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Saure Hafergrütze mit Früchten

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Lass Hafer mahlen, aber nicht zu fein. Nimm Urhab und weiche ihn ein, so viel, wie du für ein Brot brauchen würdest. Setze damit einen sauren Ansatz an und lass ihn stehen, bis er sich säuerlich zeigt. Gieße dann Wasser hinein, rühre alles gut durcheinander und drücke die Masse mit den Händen aus, sodass das Dünne im Wasser bleibt. Seihe es sorgfältig und lass es kalt werden. Wenn du davon kochen willst, greife am Boden um oder rühre alles durcheinander und fette eine Pfanne mit Schmalz. Sobald die Masse dick wird, gieße sie in eine Schüssel und lass sie stehen, bis sich eine Haut bildet. Nimm die Haut ab, schneide sie in dünne Stücke und röste diese reichlich in Schmalz. Gieße die gekochte Geißlitzmasse darüber und lass alles einkochen. Setze die Schüssel auf eine kleine Glut, lege einen passenden Deckel mit Glut darauf und röste weitere Brotstücke darüber. Gib Weinbeeren, Feigen und Mandelkerne hinein. Das Gericht lässt sich auch in einem Reindel kochen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
habern Hafer - - Hafermehl
vꝛhab Urhab, Sauerteigansatz - Bäckerei Aktiver Hafer- oder Weizensauerteig
waſſer Wasser - - -
ſchmaltz Schmalz - - Butterschmalz
Weinberlen Weinbeeren, vermutlich Rosinen - - Frische Weintrauben
feigen Feigen - - -
Mandelkeren Mandelkerne - - Gemahlene Mandeln
bꝛocken Brotstücke - - Semmelstücke

Welches Gericht ist das? Ein sauer vergorener Haferansatz, der abgeseiht, eingedickt und kalt zu einer Haut erstarrt, dann in Scheiben in Schmalz geröstet und mit der übrigen gekochten Masse, weiteren gerösteten Brotstücken, Weinbeeren, Feigen und Mandeln vollendet wird - wahlweise im Reindel gegart. Die nächste lebende Verwandtschaft sind die gesäuerten Hafer- und Getreidebreie der alpin-schwäbischen Hausmannskost (Habermus-Tradition); international vergleichbar mit ausgewaschenen Haferstärke-Speisen wie der walisischen Flummery oder den schottischen Sowans. Streng genommen ist das Ergebnis eher eine ausgewaschene Haferstärke-Speise als eine Grütze aus ganzem Kornschrot, denn die groben Anteile werden ja abgeseiht und verworfen - doch der Name Geißlitz beziehungsweise Hafergrütze hat sich für diese Machart im Sprachgebrauch eingebürgert, ähnlich wie bei der Roten Grütze.

Der saure Ansatz. Der hier beschriebene Ansatz (der ‚Dümpfel') ist kein Sauerteig im Sinn der Bäckerei - er wird nie gebacken, sondern verdünnt, ausgepresst, abgeseiht und zu einer Speise eingekocht. Angesetzt wird er mit Urhab, einem bereits gärenden Sauerteigansatz, der hier nur als Säuerungsmittel dient.

Die Stärketrennung. Grobes Mahlen erhält die Struktur für die spätere Auswaschung: Beim Kneten und Auspressen der genässten Masse mit den Händen geht die feine Stärke ins Wasser über, während die groben Spelzenreste zurückbleiben und abgeseiht werden. Die Übersetzung der Stelle ‚mit den Händen auß' als Auspressen ist küchentechnisch plausibel und passt zum Ergebnis - eine sichere Wörterbuchbelegung für diese genaue Wendung gibt es dafür allerdings nicht.

Praxis. Weiche den Urhab mit Wasser ein (die Quelle nennt an dieser Stelle kein Einweichmedium; Wasser ist die unproblematische moderne Voreinstellung - historisch wäre auch laue Milch oder ein verdünnter Bierrest denkbar). Lass den Ansatz bei Raumwärme stehen, bis er säuerlich riecht - je nach Aktivität des Urhabs von mehreren Stunden bis über Nacht; die angegebene Zubereitungszeit bildet vermutlich nur die anschließende aktive Kochzeit ab, nicht diese Standzeit. Verdünne mit Wasser, presse und knete die Masse gut durch, seihe sie ab und stelle sie kalt. Beim Kochen: Pfanne mit Schmalz einfetten, unter Rühren eindicken, in eine Schüssel füllen und eine Haut aufziehen lassen. Die Haut abnehmen, in dünnen Scheiben in reichlich Schmalz rösten und mit der eingekochten Restmasse übergießen. Für die Ofenersatz-Röstung der Brotstücke eignet sich ein Glutdeckel-Aufbau (Schüssel auf kleiner Glut, ein passender Deckel mit eigener Glut obenauf) - eine am offenen Feuer realistische Technik ohne Backofen. Zum Schluss Weinbeeren (am ehesten Rosinen), Feigen und Mandelkerne untermischen.

Was ist Geißlitz?

Geißlitz ist eine saure Haferzubereitung. Der Ansatz wird mit Urhab gesäuert, abgeseiht, eingedickt und anschließend in Stücken in Schmalz geröstet.

Was bedeutet Urhab?

Urhab ist ein gärender Sauerteigansatz. Er bringt die Hafermasse zum Säuern, bevor sie mit Wasser verdünnt und abgeseiht wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt. Der Sauerteigansatz braucht eine Ruhezeit, und die Zubereitung verlangt mehrere Schritte mit Pfanne, Schüssel und Glutdeckel.

Warum heißt das Gericht Hafergrütze, wenn die groben Bestandteile am Ende abgeseiht werden?

Die grob gemahlene Hafermasse wird tatsächlich abgeseiht - übrig bleibt eine stärkehaltige Flüssigkeit, die zu einer puddingartigen Masse eingekocht wird und beim Erkalten eine Haut bildet. Im engen Wortsinn ist das eher eine ausgewaschene Haferstärke-Speise als eine Grütze aus ganzem Kornschrot, ähnlich wie bei der Herstellung der Roten Grütze. Der Name Geißlitz beziehungsweise Hafergrütze hat sich für diese Machart im Sprachgebrauch dennoch eingebürgert.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Geißlitzt zuͦmachen. cclxix. &Laß ain habern zuͦmalen / müß nit zuͦ klein ge malen ſein / nimb dann ein vꝛhab / das waich ein / wie zuͦ ei nem bꝛot / darnach dn vil mache wilt / vñ mach ein dümp⸗ ffel an / biß ſich erzeiget ſeirlacht / ſo geüß dann ein waſſer darein / ruͤrs wol durch ainander / vnd blaß mit den haͤn⸗ den auß / ſo bleibt das düñ im waſſir / dann ſo ſeichs ſchoͤn vnd kalt verhilt / das iſt nu die Geißlitz / So man aber eine Eochen will / greyff gen bodeu / oder ruͤrs durch ainander/ ſchmaltz ein pfann / ſo es dick wirt / ſo geüß auff ein ſchüſſel/ laß ſteen / ſo gewinnts ain haut / die nimb ab / vnd ſchneid dünne broͤcklen / die roͤſch im ſchmaltz / nit zuͦ wenig / geüß die geſotten Geißlitz hinnach / vñ ſeüds alſo ab / ſetz auf ein gluͤtle / thuͦ ain hoͤflich deck darauff mit ainer gluͤt / vñ roͤ⸗ ſte aber bꝛocken daraufſ / thuͦ Weinberlen vñ feigen darein Mandelkeren / man mags in eim reindel auch alſo koche.
Geißlitz

Geißlitz bezeichnet hier eine aus Hafer und Sauerteigansatz gewonnene, saure und später eingedickte Speise.

vrhab

Urhab ist ein bereits gärender Sauerteigansatz, der zum Säuern der Hafermasse dient.

Reindel

Ein Reindel ist eine flache Pfanne oder kleine Bratschüssel.

Weinberlen

Weinbeeren sind im historischen Kochkontext häufig Rosinen; frische Weintrauben bleiben als wörtliche Möglichkeit bestehen.

cclpiv

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für die Kapitelnummer „cclxix" (269): der Buchstabe x wurde an zwei Stellen als p bzw. v gelesen - dieselbe Schadensklasse (x→v) zeigt sich in den Kapitelnummern der Nachbarrezepte std-269 bis std-272. Gloning 1569 führt an dieser Stelle dieselbe Rezeptüberschrift „Geißlitz zumachen" mit der Kapitelnummer cclxix.

dump

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „dümpffel" (Umlautpunkt über dem u nicht erkannt, doppeltes f über den Zeilenumbruch hinweg auf eines verkürzt). Dasselbe Wort ist im inhaltlich verwandten Rezept std-272 (ebenfalls Kraken-OCR) korrekt als „dümpffel" erfasst; Gloning 1569 bestätigt an dieser Stelle dieselbe Wortfamilie. editors_note und preparation_note dieses Rezepts benennen den Ansatz bereits als „Dümpfel" - die Korrektur war in transcript.text bislang nicht nachgezogen.

erzeiger

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „erzeiget" (Schadensklasse: t als r gelesen). „erzeiger" ist an dieser Stelle grammatisch keine zulässige Form von „sich erzeigen" (3. Person Singular Präsens); text_modern übersetzt bereits korrekt mit „zeigt". Gloning 1569 bestätigt an dieser Stelle dieselbe Verbform.

ſoß

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „ſo es" (zwei Wörter verschmolzen, e ausgefallen, die beiden s als ß-Ligatur gelesen). „ſo es" ist im std-Korpus die durchgehend verwendete Schreibweise (zehnmal belegt), „ſoß" kommt sonst nirgends vor. Gloning 1569 bestätigt an dieser Stelle dieselbe Zweiwort-Fügung; text_modern übersetzt bereits sinngemäß mit „Sobald ... wird".

Gei ijlitz

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „Geißlitz" (ß als „ij" gelesen, dazwischen ein falscher Wortzwischenraum eingefügt). Der Begriff ist im selben Rezept mehrfach korrekt als „Geißlitz" erfasst (Titel „Geißlitzt zuͦmachen", weiter unten „die geſotten Geißlitz"); Gloning 1569 bestätigt an dieser Stelle ebenfalls das Wort Geißlitz.

bꝛocke

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „bꝛocken" (auslautendes n nicht erkannt). Gloning 1569 liest an dieser Stelle die Pluralform mit -n; die Übersetzung als „Brotstücke" (Plural) setzt ohnehin die -n-Form voraus.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das achte Buch: Suppen
Folio
Fol. 048v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

habernoats Q24265484
vꝛhabsourdough Q904889
waſſerwater Q283
ſchmaltzanimal fat Q1423543
feigenfig Q2746643
Mandelkerenalmond Q184357

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartEinweichmedium des Urhabs

Gewählte Lesart: Der Urhab wird zum Einweichen mit Wasser angesetzt - eine unproblematische moderne Voreinstellung, textlich nicht ausgeschlossen.

Andere mögliche Lesart:

  • Einweichen mit lauwarmer Milch oder einem verdünnten Bierrest. - Der Primärtext nennt an dieser Stelle kein Einweichmedium (‚das waich ein'); andere Brotansätze der Zeit wurden teils mit Milch oder Bierresten angesetzt. Die Quelle bleibt hier offen.

LesartStandzeit bis zur Säuerung

Gewählte Lesart: Mehrere Stunden bis über Nacht bei Raumwärme, dem üblichen Zeitrahmen für einen Sauerteigansatz entsprechend.

Andere mögliche Lesart:

  • Deutlich längere Standzeit bei kühlerem Wetter oder schwächerem Urhab. - Der Text nennt keine Zeitangabe für das Säuerlichwerden. Die angegebene Zubereitungszeit (180 Minuten) bildet vermutlich nur die anschließende aktive Kochzeit ab, nicht die vorgelagerte Steh- und Säuerungszeit.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 048v (gedruckte Blattzählung XLVIII verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Der Sauerteigansatz braucht eine Ruhezeit bis zum Säuerlichwerden, danach folgen Abseihen, Eindicken und Ausbacken in mehreren Gefäßen. Für die Endmontage am Feuer sind Pfanne, Schüssel und Glutdeckel nötig.
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Stand dieser Fassung: 03.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.