wenn du das Gericht anrichtest, streue noch etwas Ingwer darüber.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| schwaiß von genssen | Gänseblut | - | Metzger oder Geflügelhändler, am besten vorbestellen | - |
| die fiesß | Gänsefüße | - | Metzger oder Geflügelhändler | - |
| fligel | Gänseflügel | - | Metzger oder Geflügelhändler | - |
| magen | Gänsemagen | - | Metzger oder Geflügelhändler | - |
| kragen | Gänsehals | - | Metzger oder Geflügelhändler | - |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| wein | Wein | - | - | - |
| rúckin brott | Roggenbrot, gerieben | - | - | - |
| schmaltz | Schmalz | - | - | - |
| brie, darin die ganß gesotten jst | Gänsebrühe | - | - | - |
| zúcker | Zucker | - | - | - |
| jmber | Ingwer | - | - | - |
| pffeffer | Pfeffer | - | - | - |
| rerlach | Zimt | - | - | - |
| negellen | Gewürznelken | - | - | - |
| zwiffel | Zwiebel | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein dunkel gebundenes Gänse-Innereien-Voressen („Fürhess“): Gänseblut und geröstetes Roggenbrot binden gemeinsam eine bis zu drei Stunden eingekochte Pfeffersauce mit Zucker, Ingwer, Zimt, Nelken und angeschmalzter Zwiebel. Der Text nennt keinen Essig und keine andere Säure - das Gericht ist damit keine direkte Vorstufe des heutigen sauren „Schwarzsauer“, sondern gehört zur breiteren Familie dunkler, blutgebundener Saucen dieser Zeit (vergleichbar etwa mit einem Hecht in schwarzer Sauce aus demselben Korpus). Von den lebenden Verwandten teilen sowohl das norddeutsch-rheinische Schwarzsauer als auch die französische Civet-Tradition das Bindeprinzip aus Blut und Röstbrot, unterscheiden sich aber in der Würzrichtung: hier süß-warm statt sauer.
Zur Blutbindung. Der Text lässt Blut zweimal in die Sauce - einmal beim ersten Sieden mit den Innereien, ein zweites Mal vor dem bis zu dreistündigen Köcheln der fertigen Pfeffersauce. Modernes Handwerk zur Blutbindung (Civet, Hasenpfeffer) rührt Blut dagegen erst kurz vor Schluss bei reduzierter Hitze ein, weil längeres Kochen die Blutproteine körnig werden lässt statt sie seidig zu binden. Der Text selbst thematisiert diese Spannung nicht, und es bleibt offen, ob die zuerst mitgekochten Blutstücke überhaupt als Bindung gedacht sind oder eher als Geschmacksträger, die später mitverwendet werden. Das geröstete Roggenbrot bindet zusätzlich über die Stärke und dürfte die gröbere Blutbindung abmildern - eine wirklich seidige Sauce wie in modernen Referenzen ist mit dieser Methode aber nicht sicher zu erwarten.
Praxis. Blut, Füße, Flügel, Magen und Hals in halb Wasser und halb Wein aufsetzen und sieden - der Text nennt keine Garprobe oder Zeitangabe, aus Gründen der Lebensmittelsicherheit bei rohem Geflügel und rohem Blut aber vollständig durchgaren, bis sich das Fleisch von den Knochen löst. Roggenbrot reiben und in Schmalz anrösten. Ein zweites Mal Gänseblut dazugeben, dazu Wein und etwas von der Kochbrühe, dann mit Zucker, Ingwer, Pfeffer, Zimt und Gewürznelken würzen und die Sauce bis zu drei Stunden bei mäßiger Hitze köcheln lassen - das Feuer braucht während dieser Zeit durchgehende Aufsicht. Getrennt davon etwas Zwiebel in Schmalz anrösten und dieses Schmalz zum Schluss unter die fertige Sauce rühren. Beim Anrichten noch etwas Ingwer darüberstreuen.
Beim Geflügel-Metzger oder auf dem Wochenmarkt bei Ständen mit Frischgeflügel nachfragen, am besten vorbestellen, da Blut nicht überall vorrätig ist. Wer keines bekommt, kann die Sauce ersatzweise mit geröstetem Roggenbrot etwas kräftiger andicken, verliert dabei aber die charakteristische dunkle Bindung.
Ja. Die Zutaten (Gänseklein, Wein, Gewürze) sind unproblematisch, und die Pfeffersauce braucht weder Ofen noch Sonderkühlung. Der einzige Aufwand: Sie muss bis zu drei Stunden köcheln, und das Feuer braucht während dieser ganzen Zeit durchgehende Aufsicht.
Rerlach ist die Kurzform für 'zimerrerlach', wörtlich 'Zimt-Röhrlein', also gerollte Zimtstangen. Im Kochbuch der Sabina Welserin steht das Wort oft ohne den Zusatz 'zim-' allein in Gewürzlisten, meint dort aber immer noch Zimt.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Schwäbisches Wort für ein Voressen, ein Gericht aus Innereien in eigener dunkler Sauce, das als eigener Gang serviert wurde.
Bezeichnet in der Jägersprache und in Kochtexten dieser Zeit Blut, hier ausdrücklich das Blut der Gans zur Bindung der Sauce.
Kurzform für 'zimerrerlach', wörtlich Zimt-Röhrlein, also gerollte Zimtstangen. Steht im Buch oft allein in Gewürzaufzählungen.
Brühe oder Brühlein, hier die Flüssigkeit, in der die Gans gekocht wurde. Nicht der Käse Brie.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wasser | water Q283 |
| wein | wine Q282 |
| schmaltz | animal fat Q1423543 |
| zúcker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| jmber | ginger Q15046077 |
| pffeffer | pepper Q3143131 |
| rerlach | cinnamon Q28165 |
| zwiffel | onion Q3406628 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
rerlach
Gewählte Lesart: Zimt, als Kurzform des im Buch häufigen 'zimerrerlach' (Zimt-Röhrlein).
Andere mögliche Lesart:
Garzeit/Garzustand des ersten Siedens (Blut, Füße, Flügel, Magen, Hals)
Gewählte Lesart: Der Text nennt nur 'seúds' ohne Garprobe oder Zeitangabe. Aus heutiger Lebensmittelsicherheitssicht (rohes Geflügel, rohes Blut) empfiehlt sich vollständiges Durchgaren, bis das Fleisch von den Knochen löst.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.