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Rabiolin: Gefüllte Ravioli in Fleischbrühe

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm einen Spinat und brühe ihn ab, so wie du ein grünes Gemüse zubereiten würdest, und hacke ihn danach klein.

Nimm ungefähr eine Handvoll von dem gehackten Spinat, dazu Käse oder Fleisch von einem Huhn oder Kapaun, gesotten oder gebraten. Nimm von dem Käse doppelt so viel wie von dem Spinat, und vom Fleisch ebenso viel.

Schlage 2 oder 3 Eier darunter und mache daraus ein feines Füllsel. Gib Salz und Pfeffer dazu.

Mache einen Teig mit feinem Mehl, so wie für eine Torte. Wenn der Teigfladen fertig ist, lege ein kleines Häufchen Füllung an den Rand des Fladens und forme daraus einen Krapfen. Drücke die Ränder gut zusammen.

Lege die Rabiolin in eine Fleischbrühe und lass sie etwa so lange sieden, wie ein weichgekochtes Ei braucht. Das Fleisch soll fein gehackt sein und der Käse fein gerieben.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain spinet Spinat - - -
kesß Käse (doppelte Menge wie der Spinat) - - Ein fester, würziger Reibekäse wie älterer Bergkäse passt gut
ain bret von ainer hennen oder kaponer, es seý gesotten oder gebratten Hühner- oder Kapaunfleisch, gesotten oder gebraten - Metzger (für Kapaun) Hühnerbrust, gekocht oder gebraten
2 oder 3 air 2 oder 3 Eier - - -
saltz Salz - - -
pfeffer Pfeffer - - -
ainem schenen mel Mehl - - -
ain fleschbrie Fleischbrühe - - -

Welches Gericht ist das? Rabiolin sind gefüllte Teigtaschen aus Spinat, Käse und Geflügelfleisch, die in Fleischbrühe gegart werden - der eingedeutschte Name verrät die Herkunft: italienische Ravioli. Lebendige Verwandtschaft findet sich gleich doppelt: die italienischen Tortellini in Brodo (Teigtaschen in Brühe serviert) und die schwäbische Maultaschensuppe, die mit einer fast identischen Füllung aus Fleisch, Spinat und Ei arbeitet und ebenfalls in Brühe gereicht wird - beide liegen der Augsburger Patrizierküche, aus der dieses Rezept stammt, geografisch wie kulinarisch nahe.

Was heißt "briet"? Das Verb "briet"/"gebriet" wird im selben Kochbuch an anderer Stelle (Rezept 2, ein Vogel wird vor dem Rupfen "gebriet") eindeutig als "brühen/abbrühen" verwendet, nicht als "braten" oder "dünsten". Für den Spinat heißt das: kurz in kochendem Wasser blanchieren statt in Fett andünsten - der Text nennt an dieser Stelle auch keine Butter oder anderes Fett. Das Ergebnis ist welker, tropfnasser Spinat, der vor dem Hacken gut ausgedrückt werden sollte, auch wenn der Text das nicht eigens erwähnt.

Praxis. Für die Füllung wird der blanchierte, ausgedrückte und fein gehackte Spinat mit der doppelten Menge geriebenem Käse und derselben Menge fein gehacktem, bereits gegartem Hühner- oder Kapaunfleisch vermengt, mit 2 bis 3 Eiern gebunden und mit Salz und Pfeffer gewürzt. Ein fester Mehlteig wie für eine Torte wird zu einem Fladen verarbeitet, kleine Häufchen Füllung an dessen Rand gelegt, der Teig darüber zu einem Krapfen gefaltet und die Ränder gut zusammengedrückt. Die Rabiolin garen in siedender Fleischbrühe - für dünne Teigtaschen mit wenig Füllung reicht meist die Zeit, die auch ein weichgekochtes Ei braucht, doch weil damit nur der Teig, nicht zwingend die eigefestigte Füllung durchgegart ist, empfiehlt es sich, ruhig etwas länger zu pochieren und eine Rabiole probeweise aufzuschneiden, bis Teig und Füllung sicher fest sind.

Woher kommt der Name 'Rabiolin' im Rezept?

'Rabiolin' ist die eingedeutschte Verkleinerungsform des italienischen Ravioli. Über die Handelsverbindungen der Augsburger Kaufmannsfamilien nach Italien gelangten solche Gerichte in die süddeutsche Küche des 16. Jahrhunderts.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Der Aufwand liegt vor allem im Formen der kleinen Teigtaschen, das dauert seine Zeit, aber es braucht nur einen Topf für die Brühe und eine Arbeitsfläche für den Teig. Gekochtes Geflügelfleisch am besten morgens frisch zubereiten oder fertig mitbringen.

Was bedeutet 'bret' im Rezept, ist damit wirklich Fleisch gemeint?

'Bret' ist hier vermutlich von mittelhochdeutsch 'brāt' abgeleitet, das schlicht Fleisch oder Braten bedeutet, verwandt mit dem heutigen Wort 'Bratwurst'. Der Text spricht von Fleisch von Huhn oder Kapaun, gesotten oder gebraten, das fein gehackt der Füllung zugegeben wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Rabiolin zú machen Nempt ain spinet vnnd briet jn, als welt jr ain gren kraút machen, vnnd hackens klain, nempt vngefarlich ain hendlin voll/ wen es gehackt jst/ kesß oder ain bret von ainer hennen oder kaponer, es seý gesotten oder gebratten/ so nempt des kesß 2 mall soúil als des kraúts vnnd des brets aúch als vill/ vnnd schlagt 2 oder 3 air darein vnnd macht ain fein taiglin/ thiet saltz vnd pfeffer darein/ vnnd macht ain taig mit ainem schenen mel, als welt jr ain torta machen, vnnd wen jr den platz gemacht hand, so thiet ain betzlin am ortt des blatz vnnd fúrmen es zú ainem krapffen/ vnnd trúckens an erttern woll zú/ vnnd legent es jn ain fleschbrie/ vnnd land es sieden vngeferlich wie ain lind bar air, das bret soll klaingehackt sein vnnd der kes klaingeriben.
rabiolin

Die Verkleinerungsform von Ravioli, aus dem Italienischen übernommen. Kleine gefüllte Teigtaschen, hier in Brühe gegart, sehr ähnlich zu heutigen Tortellini in Brodo.

kaponer

Kapaun, ein kastrierter und besonders gemästeter Hahn. Galt als feines, teures Fleisch und war typisch für die gehobene Patrizierküche.

fleschbrie

Fleischbrühe. 'flesch' steht im ostschwäbischen Dialekt für Fleisch, 'brie' für Brühe.

bret

Hier vermutlich nicht 'Brett' im Sinne von Holzbrett, sondern von mittelhochdeutsch 'brāt' (Fleisch, Braten, wie in 'Bratwurst') abgeleitet: das gekochte oder gebratene Fleisch von Huhn oder Kapaun. Die Fleisch-Lesart wird zusätzlich durch eine CoReMA-Glosse zu einer anderen Handschrift gestützt (bret = Rehfleisch).

erttern

Vermutlich Rändern/Ortern (Plural zu Ort/Rand). Dasselbe Rezept nennt zuvor 'am ortt des blatz' (Rand des Teigfladens) - ein interner Parallelbeleg für diese Lesart, auch wenn das Wort 'erttern' selbst sonst im Korpus nicht belegt ist.

krapfen

Hier nicht der heute bekannte gebackene Krapfen (Berliner/Faschingskrapfen), sondern eine in Brühe gegarte Teigtasche - Grimms Wörterbuch belegt eigens 'gesottene krapfen' als eigene Zubereitungsart neben der gebackenen.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 10 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain spinetspinach Q81464
kesßcheese Q10943
ain bret von ainer hennen oder kaponer, es seý gesotten oder gebrattenchicken meat Q864693
2 oder 3 airchicken egg Q15260613
saltztable salt Q11254
pfefferpepper Q3143131
ainem schenen melflour Q36465
ain fleschbriemeat broth Q67860017

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbret

Gewählte Lesart: Als 'Fleisch' übersetzt, abgeleitet von mittelhochdeutsch 'brāt' (Fleisch, Braten), passend zum Kontext 'gesotten oder gebratten' und 'klaingehackt'.

Andere mögliche Lesart:

  • Als 'Brust' (Brustfleisch) gelesen. - Inhaltlich naheliegend, da Hühnerbrust eine gängige Zutat wäre, aber lautlich weniger direkt aus 'bret' ableitbar als 'brāt'.

Lesartbriet / gebriet

Gewählte Lesart: Als 'brühen/abbrühen' übersetzt: im selben Kochbuch wird 'briet'/'gebriet' bei einem Vogel vor dem Rupfen (Rezept 2) eindeutig so verwendet, und für Spinat ergibt Blanchieren ohne Fett auch handwerklich mehr Sinn als Andünsten - der Text nennt keine Butter oder Fett.

Andere mögliche Lesart:

  • Als 'braten/dünsten' gelesen. - Automatische Lemmatisierung (MHDBDB) ordnet 'briet' primär dem Lemma 'braten' zu; ohne den buchinternen Vergleichsbeleg wäre diese Lesart naheliegend, wird hier aber vom Kontext (kein Fett genannt) und vom Zwilling im selben Buch widerlegt.

Lesarterttern

Gewählte Lesart: Als 'Rändern' (Ortern, Plural von Ort/Rand) gelesen, im Sinne von 'drückt sie an den Rändern gut zusammen', passend zur vorherigen Erwähnung 'am ortt des blatz'.

Andere mögliche Lesart:

  • Unklare oder verschriebene Form ohne sichere Parallele. - Das Wort ist im Korpus nicht anderweitig belegt, die Lesart 'Rändern' stützt sich allein auf den inneren Textzusammenhang.

Lesartlind bar air

Gewählte Lesart: Als Zeitangabe 'wie ein weichgekochtes Ei' gelesen, also eine kurze Kochzeit zum Vergleich.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine verschriebene oder unvollständige Wendung ohne sichere Bedeutung. - Die genaue Wortfolge 'bar air' ist ungewöhnlich und nicht im Korpus belegt, die Lesart als Kochzeit-Vergleich ergibt sich nur aus dem Sinnzusammenhang des Satzes.

LesartGarzeit (wie ain lind bar air)

Gewählte Lesart: In der Praxis so lange pochieren, bis Teig und Füllung im Kern sicher fest sind (Garprobe an einer Rabiole), auch wenn das etwas länger dauert als ein weichgekochtes Ei braucht.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich wie im Text: nur die Zeit eines weichgekochten Eies, ohne weitere Prüfung des Garzustands der Füllung. - Das ist die historische Vergleichsangabe selbst - ein weichgekochtes Ei ist im Kern oft nicht durchgegart, daher als alleiniger Maßstab für eine mit Ei gebundene Füllung unsicher.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 10 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Teig kneten, Füllung anrühren und die kleinen Teigtaschen formen dauert seine Zeit, etwa 60-90 Min inklusive Kochen in der Brühe. Gekochtes Hühner- oder Kapaunfleisch morgens frisch zubereiten oder mitbringen, Käse und Spinat sind unkritisch.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.