Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Nimm eine gute Sahne, oben von der Milch abgeschöpft. Gib dazu Schmalz oder Butter, etwa in der Größe eines Eies. Setze das über ein Feuer in einer Pfanne, und wenn es zu sieden beginnt, nimm vierzehn Eigelb und rühre einen Löffel voll Semmelmehl in die Eier, dazu eine ganze geriebene Semmel.
Wenn die Sahne zu sieden beginnt, setze die Pfanne auf eine kleine Glut und rühre die Eier langsam darunter. Lass es ein wenig sieden, bis es dick genug ist.
Nimm eine Handvoll Zucker und Rosinen, fülle die Masse in eine Pastete und auf einen Tortenboden, und lass sie eine halbe Stunde backen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain gute obere abgeraumbte milch | Sahne, oben von der Milch abgeschöpft | - | - | - |
| ſchmaltz oder butter / als ain ay | Schmalz, in der Größe eines Eies | - | - | Butter |
| vier zehen ayer doter | Eigelb | 14 | - | - |
| ein loͤffel vol ſemel mel | Semmelmehl | 1 EL | - | - |
| ain gantz geribne ſemel | 1 geriebene Semmel | 1 Stück | - | - |
| eim hand vol zucker | Zucker | - | - | - |
| Weinber | Rosinen | - | - | - |
| machs inn ain Baſtetes/ vnd auff ain Torten | Pasteten- oder Tortenboden | - | - | Fertiger Mürbeteig-Tortenboden |
Welches Gericht ist das? Ein gebackener Eier-Rahm-Custard in einer Teighülle: abgeschöpfte Sahne wird mit Eigelb und geriebener Semmel auf dem Feuer langsam angedickt, mit Zucker und Rosinen versetzt und dann in einer Pastete beziehungsweise auf einem Tortenboden eine halbe Stunde gebacken. Lebende Verwandtschaft dieser Speisefamilie: der französische flan pâtissier, die englische custard tart und die deutsche Rahm- oder Milchtorte - alle drei binden eine Eier-Milch-Masse in einer gebackenen Teighülle.
Zucker und Rosinen: gemeinsame oder getrennte Handvoll? Der Originaltext lässt offen, ob eine gemeinsame Handvoll aus Zucker und Rosinen gemeint ist oder je eine Handvoll von beidem. Beide Lesarten ergeben ein plausibles, nachkochbares Ergebnis; wer es milder mag, nimmt eine gemeinsame Handvoll, wer es deutlich süßer und rosinenreicher mag, nimmt von beidem je eine.
Backmethode. Das Rezept nennt für die abschließende halbe Stunde Backen keine Methode. In Nachbarrezepten desselben Kapitels wird dafür ein Hafendeck mit Glut ober- und unterhalb beschrieben - für dieses Rezept selbst ist das aber nur aus dem Kapitelkontext erschlossen, nicht im Text belegt.
Garprobe beim Andicken. Der Text sagt nur, man solle ein wenig sieden lassen, bis es dick genug ist, und dabei rühren - eine objektive Garprobe nennt er nicht.
Praxis. Sahne mit Schmalz oder Butter erhitzen, bis sie zu sieden beginnt. Eigelb mit Semmelmehl und geriebener Semmel verrühren, dann bei kleiner Hitze langsam unter die Sahne rühren - wie bei einer Crème anglaise: sobald die Masse einen Löffelrücken überzieht, von der Hitze nehmen, damit sie nicht gerinnt. Zucker und Rosinen einrühren, in einen vorgebackenen Pasteten- oder Tortenboden füllen und im moderaten Haushaltsofen bei etwa 180 Grad rund 30 Minuten fertigbacken.
Eingeschränkt geeignet. Die Eiercreme braucht ruhige, niedrige Hitze beim Andicken, sonst gerinnt sie, und danach folgt eine halbe Stunde Backen. Das Rezept selbst nennt keine Backmethode; in Nachbarrezepten desselben Kapitels wird dafür ein Hafendeck mit Glut ober- und unterhalb beschrieben. Außerdem fehlt in diesem Rezept die Anleitung für den Pasteten- oder Tortenboden, den man vorbereitet mitbringen muss.
Vierzehn Eigelb ergeben eine recht große, reichhaltige Füllung. Für eine kleinere Menge lässt sich die Menge problemlos halbieren, das Mischungsverhältnis von Sahne, Semmel und Eigelb bleibt dabei erhalten.
Der Originaltext lässt offen, ob eine gemeinsame Handvoll aus Zucker und Rosinen gemeint ist oder je eine Handvoll von beidem. Beide Lesarten sind kulinarisch plausibel, moderne Nachkocher können nach Geschmack zwischen mildem und deutlich süßerem Ergebnis wählen.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Die von der Milch obenauf abgeschöpfte Sahne, nicht die entrahmte (fettarme) Milch.
Semmelmehl, also fein geriebene Semmel/Weißbrot als Bindemittel. Historisches Kochbuch-Vokabular bindet mit Brot, nicht mit Weizenmehl.
Pastete, eine gebackene Teighülle. Hier wird die fertige Eiercreme in eine solche Hülle beziehungsweise auf einen Tortenboden gefüllt.
Weinbeeren, hier im Sinne von getrockneten Rosinen, nicht frische Weintrauben.
Kleine Glut, also niedrige, gleichmäßige Hitze zum sanften Andicken der Eiercreme.
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „liiij" (Kapitel-Rezeptnummer 54, hier ü/h statt i/i verlesen). „lüihj" ist kein Wort; die Nachbarrezepte std-055 (lij=52), std-056 (liij=53), std-058 (lv=55) und std-059 (lvj=56) belegen die arithmetische Zählfolge +1, die für std-057 zwingend „liiij" (54) verlangt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Weinber | raisin Q13186 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
eim hand vol zucker vnd Weinber
Gewählte Lesart: Eine gemeinsame Handvoll aus Zucker und Rosinen zusammen, wie es die Formulierung 'ein[e] Handvoll X und Y' im Deutschen nahelegt.
Andere mögliche Lesart:
Backmethode für 'laß bachen / ain halbe stund'
Gewählte Lesart: Moderater Haushaltsofen bei etwa 180 Grad für rund 30 Minuten - die praktikable Umsetzung für heutige Küchen.
Andere mögliche Lesart:
Garprobe für 'biß es dick gnug sey'
Gewählte Lesart: Crème-anglaise-artige Konsistenz: von der Hitze nehmen, sobald die Masse einen Löffelrücken überzieht.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 06.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.