Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Wenn du Essig für unterwegs mit dir führen möchtest - in der Tasche oder worin du sonst willst, wohin du auch kommst -, damit du überall vorbereiteten Essig hast:
Nimm die Kerne aus den Traubenhülsen in der Kelter und presse sie gut aus. Stoße sie dann gut zu Pulver. Auf dieses Pulver gieße guten Essig, vermische es gut und lasse es stehen, damit sich das Pulver am Boden absetzt.
Gieße den Essig ab und trockne das Pulver in der Sonne. Dies tue dreimal. Wenn du dann schnell Essig haben möchtest, wo immer du bist, so nimm etwas von dem Pulver und streue es in einen Becher voll Wein. So hast du einen guten Essig.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| die kern in der kelter uß der winber hulse | Traubenkerne | - | Online-Gewürzhandel, Reformhaus (als Traubenkernmehl) | - |
| guottenn essig | Essig | - | - | - |
| win | Wein | - | - | - |
Welches Getränk ist das?
Kein Getränkerezept im eigentlichen Sinn: So1-124 beschreibt die Herstellung eines Essigpulvers für die Reise, kein zu vergärendes Getränk. Traubenkerne aus dem Trester (den Hülsen, die nach dem Pressen in der Kelter zurückbleiben) werden ausgedrückt, zu Pulver gestoßen und dreimal in Essig getränkt und in der Sonne getrocknet, bis das Pulver mit Essigsäure gesättigt ist. Unterwegs wird eine Prise davon in einen Becher Wein gestreut, um daraus schnell einen „guten Essig“ zu bekommen. Anders als sonst in dieser Reihe: kein Honig, kein Most, keine Gärung - lebende Verwandte sind heute handelsübliches Essigpulver (Essig auf einen Trägerstoff aufgezogen und getrocknet), eine strukturelle Analogie, keine belegte Kontinuitätslinie.
Behältnis, nicht Ort. Die Einleitung nennt zwei Optionen für das Transportgefäß - „in der Tasche oder worin du sonst willst“ - und erst danach, als eigenen Nebensatz, das Reiseziel („wohin du auch kommst“). Eine frühere Lesart hatte beides zu einem einzigen „wo immer du willst“ verschmolzen und damit die Behältnis-Wahl als eigenständige Aussage verloren.
„Trucke sy wol“ - drücken oder trocknen? An der Stelle, an der die ausgepressten Kerne vor dem Stoßen zu Pulver noch einmal behandelt werden, steht „trucke sy wol“, übersetzt als „presse sie gut aus“. Das Verb ist im Korpus doppeldeutig: „trucke“ kann sowohl „drücken“ als auch eine Schreibvariante von „trocken/trockne“ sein. Für „trocknen“ spricht, dass feucht gepresste Kerne sich schlecht zu Pulver stoßen lassen, und dass der Zwilling k1-161 an der parallelen Stelle „truckene“ (= trockne) schreibt. Dagegen spricht, dass derselbe Schreiber vier Zeilen später („truckne das bulffer an der sunen“) das Verb fürs Trocknen ausdrücklich mit einem n schreibt - ein Indiz, dass „trucke“ ohne n hier bewusst das Auspressen meint. Die Übersetzung folgt der Lesart „drücken/pressen“, die Alternative bleibt aber dokumentiert (siehe die ausgewiesenen Lesart-Entscheidungen).
Zwei Wirkmechanismen - welcher trägt „schnell“? Wie das Pulver im Becher Wein tatsächlich zu Essig wird, lässt der Text offen. Lesart A: Das Pulver trägt aufkonzentrierte Essigsäure aus dem dreifachen Einlegen und säuert den Wein beim Einstreuen sofort chemisch an - das Ergebnis wäre streng genommen angesäuerter Wein, kein biologisch vergorener Essig, passt aber zum Text („schnell“). Lesart B: Das Pulver trägt eine überlebende Essigmutter (Essigsäurebakterien) aus dem wiederholten Essigkontakt, und die Essigbildung im Becher läuft erst nach dem Einstreuen ab, unter Luftzutritt, über Tage bis Wochen. Essigsäurebakterien brauchen für diese Umwandlung typischerweise Tage bis Wochen, nicht Minuten - Lesart A trägt die Textstelle „schnell“ damit deutlich besser, auch wenn beide Lesarten nebeneinanderstehen.
Für Metmacher: die Zahlen. Für dieses Rezept lässt sich kein Gärmodell rechnen: Der Text nennt weder Honig noch Most noch eine Mengenangabe für Essig, Pulver oder Wein - „nimm des Pulvers“ und „ein Becher voll Wein“ bleiben unbestimmt. Eine SG/ABV-Tabelle wie bei den Honigweinen dieser Reihe wäre hier freihändig erfunden und entfällt deshalb bewusst. Unbelegt für 1487 bleiben zudem: Alkohol- und Restzuckergehalt des verwendeten Weins, der Säuregehalt des verwendeten Essigs (schwankt historisch stark je nach Ausgangsmaterial und Führung), und ob die Essigsäurebakterien die Sonnentrocknung überhaupt lebend überstehen - der Text nennt weder Temperatur noch Trocknungsdauer.
Praxis. Das primäre Verderbnisrisiko liegt nicht im fertigen Essig-Wein-Gemisch (bereits sauer und damit vergleichsweise stabil), sondern in der Herstellung des Pulvers selbst: Zwischen dem Absetzen und dem vollständigen Durchtrocknen bietet das feuchte Trester-Essig-Gemisch ein Zeitfenster für Schimmel, falls die Sonne nicht ausreicht. Ist das Pulver einmal ganz trocken, ist es durch niedrigen Wassergehalt und Säure lagerstabil. Für den Marktstand bedeutet das: Das Pulver wird zu Hause vorbereitet, am Stand selbst braucht es nur eine Prise in einen Becher Wein - eine sekundenschnelle, sichere Vorführung ohne Feuer oder Kochgerät.
Dieses Rezept beschreibt die Herstellung eines konzentrierten Essigpulvers, das leicht zu transportieren war. Es diente dazu, unterwegs schnell Essig herzustellen, indem man es in einen Becher Wein streute.
Ja, hervorragend geeignet. Das fertige Essigpulver ist leicht und robust zu transportieren. Die Rekonstitution mit Wein ist in Sekunden erledigt und braucht kein Kochgerät und kein Feuer. Die einmalige Herstellung des Pulvers selbst braucht dagegen mehrere Tage (dreimaliges Einlegen und Trocknen) und gehört in die Vorbereitung zu Hause.
Ja, du kannst Traubenkerne aus Weintrauben gewinnen. Sie müssen gründlich gereinigt und getrocknet werden, bevor du sie zu Pulver mörserst. Alternativ kannst du auch fertiges Traubenkernmehl verwenden, das in Reformhäusern oder online erhältlich ist.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
Eine Weinpresse, in der die Trauben zur Weinherstellung ausgepresst werden.
Die Traubenhülsen sind die festen Bestandteile der Trauben (Schalen, Kerne, Stiele), die nach dem Pressen des Saftes in der Kelter zurückbleiben.
Der Boden des Gefäßes, in dem sich das Pulver absetzt.
Sonne. Das Pulver wird zum Trocknen in die Sonne gelegt.
Dreimal. Der Vorgang des Einlegens und Trocknens wird dreimal wiederholt, um das Pulver zu konzentrieren.
Ein Trinkgefäß oder Becher.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| guottenn essig | vinegar Q41354 |
| win | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
trucke (trucke sy wol)
Gewählte Lesart: ‚drücken/pressen‘ - die ausgepressten Kerne werden vor dem Stoßen zu Pulver noch einmal gut ausgedrückt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.