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Mandel-Igel

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Mandeln nach Belieben zerstoßen oder mahlen und durch ein Tuch in einen Topf seihen. Mit einem Holzstab kräftig durchrühren, kalte Milch darübergießen und Zucker einrühren. Die dicke Masse, die im Tuch zurückbleibt, zu einem Igel zusammenformen und im Gefäß liegen lassen, damit sie abtropft - dabei sieht sie wieder wie der geformte Igel aus.

Mit Mandeln bestecken, die als Borsten dienen; die Mandeln können gefärbt oder vergoldet werden. Zum Schluss noch reichlich Zucker darübergeben.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Mandel Mandeln - Supermarkt (Backregal) Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen
milch Milch - - -
Zucker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Eine zu einer Igel-Figur geformte, feste Mandel-Zucker-Masse: Mandeln gemahlen und durch ein Tuch geseiht, mit Mandeln als Borsten besteckt, wahlweise gefärbt oder vergoldet. Stofflich und in der Technik am nächsten an heutigem Marzipan - insbesondere an der bis heute verkauften Marzipan-Igel-Figur, etwa als Neujahrs-Glücksbringer. Ein durchgehender Traditionsstrang von 1545 bis heute ist damit nicht belegt, nur die stoffliche und formale Nähe.

Zwei Produkte aus einem Arbeitsgang. Das Stoßen und Seihen der Mandeln durch ein Tuch trennt eine feine, trinkbare Mandelmilch (die Flüssigkeit läuft in den Topf) von einem dicken Mandelbrei, der im Tuch zurückbleibt. Nur der Brei wird zum Igel geformt; die gesüßte Mandelmilch im Topf ist ein zweites, eigenständiges Produkt, das vermutlich als Getränk dazu gereicht wurde.

Wie die Masse fest wird. Die Vorlage beschreibt, dass die abgetropfte Masse wieder wie der geformte Igel aussieht, sobald sie ausreichend Flüssigkeit verloren hat. Das ist reiner Feuchtigkeitsentzug, kein Gelierprozess - das Rezept enthält kein Geliermittel wie Hausenblase, anders als der Mandelkäse und verwandte Rezepte im selben Kapitel, die eine flüssige Mandelmilch in eine Form gießen und binden.

Praxis. Mandeln fein mahlen oder stoßen und durch ein Tuch in einen Topf seihen. Mit einem Holzstab kräftig verrühren, kalte Milch dazugießen und Zucker einrühren - das ergibt die süße Mandelmilch. Die dicke, im Tuch zurückgebliebene Masse zu einem Igel formen und im Gefäß abtropfen lassen, kurz bei Raumtemperatur, danach bis zum Anrichten am besten kühl aufbewahren. Sobald die Masse fest genug ist, Mandeln als Borsten aufstecken; zum Färben kämen etwa Safran (gelb) oder Brasilholz (rot) infrage, oder die Mandeln werden vergoldet. Zum Schluss reichlich Zucker über die fertige Figur geben. Die gesüßte Mandelmilch aus dem Topf separat dazu reichen.

Wie wird der Mandel-Igel fest?

Die dicke Mandelmasse bleibt zunächst im Tuch, wird zu einem Igel geformt und darf anschließend im Gefäß abtropfen. Durch den Flüssigkeitsentzug wird sie fest genug, um die Igel-Form zu halten, und kann dann mit Mandel-Borsten besteckt werden. Ein Geliermittel wie Hausenblase kommt hier nicht zum Einsatz, anders als bei einigen anderen Rezepten dieses Kapitels.

Brauche ich für dieses Rezept einen Mörser?

Nein, die Mandeln können fertig gemahlen gekauft werden. Für eine historische Zubereitung eignen sich ein großer Mörser oder ein schwerer Mahlstein, nicht der kleine Gewürzmörser.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, sehr gut geeignet, sogar als kleines Schaugericht. Topf, Tuch und Holzstab genügen, es braucht weder Feuer noch Kühlung. Das Bestecken mit Mandel-Borsten und das wahlweise Färben oder Vergolden bieten eine gut sichtbare Gestaltung vor Publikum.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Ain Igel von Mandel. v. ¶Der neme Mandel / wieuill er will / ſtoß oder mals/ ſeichs durch ain tuͤch / ſchüt das inn ein hafen / zwierle das⸗ mit einem holtz durcheynander / geüße die milch kalt dar⸗ auff / thuͤ Zucker darein / das dick das inn dem tuͦch blei⸗ bet muſt zuͦ ſamen foꝛmen wie ein Igel / laß im gefaͤß ligen ſo ſeicht es ſich auß / wirdt eim Igel gleich / ſo beſtecks mit Mandel oben vber / das ſein die poͤrſter / man mags ferbe oder vergulden die Mandel / nim eerlich zucker darein.
Igel

Die Mandelmasse wird als Tierfigur geformt. Aufgesteckte Mandeln bilden die Borsten des Igels.

zwierle

Hier als kräftiges Durchrühren oder Vermengen mit einem Holzstab verstanden - ein Vergleichsrezept aus einem anderen Kochbuch beschreibt an derselben Stelle ausdrücklich das Rühren mit einem kleinen Holzstück.

poͤrſter

Damit sind die Borsten des dargestellten Igels gemeint, hier aus aufgesteckten Mandeln.

eerlich zucker

"Eerlich" ist an dieser Stelle kein moralisches Wort im Sinn von "ehrlich", sondern ein in der Zeit gebräuchliches Verstärkungswort vor Mengenangaben - sinngemäß "eine gehörige, reichliche Menge". Im selben Buch mehrfach in derselben Wendung belegt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das erste Buch: Mandelspeisen
Folio
Fol. 001v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Mandelalmond Q184357
milchmilk Q8495
Zuckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartAbtropf- und Lagerdauer

Gewählte Lesart: Als moderner Praxis-Hinweis verstanden: kurz bei Raumtemperatur abtropfen lassen, danach bis zum Anrichten kühl aufbewahren, da eine milch- und mandelhaltige Masse über längere Zeit ungekühlt ein Risiko wäre.

Andere mögliche Lesart:

  • An einem kühlen Ort ohne Kühlschrank ziehen lassen - Der Druck nennt nur, dass die Masse im Gefäß liegen und abtropfen soll; std-006 schreibt für den verwandten Mandelkäse ausdrücklich einen kalten Lagerort vor, ohne dass es damals Kühlschränke gab.

LesartVerbleib der gesüßten Mandelmilch

Gewählte Lesart: Als eigenständiges Getränk verstanden, das separat neben dem fertigen Igel angerichtet oder dazu gereicht wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Reiner Zwischenschritt ohne eigene Verwendung - Der Druck sagt nicht ausdrücklich, was mit der Mandelmilch im Topf geschieht, und springt direkt zum Formen des im Tuch verbliebenen Breis; eine weitere Verwendung könnte als selbstverständlich gegolten haben und deshalb unerwähnt geblieben sein.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 001v (gedruckte Blattzählung I verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Reines Kaltverfahren mit Tuch, Topf und Holzstab, ganz ohne Feuer und ohne Kühlung machbar - anschließend braucht die geformte Masse nur Zeit zum Abtropfen. Zweck des Rezepts ist ausdrücklich die Schauwirkung: Igel-Form, aufgesteckte Mandel-Borsten und wahlweises Färben oder Vergolden. Das einfachste und schnellste Schaugericht in diesem Kapitel.
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Stand dieser Fassung: 02.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.